Nachruf auf den Louis-Vuitton-Chefdesigner

Warum die Welt ohne Virgil Abloh eine andere wäre

Montag, 29. November 2021
Mit Virgil Abloh starb am 28. November 2021 nicht nur der Chefdesigner von Louis Vuitton und Gründer des Street-Fashion-Labels OFF-White, sondern die Ikone einer ganzen Kultur. Für Phillip Böndel und Tobias Kargoll, die Gründer der auf Hiphop spezialisierten Beratungsagentur The Ambition, war Abloh nicht weniger als der bedeutendste Visionär unserer Zeit. Ein Nachruf.
Für uns war Virgil Abloh ein Beweis für die Kraft der Hiphop-Kultur, ein Türöffner, Hoffnung für unsere Zukunft. Nicht, weil er legendäre Albumcover für Kanye West, Jay-Z und A$AP Rocky gestaltete oder eine aktuell prägende Streetwearmarke schuf. Sondern weil Virgil Abloh den Schritt über die Grenzen der Subkultur hinaus schaffte und uns dabei mitnahm. Er tat das, in dem er unsere Werte und Kulturtechniken zu Louis Vuitton und Mercedes trug. In dem er der Modewelt einen Bottom-Up-Ansatz gab und dort jetzt die Straße die Trends setzt. Er tat das, indem er eine Million US-Dollar für Stipendien für schwarze Designstudenten sammelte, um Inklusion in der Modeindustrie zu fördern.
Virgil Abloh auf dem Roten Teppich der Met Gala im Metropolitan Museum of Art in New York im September 2021
© IMAGO/UPI Photo
Virgil Abloh auf dem Roten Teppich der Met Gala im Metropolitan Museum of Art in New York im September 2021
Doch die Bedeutung von Virgil Abloh ist auch über unsere Kultur hinaus kaum zu überschätzen. Die Vogue nannte ihn den "Designer des Fortschritts", die New York Times den "Karl Lagerfeld für Millennials". Die Süddeutsche Zeitung ergänzte, er sei auch der Held der Generation Z gewesen, für das Wall Street Journal war er "eine der mächtigsten Personen der Modewelt" und jemand, der "einer neue Generation die Tür öffnete". Was wir von ihm über Erfolg in unserer Gegenwart und Zukunft gelernt haben, versteht man erst durch einen Blick auf seine Wurzeln und das verästelte Wirken seiner Arbeit.

Abloh war mehr als ein Modedesigner. Machen sagen, er war gar kein Modedesigner. Studiert hat er Architektur. Bekannt wurde er als Wegbegleiter einer anderen Hiphop-Legende: Kanye West alias YE. Seine größte Inspiration war Michael Jackson, seine Vorbilder die Architekten Le Corbusier und Mies van der Rohe, Produktdesigner wie Dieter Rams (Braun) und Jonathan Ive (Apple) sowie der Konzeptkünstler Marcel Duchamp. Ein internationales und interdisziplinäres Team. Er selbst sagte mal "Die größte Offenbarung in meinem Leben war, dass ich Produzent sein kann." Was genau produziert wird, ist zweitrangig. Das revolutionäre ist die Methode.
Das G-Klasse-Design von Virgil Abloh
© Mercedes-Benz
Das G-Klasse-Design von Virgil Abloh
Die "Methode Abloh" kommt nicht aus dem Nichts. Wie alles bei ihm, stammt sie aus dem kulturellen Kontext, in dem er aufwuchs. Sie ist Ausdruck der Postmoderne und bedient sich der entscheidenden Elemente der Hiphop-Kultur: Kollaboration und Sampling. Beides beschreibt für ihn die Auseinandersetzung mit den Werken anderer.

Im Jahr 2012 gründete Virigil sein erstes Unternehmen, Pyrex Vision. Er kaufte Secondhand-Kleidung von Ralph Lauren für 40 Dollar, bedruckte sie mit Siebdruckmotiven und verkaufte sie zu Preisen von bis zu 550 Dollar. Sein Ziel war es, die Bedeutung der Jugendkultur darzustellen, indem er ihre Motive auf Luxusmode brachte. Schon damals war ihm die kulturelle Referenz ebenso wichtig, wie der kommerzielle Erfolg.

Virgil Ablohs hypererfolgreiche Streetwearmarke OFF-White, die mittlerweile mehrheitlich zu LVMH gehört, kollaborierte mit Nike, Rimowa, Ikea, Moncler, Evian und etlichen anderen. Mercedes-Benz ließ von Abloh die G-Klasse als Kunstwerk neugestalten. Abloh brachte das den inoffiziellen Titel "King of Collabs" ein. Er selbst wollte diese Kollaborationen vor allem als Konversationen verstanden wissen: "Zwei Marken treten miteinander in den Dialog."

Das Prinzip gehört zur DNA der Hiphop-Kultur. Hiphop ist der kreative Ausdruck der eigenen Individualität, ist Selbstverwirklichung. Gleichzeitig schließen sich Graffiti-Writer, Rapper und Breakdancer seit den Siebziger Jahren in Crews zusammen und kollaborieren. Streetwearmarken kooperieren nach demselben Prinzip für limitierte Stücke und Editionen. Sie legen ihre Marken-DNA nebeneinander, finden Anknüpfungspunkte und lassen gemeinsam Neues entstehen. Nicht zuletzt ist es Virgil zu verdanken, dass dieses Stück Hiphop-DNA heute im Mainstream angekommen ist.

Was Abloh ebenfalls aus dem Hiphop mitbrachte: Die Idee, sich selbst in der Kollaboration sichtbar zu halten. DJs und Rap-Produzenten benutzen dafür DJ- und Producer-Tags: Ein Soundlogo, das in all ihren Werken eingespielt wird. Für Abloh waren das Kabelbinder, die er an von ihm designten Sneakers anbrachte und die Anführungsstriche um Wörter und Sätze, die er auf Mode ebenso druckte, wie auf Möbel in der aufsehenerregenden Kollaboration mit Ikea. Sie symbolisieren sein Prinzip: Das Zitat, den Remix, das Sample.
„Virgil Abloh ist es zu verdanken, dass Hiphop-DNA heute im Mainstream angekommen ist.“
Eines seiner bekanntesten Zitate ist, dass man Neues erschaffen kann, in dem man etwas Vorhandenes um nur drei Prozent verändert. Nach diesem Prinzip nahm er legendäre Nike Sneakers auseinander und setze sie neu zusammen oder kombinierte Hoodie mit Brautkleid. In der Zusammenarbeit mit BRAUN nahm er die von seinem Vorbild Rams gestaltete „Wandanlage" von 1965 und überzog sie mit Chrom. Das Chrom ist eine Reminiszenz an Braun-Rasierer, aber auch an die Platinketten und goldenen Zahnaufsätze, die Rapper berühmt machten. Deutsche Ingenieurskunst trifft Popkultur, das Ergebnis ist Design, dass einen Alltagsgegenstand zur Ikone erhebt.

Das Wall Street Journal schreibt über Virgils Marke Off-White, sie sei eine "Hommage an Hiphop innerhalb einer Institution, die die kulturelle Bedeutung des Genres lange unterschätzt hat". Was hier auf die Modeindustrie bezogen wird, gilt für fast alle Bereiche der Gesellschaft. Hiphop ist die Kultur der postmodernen, multiethnischen Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft. Die Kultur der Afroamerikaner, der afrikanischen Diaspora, der BiPOC. Virgil war seit 2018 Chefdesigner der Herrenmode von Louis Vuitton. Der erste Schwarze, der eine solche Position bei einem europäischen Luxushaus bekam. Ein Leistung, die kaum in Worte zu fassen ist.

Virgil war Hiphop. Deshalb steht unsere Welt heute still. Er hat unsere  Kultur bereichert und verbessert, und vor allem: Er hat uns Türen geöffnet. Die "Methode Abloh" kam nicht aus dem Nichts und wird mit seinem Tod nicht enden, doch seine Arbeit hat für Jahrzehnte den Weg geebnet.
  1. Brigitte Neubert
    Erstellt 30. November 2021 06:37 | Permanent-Link

    Der Teppich ist nicht rot.
    Ich dachte die hässlichen Klamotten von OFF White wären selbst bemalt.
    Das war Kommerz.
    Ich kann dem Bericht nicht folgen.
    Da ist mir als Designer wirklich was entgangen.
    Hier in Frankfurt hat ein Ladenbesitzer billige Unterhemden zerschnitten
    und für 250DM an Partyleute in den 80ern verkauft.
    Das gab es schon.
    Wir stylten uns jedes Wochenende für das Dorian Gray,
    sehr viel kreativer als RL Shirts zu bedrucken.
    Verstehe den Hype nicht.

stats