Europäische Login-Allianzen

Legitime Alternative zur US-Datenmacht?

Sonntag, 23. September 2018
Mit Verimi und der European Net ID Foundation formieren sich derzeit zwei Gegengewichte zu Google, Facebook und Amazon. Für Unternehmen kommen diese Login-Allianzen in Zeiten von Datenschutz-Grundverordnung und der geplanten E-Privacy-Verordnung wie gerufen. Aber was haben die Verbraucher davon? Webtrekk-Gründer Christian Sauer glaubt, dass der Mehrwert für viele Nutzer noch nicht erkennbar ist. In seinem Gastbeitrag fordert er die Bündnisse auf, sich ihrer Verpflichtung gegenüber ihren Nutzern bewusst zu sein.

Es war eines der großen Themen der diesjährigen dmexco: Login-Allianzen und wie europäische Unternehmen mithilfe solcher Kooperationen gegenüber US-amerikanischer Großkonzerne wettbewerbsfähig bleiben können.



Pünktlich zur Messe der Digitalwirtschaft in Köln verkündeten Axel Springers Datenallianz Verimi sowie die European Net ID Foundation von United Internet, RTL und Pro Sieben Sat 1 weiteren Zuwachs, unter anderem durch große Unternehmen wie Deutsche Bahn und Volkswagen (Verimi) sowie die Medienhäuser Süddeutsche Zeitung, Spiegel Verlag und Gruner + Jahr (netID).

Doch einen Schritt zurück – weshalb sind solche Allianzen derzeit so aktiv? Datenkrake, Datenmine oder Big Brother des Internets: Für US-amerikanische Großkonzerne wie Google, Amazon und Facebook gibt es viele nicht unbedingt positiv besetzte Synonyme. Durch den Facebook-Skandal um Cambridge Analytica, die immer wieder hochkochende Kritik an Amazons Arbeitsbedingungen oder die Enthüllung von Googles umstrittenen Standortbestimmungen wächst der Unmut der Nutzer über das schonungslose Handeln der US-Unternehmen stetig.


Durch die anhaltende DSGVO-Debatte ist die deutsche Bevölkerung darüber hinaus stark für Themen wie Datenschutz und die digitalen Rechte des Einzelnen sensibilisiert. Unternehmen, denen Transparenz und eine hohe Datenqualität wichtig sind, können dies nur gutheißen. Denn die Richtlinien der DSGVO plädieren für die Nutzung von First-Party-Daten und stellen somit die Wichtigkeit der Data Ownership in den Vordergrund.

Doch eine Reihe deutscher Unternehmen wollen sich nicht allein auf das implizite Plädoyer der DSGVO-Richtlinien verlassen, die eigenen Unternehmensdaten zu nutzen. Mit Login-Allianzen soll ein Gegenpol zu den US-Plattformen geschaffen werden, die in den vergangenen Jahren mit ihrem Social-Login einen Quasi-Standard für die Authentifizierung im Netz etabliert haben. Während Microsoft und Samsung bereits international an Lösungen arbeiten, digitale Identitäten zu managen, treten hierzulande Axel Springers Verimi sowie die Login-Allianz European Net ID Foundation von United Internet, RTL und Pro Sieben Sat 1 an.

Aus unternehmerischer Sicht liegen die Vorteile von Login-Allianzen auf der Hand. Die digitalen Identitäten der einzelnen Nutzer werden geschützt, sodass die sensiblen Daten den EU-Rechtsraum nicht verlassen. Durch den Single-Sign-on verfügen Verbraucher über eine Art Generalschlüssel, der es ihnen ermöglicht, sich sicher bei Webseiten, Diensten oder Apps von Dritten mit einem zentralen Online-Login anzumelden. Nutzer können sich so ihre Identität bestätigen lassen, Zahlungen durchführen oder qualifizierte Unterschriften leisten. Auch lassen sich dadurch Checkout- und Anmeldeprozesse vereinfachen. Durch den internen Datenaustausch vergrößern die beteiligten Unternehmen ihren Wissensschatz über die eigenen Nutzer und können somit gezielter Marketing-Kampagnen aussteuern.

„Für einen umfangreichen Datenschutz sollten nur reine ID-Informationen, also keine personenbezogenen Merkmale, gespeichert werden. “
Christian Sauer
Schaut man allerdings aus Verbrauchersicht auf das Thema Datenallianzen, ist das Thema Data Ownership nur augenscheinlich erfüllt. Fakt ist: Sind die Daten eines Nutzers in einer Allianz gespeichert, stehen diese grundsätzlich daran angeschlossenen Unternehmen zur Verfügung. Der daraus resultierende Mehrwert ist für potentielle Nutzer aber nicht so eindeutig. Warum sollten Konsumenten in Zeiten von Datenleaks und -skandalen überhaupt noch mehr ihrer sensiblen Daten freigeben?

Insgesamt sind deutsche beziehungsweise europäische Login-Allianzen also ein erster wichtiger Schritt, um ein legitimes Gegengewicht zu den US-amerikanischen Walled Gardens zu schaffen. Die verantwortlichen Unternehmen sollten sich jedoch auch ihrer Verpflichtung gegenüber ihren Nutzern bewusst sein: Für einen umfangreichen Datenschutz sollten nur reine ID-Informationen, also keine personenbezogenen Merkmale, gespeichert werden. Nur auf diese Weise können Nutzer sicher und unkompliziert surfen, während die beteiligten Unternehmen sich durch eigene Allianzen von den US-Konzernen absetzen – eine perfekte Win-Win-Situation also.

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