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Einzelhandelslieferketten in Zeiten von Corona

Worauf sich Retailer jetzt fokussieren sollten

Einzelhändler auf der ganzen Welt kämpfen auf allen Ebenen mit der angemessenen Reaktion auf das Coronavirus – sowohl in Bezug auf ihre Mitarbeiter, als auch auf ihre Kunden und das eigentliche Geschäft. Für viele wird es zu einer existenziellen Prüfung der Geschäftskontinuitätsplanung und der Lieferkettenflexibilität kommen. Worauf dabei zu achten ist, erklärt Hilding Anderson, Head of Retail Strategy beim Beratungshaus Publicis Sapient, in seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online.
von Hilding Anderson, Publicis Sapient Montag, 06. April 2020
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Covid-19 ist für den Einzelhandel eine komplett neue Herausforderung. Die Branche hatte in den letzten Jahren mit Pandemien wie SARS oder der Schweinegrippe zu tun – und konnte sich immer anpassen. Nicht zuletzt, weil die Dauer der jeweiligen Phasen immer begrenzt und die Konsumenten in ihrem Verhalten nicht wirklich beeinträchtigt waren. Mit Covid-19 verhält es sich aber diametral anders: Das Virus verursacht langfristige Auswirkungen sowohl auf das Angebot – durch das Ausbleiben wichtiger Komponenten oder Zutaten – als auch auf die Konsumentscheidungen der Menschen und damit auf die Nachfrage im Einzelhandel. Darüber hinaus tragen länderspezifische politische Maßnahmen zur weiteren Verunsicherung bei.

Die Angebots- und Nachfrageebenen sind empfindlich gestört

Auf der Angebotsseite hat der Ausbruch in China aufgrund der schieren Menge dortiger Konsumgüterhersteller – etwa im Fashion-Sektor – schwerwiegende Konsequenzen für den weltweiten Einzelhandel. Laut dem World Trade Review 2018 ist China der weltweit größte Exporteur von Textilien und Bekleidung. Das Land produziert jährlich Textilien im Wert von über 118,5 Milliarden Dollar und Bekleidung für über 157,8 Milliarden Dollar. In vielen Städten ist seit dem chinesischen Neujahrsfest am 25. Januar die Produktion wegen Covid-19 fast vollständig zum Erliegen gekommen – Einschränkungen halten bis heute an. Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Angebotsseite wieder ihre volle Kapazität erreicht.


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Auf der Nachfrageseite lassen sich Veränderungen im Verbraucherverhalten beobachten. Besuche bei Einzelhändlern gehen seit dem Ausbruch dramatisch zurück. In den USA zeigen die Februar-Daten von RetailNext Performance Pulse einen Rückgang der Verkäufe und des Verkehrs um 4,4 Prozent bzw. 6,5 Prozent. Und der März wird noch schlimmer: Die Zahlen für die erste Märzwoche in den USA zeigen laut den Analysten von Morgan Stanley einen Rückgang des Konsums um 9,1 Prozent. Das schlägt auch in Deutschland durch: Laut HDE fallen hierzulande im Non-Food-Bereich gerade jeden Tag 1,15 Milliarden Euro Umsatz weg. Ein zentrales Problem ist, dass die Mehrheit der Einzelhändler nach wie vor auf physische Einkäufe angewiesen ist. Der Wechsel vom Einkauf im Laden zum Online-Shopping wird während der Pandemie nur noch zunehmen. Nach neuen Untersuchungen von Post and Parcel wird sich der Anteil des Homeshoppings an den gesamten Einzelhandelsumsätzen in den nächsten Wochen von 20 Prozent auf 40 Prozent verdoppeln.

Der Rückgang des Angebots und die Veränderung der Verbrauchernachfrage wirken sich erheblich auf den Einzelhandel aus. Geschäftsmodelle werden erschüttert und Händler dazu gezwungen, sich stärker auf digitale Kanäle zu konzentrieren, da sich der Verkauf von offline zu online bewegt. Auch die Flexibilität der Einzelhandelslieferketten wird auf eine harte Probe gestellt, wenn der Virus die Lagerbestände massiv belastet.

Flexibilität in der Lieferkette forcieren

Ein kritischer Bereich, der durch die Krise einer harten Prüfung unterzogen wird, sind die Ausprägungen der Flexibilität und der Redundanz der Einzelhandelslieferketten. Diese werden durch Schwankungen belastet und erhöhen so die Lager- und Lagerbestandskosten. Gleichzeitig nehmen die Kosten durch notwendige schnelle Lieferungen für stark nachgefragte Artikel zu. Unternehmen, die ihre digitale Business Transformation vorantreiben, sind besser gerüstet, um mit dieser disruptiven Situation umzugehen. Neue Technologien und der effiziente Einsatz vorhandener Datenbestände unterstützen Einzelhändler dabei, die Unsicherheiten durch Covid-19 in den kommenden Wochen und Monaten erfolgreich zu bewältigen. Dies gilt aber nicht nur für Corona, sondern auch für künftige Krisen.


So bieten neue Technologien etwa eine umfassende Übersicht über das gesamte Vertriebsnetz inklusive Vertriebszentren, Geschäfte, Verkäufer, Drittanbieter und Großhandelsbestände. Mit diesen wertvollen Informationen sind Einzelhändlern in die Lage, die Versorgung in die Gebiete mit dem größten Bedarf zu verlagern. Investitionen in Fulfillment-Optimierer und Algorithmen für die Ladenkommissionierung eröffnen Einzelhändlern zudem die Möglichkeit, größere Mengen an Produkten effizienter zu liefern – sowohl im Hinblick auf den Preis als auch auf das Kundenerlebnis.

Reagieren mit den besten Tools

Es wird interessant sein, den Effekt neuer Versionen etablierter Tools wie etwa der Supply Chain Control Tower-Lösungen zu sehen. Diese Werkzeuge spielen eine entscheidende Rolle dabei, Supply Chain-Managern einen kontinuierlichen Überblick über potenzielle Risiken und Probleme in der Lieferkette zu geben.
„Im Falle von Corona dürften selbst Künstliche Intelligenz und Werkzeuge für Maschinelles Lernen mit den unvorhersehbaren Wendungen auf den Einzelhandelsmärkten zu kämpfen haben. “
Hilding Anderson
Zudem geben sie einen Rahmen, der Entscheidern dabei hilft, ihre Kunden durch effiziente Korrekturmaßnahmen besser zu bedienen. Im Falle von Corona dürften selbst Künstliche Intelligenz und Werkzeuge für Maschinelles Lernen mit den unvorhersehbaren Wendungen auf den Einzelhandelsmärkten zu kämpfen haben. Wie menschliche Manager sind sie es gewohnt, nach bestehenden Regeln zu spielen und haben daher Schwierigkeiten, sich in einer solchen Realität zurechtzufinden. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der sinnvollen Kombination bewährter und neuer Tools, die schnelle Reaktionen auf Störungen der Lieferketten so effektiv wie möglich sicherstellen.

Beschaffungsmaßnahmen optimieren

Immer mehr Einzelhändler stellen aktuell ihre Beschaffungsstrategien in Frage. Die Balance zwischen Belastbarkeit sowie Flexibilität und den Kosten stand für viele Einzelhändler bereits seit längerem auf der To-Do-Liste. Die Krise hat den Druck und die Dringlichkeit massiv erhöht, dieses wichtige Thema anzugehen. Die Beschaffung sowohl im Near- als auch im Offshore-Bereich bietet große Chancen, um die Geschwindigkeit zu erhöhen und den Bedarf an einzigartigen, individuell anpassbaren Produkten zu bedienen. Die Ausbreitung des Corona-Virus könnte Einzelhändler nun dazu veranlassen, ihre Beschaffungsstrategien grundlegend zu überdenken und langfristig auf flexiblere Lieferanten zu setzen.

Covid-19 erhöht die Notwendigkeit für Retailer, die Flexibilität ihrer Lieferketten zu erhöhen und zu verstehen, welche Tools bei der Bewältigung unvorhersehbarer Ereignisse am zielführendsten sind. Da aktuelle Modelle an ihre Grenzen stoßen, gilt es neue Wege zu gehen. Diejenigen, die ihre digitale Business Transformation bereits vorangetrieben haben, werden für die bereits getätigten Investitionen dankbar sein und sich den Herausforderungen am besten stellen können.
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