Debatten(un)kultur

Warum sich McDonald's für bessere Umgangsformen im Social Web stark macht

Donnerstag, 21. November 2019
Normalerweise drehen sich die Kampagnen von McDonald's um Produkte wie Big Mac, die Chicken Box oder die Signature Collection. Das ist aktuell anders. Unter dem Motto #MehralseinHashtag hat der McDonald's Deutschland vor wenigen Tagen eine Haltungskampagne gestartet. Mit dem Auftritt wollen die Münchner ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen. Warum macht der Konzern das? Philipp Wachholz, Unternehmenssprecher & Director Corporate Affairs, erklärt die Hintergründe.

Laut! Lauter! Rechthaber! Wer Debatten in den Sozialen Medien verfolgt, um sachlichen Erkenntnisgewinn im Hinblick auf die eigene Meinungsbildung zu erhalten, kann schnell die Krise bekommen. Während provokante Zuspitzung früher ein mehr oder weniger feines Stilmittel der klassischen Medien war, um Leser in einen Text oder Beitrag zu ziehen, ist dies heute potenziert als Keule die normale Gangart vieler User auf Social Media. Dabei überschreiten viele den schmalen Grat zwischen Zuspitzung und persönlicher Beleidung oder gar Diffamierung – und das mal eben schnell im Halbschlaf noch vor dem frühmorgendlichen Reinigungsritual.



Viele fühlen sich geradezu berufen zu allem und jedem ihre Meinung öffentlich kundzutun. Social Media ist zum Stammtisch der Neuzeit geworden, 24/7 von Januar bis Dezember. Allerdings muss sich dabei keiner in die Augen sehen. Und es fehlt die resolute Wirtin, die bei allzu heftigen Diskussionen die Beteiligten einfach mal kurzerhand an die frische Luft setzt. Dabei wäre dies oftmals dringend nötig. Wenn andere die eigene Meinung nicht teilen sind sie schnell #arschlöcher #dummschwätzer #linksversifft oder #nazi. Völlig egal, Hauptsache der eigene Puls bekommt ein Ventil. Und auch wenn es mal keine Beleidigung ist, die in den Äther geblasen wird, so ist in jedem Fall der aggressive Absolutismus mit dem einige auftreten fragwürdig. Kein Anerkennen einer anderen Sichtweise, geschweige denn überhaupt mal der Versuch diese einzunehmen scheint möglich. Stattdessen wird eine Empörungskultur gepflegt, in der man sich gerne auch noch gegenseitig anstachelt. Gerade auf Twitter wird dazu ein äußerst ironischer, herablassender Grundton gepflegt, den anscheinend viele Nutzer heutzutage als Bestätigung von Intellektualität begreifen. Oftmals ist dies aber schlichtweg beleidigend und ausgrenzend. 

Man kann natürlich argumentieren, dass gerade die digitalen Möglichkeiten der Debattenführung auf Social Media – jeder mit jedem und wahrnehmbar für Alle - unfassbar wertvolle Plattformen für die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit sind. Theoretisch ist das auch so. Früher konnten sich Ralf H. aus Hamburg und Peter M. aus Bayreuth nicht mal eben schnell über eine politische Streifrage so offen und direkt austauschen. Aber irgendwie haben wir es bisher verpasst, diese Chance dafür zu verwenden Demokratie zu fördern, anstatt sie zu untergraben.  


Nicht anders lässt es sich erklären, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der man durch Technik grenzenlose Möglichkeiten in der Debattenführung hat, immer mehr Menschen der Meinung sind wir hätten keine wirkliche Meinungsfreiheit. Auch hierüber haben sich viele in den Sozialen Medien mokiert und Prominente wie den Ex-Profihandballer Stefan Kretzschmar, der diese Ansicht öffentlich geäußert hat, harsch verurteilt. Aber es lohnt sich darüber nachzudenken, denn viele bezweifeln gar nicht die verfassungsmäßig verankerte Meinungsfreiheit. Vielmehr scheint es genau um diese Debatten(un)kultur zu gehen, die sich vor allem in den Sozialen Medien durchgesetzt hat und mittlerweile auch die Diskussionen in der realen Welt prägt.

Zu der Kampagne gehört auch digitale Bewegtbild-Außenwerbung mit den Testimonials
© McDonald's
Zu der Kampagne gehört auch digitale Bewegtbild-Außenwerbung mit den Testimonials
Wer hat schon Lust sich „öffentlich“ für seine Meinung niedermachen zu lassen, im schlimmsten Fall sogar unter Androhung von Gewalt. Während viele Politiker durch Jahrelanges Training im Debattenzirkus abgehärtet sind, ist es für den Normalbürger nicht so leicht, mit dem rauen Wind umzugehen. Viele wenden sich am Ende ab, bleiben still und fühlen im schlimmsten Fall Wut und Frustration, weil sie das Gefühl haben, die eigene Sicht bekommt keinen Resonanzboden. Insofern ist es fast schon skurril: auf der einen Seite wird Meinung extrem und laut vertreten, auf der anderen Seite bis an die Schmerzgrenze unterdrückt. Wenn man nun bedenkt, was das mit Menschen macht, erscheinen die letzten Wahlergebnisse, in der die extremen Ränder als Gewinner hervorgingen, fast schon als logische Konsequenz.  

Was also tun? Das Internet und Social Media abschalten geht offenkundig nicht. Muss man auch nicht. Aber Debattenkultur neu definieren, im Angesicht der modernen Möglichkeiten, wäre ein Anfang. Dabei sind ja viele Grundsätze nach wie vor gültig, müssen vielleicht nur neu übersetzt werden. Dass Schubladendenken zum Beispiel nicht zum gegenseitigen Verständnis beiträgt, ist nicht neu und nach wie vor richtig. Aber vielleicht sehen Schubladen heute auch anders aus? Vielleicht sind Hashtags, wenn sie in einer Debatte eingesetzt werden, eine neue Art von Schubladen. Denn es geht bei ihrem Einsatz nicht um Reichweite bzw. Kenntlichmachung, sondern oftmals auch um eine spöttische Einordung. #nurmalso ist ein gutes Beispiel. Der Einsatz dieses Hashtags macht aus einem sachlich geäußerten Fakt eine abwertende Replik, die auf der Gegenseite schnell als arrogant wahrgenommen wird. Die Chance auf einen von Respekt getragenen Austausch ist hinüber.

Gleiches oder sogar schlimmeres passiert natürlich mit Hashtags, die direkte Beleidigungen beinhalten. Das Stilmittel ist also mit Vorsicht zu genießen. Und genau diese Sensibilität müssen wir neu erlernen, wollen wir uns und unserer Debattenkultur wieder auf die Beine helfen.

Schlussendlich leben gute Debatten davon, dass sie hart in der Sache aber fair im Umgang geführt werden. Dabei ist oftmals der Schlüssel zum Erfolg, anzuerkennen, dass die Person gegenüber aus vielen verschiedenen Facetten besteht, die die geäußerte Meinung geprägt haben. Und in den seltensten Fällen ist diese absolut. Denn wenn man es schafft, eine Sichtweise auf der anderen Seite zu addieren, ändert sich möglicherweise auch noch einmal die Meinung. Das schafft man aber nur, indem jeder auch bei sich selbst Raum für andere Sichtweisen zulässt. Jeder Mensch ist mehr als nur eine Meinung. Oder um es im Social Media Jargon zu sagen: jeder Mensch ist #mehralseinhashtag.

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