Die FIFA und Sepp Blatter

Doppelpass und Doppelmoral im Fußball-Geschäft

Freitag, 29. Mai 2015
Am Freitagabend ist Sepp Blatter erneut zum FIFA-Präsidenten gewählt worden. Als hätte es den aktuellen Korruptionsskandal nicht gegeben. Raphael Brinkert von JvM/Sports über einen Verband, der scheinbar eigenen Regeln unterliegt. 

Mit der heutigen Wahl beim FIFA-Kongress beginnt die 5. Amtszeit des 79-jährigen FIFA Präsidenten Joseph Sepp Blatter. Nicht einmal Korruptionsvorwürfe, Bombendrohungen, Festnahmen und ein möglicher Boykott der UEFA konnten die Wahl verlegen oder die stimmberechtigten Mitglieder umstimmen. Der König des Fußballs hat ein weiteres Endspiel für sich entscheiden können.



Bleibt im Amt: FIFA-Chef Sepp Blatter
© dpa Picture Alliance
Bleibt im Amt: FIFA-Chef Sepp Blatter
Spätestens mit der Vergabe der Weltmeisterschaften nach Russland und Katar im Jahr 2010 wurden die Stimmen und Korruptionsvorwürfe immer lauter. Hinzu kommen die Arbeitsbedingungen bei der WM-Vorbereitung in Katar, auf die Amnesty International bereits vor 2 Jahren hinwies. Die Schein-Welt der FIFA basiert nicht erst seit diesen Tagen auf US-Dollar.

Fakt ist: Sobald der Schiedsrichter eine WM anpfeift, ist alles vergessen.

Denken wir an die letzten beiden Weltmeisterschaften zurück: Waren die Arbeitsbedingungen in Südafrika oder Brasilien signifikant besser? War der Bau der Stadien nachhaltiger? Gab es nicht Verletzte oder sogar Tote auf Baustellen aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen? Wenn ich auf 2010 und 2014 zurückblicke, sehe ich Public Viewing statt Demos, Fahnen statt Protestschilder und weltweite Fußball-Emotionen statt Leid und Armut nur wenige Meter von hochmodernen Stadien entfernt. Das letzte Mal gingen viele von uns auf die Straße, um den WM-Sieg zu feiern, nicht um Machenschaften in korrupten FIFA-Ländern anzuprangern. Der Fußball trägt so viel Begeisterungsfähigkeit in sich, dass die negativen Aspekte überstrahlt werden.

Fakt ist auch: Wir haben eine Empörungskultur, aber keine Handlungskultur.

Schnell ist ein Tweet geschrieben, auf Facebook ein Kommentar geliked oder eine Petition unterschrieben. Dazu ein bis zwei Hashtags und alle meine Freunde und Bekannte wissen, dass ich eine andere Auffassung habe als der amtierende FIFA-Präsident, der sich 2007 sogar per Akklamation wiederwählen ließ. Die Wahrheit ist, dass der medialen Empörung nur selten konkrete Handlungen folgen.


Bereits 2010 ist das Wort „Fifa-Ethikkommission“ in der Schweiz zum Unwort des Jahres gekürt worden, weil die FIFA der Ansicht war, dass nur eine eigene Kommission die hausgemachten Probleme des Weltverbands lösen könne. Fünf Jahre später brauchte es die Weltpolizei der USA, um Fakten durch Verhaftungen zu schaffen.

„Jesus lebt“ hatte die "Süddeutsche Zeitung" einen Tag vor dem Zugriff des FBI über Blatter getitelt und Zitate aufgegriffen wie jenes, dass „der Fußball durch die positiven Emotionen, die er auslöst, einflussreicher als jedes Land der Erde und jede Religion ist“. Bis zur Wiederauferstehung hat es nur zwei Zürcher Tage und Nächte gedauert.

Emotionalität schlägt Rationalität im Sport haushoch.

Eine WM macht aus einer Jahreszeit ein Sommermärchen, bringt Menschen überall auf der Welt friedlich zusammen. 1,6 Milliarden Fans weltweit, darunter 32 Millionen aus Deutschland, möchten nicht auf die positiven Emotionen verzichten, die eine Weltmeisterschaft mit sich bringt.

Und so sehr sich auch 80 Prozent der User laut der heutigen BILD-Umfrage einen Boykott der nächsten Fußballweltmeisterschaft wünschen, so richtig und konsequent ist die Forderung der UEFA und des DFB, nun Worten Taten folgen zu lassen: Nicht durch einen Verzicht, sondern durch ein aktives Einmischen und durch erweiterte Gremien, in denen Fußballnationen wie England, Deutschland und Frankreich eine gewichtigere Rolle haben als korrupte Diktatoren.

Dass der Landesverband von Antigua und Barbuda mit 49 Vereinen die gleichen Stimmrechte besitzt wie der DFB als größter Fußballverband der Welt mit rund 27.000 Vereinen und über 7 Millionen Mitgliedern, zeigt das groteske Wahlrecht der FIFA. 

Uns Werbern hätte es übrigens schon 2010 auffallen können. Aus dem FIFA-Claim „For the good of the game.“ wurde „For the game. For the world.“ Es wird Zeit, dass das Gute wieder siegt. Im Sinne der Fans und im Sinne der Menschen.

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