Wässrige Weisheiten

Mineralwasser mit der Frische des Meeres

Mittwoch, 30. Juli 2014
Wie servieren Werber dem Volke pures Wasser? Ein Hersteller platziert die Flaschen am Meer, ein anderer vergleicht sein Wasser mit einem Amüsierviertel!
Hella ist ein Mineralwasser, das nach werblichen Angaben des Herstellers aus dem Wasser des Meeres gewonnen wird. Denn warum sonst würde der Produzent sein Produkt am Ufer des Meeres positionieren – wenn Ihr Euch die Motive bitte mal anschauen wollt, liebe Freunde der Werbung!


Und Hella ist „von-grund-auf-frisch“, was bestätigt: Das Wasser kommt nicht aus einem Mineralbrunnen oder aus einem Wasserfall im Hochgebirge, sondern Hella kommt vom Grund des Meeres, wo es „natürlich geschutzt“ ist vor irgendwelchen Ölresten, die bekanntlich oben schwimmen. Und deshalb ist Hella „ursprünglich erfrischend“, woraus der Verbraucher ablesen kann, dass Hella in der Flasche nicht mehr erfrischend ist, denn „ursprünglich“ bedeutet: anfänglich.

Wasser vom Meeresgrund: „von Grund auf frisch“, wie die Werber versprechen!
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Wasser vom Meeresgrund: „von Grund auf frisch“, wie die Werber versprechen!
In einem Siegel steht der Hinweis: „Natürlich geschützt durch Glimmertonschicht“. Hieraus wiederum schließt der spießige Konsument: Die Flaschen sind gefertigt aus Glimmertonschicht, womit der Inhalt nicht etwa durch künstliches Plastik, sondern wie angezeigt „natürlich geschützt“ wird. Und so entsteht „Frische, die man schmeckt“ – siehe die Abbildung!


Hella: Geschmack von Meeresfrüchten!
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Hella: Geschmack von Meeresfrüchten!
Wer beim Betrachten der Motive einen meersalzigen Geschmack auf seiner Zunge spürt, der bekommt von Hella eine Alternative serviert, nämlich „was Frisches zur Abwechslung“. Und das ist „hella mit Geschmack“, woraus wir schließen dürfen, dass das zuerst genannte Hella keinen Geschmack hat, also geschmacklos ist. Und „hella mit Geschmack“ steht am Hafen und hat drei Meeresfrüchte auf den Etiketten, nämlich Kirsche, Aprikose und Himbeere. Und Spießer Alfons steht am Kai des Hafens und wartet auf die neuen Geschmacksrichtungen, nämlich Alge, Muschel und Rollmops ...!

Gerolsteiner statt St. Pauli – prost!
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Gerolsteiner statt St. Pauli – prost!
Gerolsteiner behauptet: „Prickelt mehr als mancher Kiezbesuch“. Diese Anzeige stammt aus einer Hamburger Tageszeitung. Und für Nicht-Hamburger sei spießig erwähnt: Unter „Kiez“ versteht man in der Hansestadt das Vergnügungsviertel St. Pauli rund um die Reeperbahn. Was es dort Prickelndes gibt? Nun: Theater, Restaurants, Nachtclubs, Sex-Shops, Bordelle und Huren auf der Straße. Und ein Gotteshaus, nämlich die katholische St.-Joseph-Kirche, die mitten in einer Straße steht, die Große Freiheit heißt, und umgeben ist von Sex-Clubs, Discos und Schnellimbiss-Läden.

Das muss man wissen, wenn man Gerolsteiner folgen will, denn wir Verbraucher werden aufgefordert: „Machen Sie den Vergleich!“ Was meint: Vergleichen Sie das prickelnde Wasser mit einem prickelnden Kiezbesuch auf St. Pauli!

Eine drollige Art von vergleichender Werbung, findet Ihr nicht, liebe Lesergemeinde? Spießer Alfons wird den Vergleichstest am kommenden Wochenende machen und erkunden, ob die Werbeaussage wahr ist. Obwohl der Wasserlieferant selber schon eine Einschränkung macht. Denn der Textdichter schreibt nicht: „Prickelt mehr als jeder Kiezbesuch“, sondern: „Prickelt mehr als mancher Kiezbesuch“. Und wer den Kiez von St. Pauli kennt, der weiß, dass nicht alles, was dort prickelt, auch prickelnd ist.

Köstritzer schafft den Trinker ab!
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Köstritzer schafft den Trinker ab!
Auch die Bier-Werber haben es nicht leicht, immer wieder Argumente zu finden, die über den Geschmack hinausgehen. Hin und wieder aber wird es richtig kreativ. Zum Beispiel bei Köstritzer, das nicht mit Hopfen, Malz, Wasser und Hefe gebraut wird, sondern: „gebraut mit Charakter“.

Die Werbegestalter der Agentur, die Köstritzer betreuen, müssen natürlich auch Köstritzer trinken. Das kann der Kunde einfach erwarten. Und weil die Kreativen bei ihrer Arbeit täglich etlichen Flaschen auf den Grund gehen, wurden sie allgemein als „Trinker“ bezeichnet. Das ärgerte dieselben sehr, weshalb sie nun öffentlich verkünden: „Kenner trinken nicht, sondern sie schmecken heraus“ – siehe die Anzeige!

Und bei der Heimfahrt am Ende des Arbeitstages hörte der Spießer: „Nein, Herr *hicks* Polizeidirektor ... ich habe nicht *hicks* zu viel getrunken ... ich habe *hicks* bloß herausgeschmeckt!“

Schlafen bis der Prinz mit seiner Heckenschere kommt!
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Schlafen bis der Prinz mit seiner Heckenschere kommt!
Im Jahre 1935 schrieb ein Altmeister der Werbung, nämlich Hermann Ullstein: „Verkaufe die Wirkung statt der Ware!“ Womit er empfahl: „Preise nicht Bücher an, sondern Bildung. Preise nicht Möbel an, sondern Behaglichkeit. Preise nicht Anzüge an, sondern Eleganz. Preise nicht Pillen an, sondern Gesundheit. Preise nicht Sekt an, sondern Lebensfreude.“

An diese Worte aus der Reklamezeit denkt Spießer Alfons immer wieder, wenn er heute Anzeigen sieht, die Käse im doppelten Sinne des Wortes anbieten. Zum Beispiel das Inserat von Emmentaler: „Groß im Geschmack!“, lesen wir dort. Und wie wird der große Geschmack im Bilde demonstriert? Wir erkennen es: Mit einem Stück Käse, das groß abgebildet ist.

Mensch, warum zeigt man nicht eine gut belegte Käsestulle und die Freude im Gesicht des Menschen, der gerade genussvoll hineinbeißt?! Warum keinen angerichteten Wurstsalat, den der Emmentaler zum einzigartigen Schweizer Wurstsalat macht?!

Das Emmentaler-Inserat erinnert Spießer Alfons an Anzeigen von Stereo-Kopfhörern, neben die eine Peperoni platziert wurde, um den scharfen Empfang zu demonstrieren. Eben Käse.

Macht die Größe des Käses den Geschmack?
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Macht die Größe des Käses den Geschmack?
Da gibt es eine sogenannte „Minijob-Zentrale“. Die wirbt in märchenhaften Bildern dafür, dass wir unsere Haushalts-, Garten- oder sonstigen Arbeitshilfen steuerlich anmelden sollen.

Dazu sehen wir im Foto ein Püppchen mit Schlafmaske, das Dornröschen darstellen soll. Daneben ein Prinz mit einer Heckenschere. Und wenn wir unsere Gartenhilfe einfach anmelden, so verspricht der Textdichter, dann schlafen wir besser als Dornröschen.

Zur Erinnerung an das Märchen der Brüder Grimm: Dornröschen schlief 100 Jahre. Frage: Möchte jemand von Euch besser schlafen ...?

Hier kann Karstadt lernen: ...
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Hier kann Karstadt lernen: ...
Über das Geschehen bei und um Karstadt muss der Spießer Euch wohl nichts mehr erzählen. Erzählen möchte Alfons aber den Werbern von Karstadt, dass ihre Werbestrategie und -Kommuni- kation völlig falsch sind. Denn jeder orientalische Teppichhändler weiß, wie man mit einer drohenden Insolvenz gute Geschäfte machen kann, die vor einem schützen, nämlich vor der Insolvenz.

Ein Exempel für orientalische Werbung praktizierte vor wenigen Tagen „Teppich Lehmann“ in Hamburg. Der Firmenname klingt nicht gerade sehr orientalisch, die Methoden der Werbung sind es aber schon.

Der Händler annoncierte in einer großen Tageszeitung: „Teppich Lehmann will Insolvenz abwenden“ und versprach: „Traditionshaus gibt Ware weit unter Wert ab“. Im Kleingedruckten ist von „Notverkauf zur Insolvenzabwendung“ die Rede, und: „Massive Liquiditätsengpässe nötigen bekanntes Fachgeschäft ... zur sofortigen Liquidation größerer Warenbestände / Zahlungsfrist läuft in Kürze ab“.

... Teppich Lehmann zeigt Reklame in der Notlage!
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... Teppich Lehmann zeigt Reklame in der Notlage!
So geht es weiter im Werbetext, der am Ende darin gipfelt: „Alle Bürger sind aufgefordert, sich nicht zu scheuen, ihr Recht, zu verhandeln, zu nutzen und von dieser plötzlichen Notlage zu profitieren!“

Und dann ein weiteres Inserat, überschrieben: „Gnadenloser Endspurt bei Teppich Lehmann“ und „Notverkauf in der Hamburger Straße wird in den letzten Tagen forciert“. Daneben steht ein Verkäufer-Trio mit Teppich, damit auch die menschliche Notlage für den potenziellen Kunden zu besichtigen ist.

Und Karstadt? Könnte man nicht diesem Beispiel folgen? Oder hat schon mal jemand gesehen oder gehört, dass ein orientalischer Teppichladen tatsächlich in die Insolvenz geht, ohne dass er wenig später wieder am selben Platz ist – notfalls unter neuem Firmennamen ...?
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