Uber

Silicon Valley hat ein "Arschloch"-Problem

Mittwoch, 14. Januar 2015
Sie beschimpfen die Konkurrenz als „Arschloch“, spähen das Liebesleben ihrer Kunden aus und führen jede Menge Gerichtsprozesse: Die Manager des Fahrdienstes Uber wirken wie die Business-Version von Sid Vicious und Johnny Rotten. Und wie die Sex Pistols den Rock’n Roll ist Uber dabei, unser Wirtschaftsleben zu revolutionieren. Doch darf man Revolutionären mit schlechten Manieren, einer heiklen Ideologie und zuviel Geld Erfolg wünschen?

Eins vorweg: Eigentlich stehe ich Wirtschafts-Revolutionären wie Uber positiv gegenüber. Sicher: Sie schaffen neue wirtschaftliche Machtverhältnisse, zerstören möglicherweise alte Wirtschaftszweige und verändern Arbeitsmärkte kolossal. Doch erfolgreich sind solche Disruptionen nur dann, wenn sie den Menschen – real oder gefühlt – bessere Services bieten. Bei Uber, Airnb und anderen Share-Economy-Unternehmen scheint dies der Fall zu sein.



Doch bei allem Loblied auf innovative Geschäftsmodelle beschleicht mich häufiger ein ungutes Gefühl, wenn es um die neuen amerikanischen Internet-Superstars geht.

Vor der Dmexco vergangenen Jahres hatte ich versucht, den zwiespältigen Umgang der Deutschen mit Digitalem und disruptiven Unternehmensansätzen zu beschreiben. Positives Beispiel: Die Begeisterung, mit der jährlich Tausende zu Europas größter Internet-Messe nach Köln pilgern. Beispiel für den reaktionären Umgang mit neuen Geschäftsmodellen: Ein Frankfurter Gerichtsurteil, das Uber seine Fahrdienste in Deutschland verbat. Meine Konklusio im Jahr 2014: „Wie seinerzeit die amerikanischen Cowboys den Siegeszug des Autos verhindern wollten, blockieren manche Wirtschaftszweige alles Neue, sobald es seine Wurzeln im Digitalen hat.“


Der Satz hat in der Redaktion für Diskussionen gesorgt: Darf man ein Unternehmen, das so herzlich wenig Wert auf Konventionen legt und selbst Gerichtsentscheide missachtet, loben? Muss man nicht sein Bedauern darüber äußern, dass großmäulige Bald-Milliardäre möglicherweise einen ganzen Wirtschaftszweig und Berufsstand ins Nichts befördern?

Klar kann man so argumentieren (auch wenn bestimmt jeder, der einmal unter biestigen Berliner Taxifahrern oder der Unkenntnis Frankfurter Fahrer litt, den gesamten Berufsstand zur Hölle gewünscht hat). Wirtschaftliche Veränderungen unter ausschließlich moralischen Gesichtspunkten zu beurteilen, mag löblich sein, ist aber nicht unbedingt schlagkräftig, so meine damalige Antwort. Die Veränderungen passieren ja dennoch, wenn der „Markt“ dafür da ist, es also genügend Menschen gibt, die Angebote wie Uber oder Airnb nutzen.

Und nun also der Beitrag im ARD-Politmagazin Panorama, der die vielen Skandale und Skandälchen rund um Uber um einen neuen, auf den ersten Blick vollkommen abstrusen Fall bereicherte. Das Daten-Arbeitswerkzeug „God View“ – nomen est omen -, das vielen Uber-Managern zur Verfügung steht, wurde laut Panorama genutzt, um anhand der Fahrdienste mögliche One-Night-Stands zu erfassen. Das sei nur ein „Spiel mit aggregierten anonymisierten Daten gewesen, das man machen kann“, so die lachhaft-dämliche Antwort von Fabien Nestmann von Uber Deutschland.

Vielleicht ist es wirklich so, dass Big Data für Jung-Manager, die vor drei Jahren an Weihnachten ihren ersten Braun-Rasierer geschenkt bekommen haben, ein  kleines, harmloses Spiel ist. Doch Menschen zu Versuchskaninchen zu machen, ist nie ein harmloses Spiel.

Doch wie sollen  Manager einer Firma ein einigermaßen zivilisiertes Selbstverständnis von Unternehmenskultur, Datensicherheit und Nutzerbedürfnissen entwickeln und kommunizieren, wenn sich die Sachlage für den CEO folgendermaßen darstellt: „Wir befinden uns in einer politischen Kampagne, in der der Kandidat Uber heißt und der Gegner ein Arschloch namens Taxi“, so Travis Kalanick in einer Gesprächsrunde.

Gruenderszene.de hat nach diversen Goodwill-Aktionen des Beförderungsdienstes zwar schon im Oktober vergangenen Jahres erleichtert geschrieben: „Uber verabschiedet sich von seiner Arschloch-Strategie“. Die Freude kam zu früh.

Die Panorama-Reportage zeigt, dass sich das Unternehmen immer noch aufführt wie die Sex Pistols, die 1977 das silberne Thronjubliäum von Queen Elizabeth II. mit dem Lied „God save the Queen“ auf der Themse „feierten“.

Sascha Lobo sagt im ARD-Beitrag: „Das Silicon Valley hat ein Arschloch-Problem.“ Das bringt auf den Punkt, was mittlerweile an manchen Startup-Superstars aus den USA richtig nervt: Nicht (nur und überwiegend) der Eindruck der schlechter Erziehung, sondern vor allen Dingen die Arroganz der CEOs, Evangelisten, Manager und Propagandisten, bei der sich übergroßes Selbstbewußtsein mit einem scheinheiligen Demokratie-Verständnis paart.

Keine Frage: Wer die Welt verändern will, muss glauben, dass er das bessere Konzept für die Welt in der Tasche hat.

Doch die Technikkaste in Silicon Valley, so zumindest der Eindruck aus dem eher beschaulichen Frankfurt, hat nicht nur God-View-Software sondern die tiefe Überzeugung, selbst Gottähnlich zu sein. Dadurch geraten die fortschrittlichen Ansätze einer Share-Economy in Verruf. Die schöne neue Welt des Teilens kann nämlich wirklich gut für die Menschheit sein, weil sie Ressourcen und Kosten schont, die Wirtschaft demokratisiert und den Wohlstand erhöht. Doch bei Uber und anderen wird Share Economy zu einer Ideologie des Pseudo-Sozialismus, der vor allen Dingen dazu dient, die handfesten ökonomischen Interessen der Top-Manager und Investoren zu kaschieren.

Darauf kann ich gerne verzichten. Die Sex Pistols waren ehrlicher als Uber und Konsorten: Die britische Rockband brauchten keine Ideologie, um den alten Stadion-Rock’n Roll zu zerstören - sie haben einfach nur laut Musik gespielt.

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