Spießer Alfons

Zigaretten-Werbung steht auf der Kippe

Donnerstag, 24. März 2016
Schon immer hat die Werbung dem Volke blauen Dunst vorgemacht. Früher stammte der häufig von Zigarettenmarken, deren Werbung heute kaum noch eine Rolle spielt!
Die Ära, in der Spießer Alfons seine Karriere in der Welt der Werbung durchlebt hat, war auch die Blütezeit der Zigaretten-Werbung. Diese hatte dermaleinst mit dem legendären HB-Männchen begonnen, führte zum Duft der großen weiten Welt von Peter Stuyvesant und landete bei den unvergessenen Cowboys von Marlboro. Und die kreatiefste Kampagne stammte von West, wo zunächst noch US-Trucker als Protagonisten die deutschen Raucher erschreckt hatten und danach mehr oder weniger kranke Typen in den Anzeigen und auf Plakaten aufgetaucht waren, die man heute als Warnbilder auf den Zigarettenschachteln bringen könnte. Und eine der besten Kampagnen, die dem Spießer in lebhafter Erinnerung geblieben ist, war die Werbung für Lucky Strike.


Kurz gesagt: Zigaretten-Manufakturen gehörten in rauchiger Vergangenheit zu den Big Spendern im Werbebusiness. Ein Zigaretten-Etat im Portfolio einer Agentur war für diese wie ein Lottogewinn mit sechs Richtigen und Zusatzzahl. Was schlagartig vorbei war, als später dann die Restriktionen erfolgt waren, die quasi das Ende der Tabakwerbung eingeläutet haben.

Aber nicht ganz, denn Anschläge auf die Gesundheit des Menschen sind auch heute noch möglich, nämlich per Plakat. Und hier ist gerade ein bemerkenswertes Sujet erschienen von Pall Mall, wo mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck gebracht wird, dass der Moment des Rauchens ein guter Moment ist für ein junges Paar, ein Moment, den man jetzt länger auskosten soll – siehe die Abbildung!
Für junge Menschen soll das Rauchen von Pall Mall ein guter Moment sein...?
© HORIZONT
Für junge Menschen soll das Rauchen von Pall Mall ein guter Moment sein...?
Spießig hinterfragt: Geht diese Aufforderung zum Suizid wirklich noch konform mit den freiwilligen Selbstbeschränkungen der Tabakindustrie...?


Völlig konform mit der Anti-Raucher-Lobby geht dagegen Marlboro. „Will you stay real?“, fragt dort der Textdichter, was frei übersetzt bedeutet: „Willst Du am Leben bleiben?“ Und Marlboro erklärt: „You decide.“ Wer sich daraufhin real für Marlboro decided, dem ist dann auch nicht mehr to help.
Frei übersetzt lautet die Frage: Willst Du wirklich am Leben bleiben?
© HORIZONT
Frei übersetzt lautet die Frage: Willst Du wirklich am Leben bleiben?
Apropos Plakate: Als Spießer Alfons noch die Werbung für den deutschen „Playboy“ gestaltet und geschaltet hatte, da war das 18/1-Bogenplakat sein Lieblings-Werbemittel. Und die Plakate für das Männer-Magazin hatten einen weißen Fond, ähnlich wie bei Marlboro. Was damals sichtbare Folgen hatte, denn immer wieder gab es handschriftliche Kommentare von Feministinnen auf den „Playboy“-Affiches, weil der weiße Fond geradezu dazu eingeladen hatte, beschriftet zu werden.

Und genau das passiert jetzt auch auf den dazu einladenden Plakaten von Marlboro – siehe Corpus delicti!
Ein weißer Fond ist eine Einladung für das Volk zum Response!
© HORIZONT
Ein weißer Fond ist eine Einladung für das Volk zum Response!
Außerdem ist da noch unser Freund Bulo alias Peter Böhling, der begnadete Karikaturist in München. Dieser Satiriker hat das Marlboro-Plakat ultimativ auf den Punkt gebracht – wenn Ihr Euch bitte mal die Abbildung aus „Clap“ anschauen wollt!
Bulo hat die Marlboro-Werbung auf den Punkt gebracht!
© HORIZONT
Bulo hat die Marlboro-Werbung auf den Punkt gebracht!
Und warum verzichtet Marlboro auf die Abbildung der Zigaretten-Packung? Vermutlich, weil der Konsument rechtzeitig lernen soll, dass das rote Symbol für die Packung als solche steht. Denn wenn auf den Zigarettenpäckchen demnächst die gruseligen Horrorbilder abgedruckt sind, die mehr sagen als 1000 Worte, dann werden die Hersteller es wohl nicht mehr wagen, ihre Packungen plakativ ins Bild der Plakatwerbung zu rücken.

Last but not least: Von den bis zum vergangenen Jahr noch verbliebenen 16 Zigarettenmarken werden vermutlich weniger als die Hälfte überleben, weil sich bei kümmerlichen Marktanteilen eine abschreckende Neugestaltung der Packung wohl kaum noch rechnen dürfte.

Anderes Thema: Wer von Euch würde auf die Idee kommen, an seine Wand zweimal das gleiche Bild nebeneinander zu hängen – obwohl das vielleicht dekorativ wäre? Und welcher Inserent würde ein und dasselbe Anzeigensujet zweimal nebeneinander im selben Medium schalten? Und welcher Werbungtreibende wäre so töricht, zweimal dasselbe Plakatmotiv direkt nebeneinander platzieren zu lassen?
Ein Plakat neben einem zweiten Plakat mit gleicher Botschaft. Hält doppelt geklebt wirklich besser im Kopf des Konsumenten...?
© HORIZONT
Ein Plakat neben einem zweiten Plakat mit gleicher Botschaft. Hält doppelt geklebt wirklich besser im Kopf des Konsumenten...?
Letzteres hat Joey’s Pizza getan – siehe die Abbildung! Vermutlich, weil man annimmt, dass der Kunde dann zwei Pizzas kauft statt nur eine oder was...?

Wäre auf jedem Plakat eine andere Pizza abgebildet, dann würde dieser doppelte Anschlag durchaus Sinn machen. So aber ist es genauso wie bei der Wahlwerbung, wo auch derselbe Kopf mehrfach nebeneinandergestellt wird, weil alle Parteien meinen, dass sich die Ausdruckslosigkeit der Botschaft durch einen Reihenabwurf der Plakate kompensieren lässt.
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