Spießer Alfons

Woran erkennt man, was gut schmeckt?

Donnerstag, 26. März 2015
Es ist nicht alles gut, was schmeckt. Und nicht alles, was gut ist, schmeckt auch. Frage: Erkennt man gute Schokolade daran, dass sie gut schmeckt?
Lidl möchte sich von seiner Schokoladenseite zeigen. Deshalb sendet man Werbebotschaften im TV und druckt Anzeigen in der Zeitung, um dem gemeinen Konsumenten zu erklären: „Das macht gute Schokolade aus“. Dabei ist am Fuße der Anzeige eine 100-Gramm-Tafel „Alpenvollmilch“ abgebildet, die zum Probierpreis von 35 Cent angeboten wird. Dem Anzeigentext entnimmt der Leser schon im ersten Satz: „Ob Dunkel, Vollmilch oder Weiß: Gute Schokolade erkennt man daran, dass sie gut schmeckt.“ Eine Aussage, die dem Spießer auf der Zunge zergeht wie Kokolores. Denn nach diesem Satz in der Einleitung erübrigen sich alle weiteren Sätze in der ganzseitigen Annonce.


Was gute Schokolade ausmacht und woran man sie erkennt, das ist ein hoher Anteil von Kakao!
© Unternehmen
Was gute Schokolade ausmacht und woran man sie erkennt, das ist ein hoher Anteil von Kakao!
Der Text geht aber weiter, und zwar mit der Auslobung der Rohware. Hier ist von „Kakao und natürlichen Aromen“ die Rede. Und von „Kakaobutter als Fett in der Schokoladenmasse“. Dabei wird der Kakao besonders hervorgehoben und darüber wie folgt berichtet: „Der Kakao, den Lidl für seine Schokoladen verwendet, kommt je nach Sorte aus Westafrika, Mittel- und Südamerika oder der Karibik. Um einen nachhaltigen und zukunftsfähigen Kakaoanbau sicherzustellen, verpflichtet Lidl seine Partner dazu, die Kakaobohnen ausschließlich von zertifizierten Plantagen zu beziehen. Dafür arbeitet Lidl mit UTZ Certified, Rainforest Alliance sowie mit Fairtrade zusammen – international anerkannten Siegelorganisationen. Diese gewährleisten einen nachhaltigen Anbau von Agrarprodukten, insbesondere für Kakao. Seit 2006 bietet Lidl in seinem ‚Fairglobe‘-Sortiment Fairtrade- zertifizierte Schokolade an.“

Alfons wiederholt die Überschrift: „Das macht gute Schokolade aus“. Allerdings ist da noch ein Haken in der Sache, denn: Bei der am Fuße der Seite abgebildeten blauen Tafel handelt es sich gar nicht um Schokolade. Sondern um das, was draufsteht: „Alpenvollmilch“. Dieses Produkt enthält in der 100-Gramm-Tafel = 56,8 Gramm Zucker, was mehr als üblich ist. Außerdem Magermilchpulver, Süßmolkenpulver, Butterreinfett, Haselnussmark, Emulgator, Sonnenblumenlecithine und natürliches Vanille Aroma. Und was ist mit dem Kakao, der in der Anzeige doch so überaus edel angepriesen wird? Der Verbraucher erfährt auf der Rückseite der Verpackung: „Kakao: 30% mindestens“.


Spießiges Fazit: In den 100 Gramm „Alpenvollmilch“ von Lidl stecken bis zu 70 Gramm andere Zutaten als Schokolade, sprich: Kakao. Und ob die Alpenmilch tatsächlich von Kühen aus den Alpen stammt und vielleicht sogar aus biologischer Erzeugung, das verrät Lidl nicht in seinem Werbetext. Genauso wenig erfahren wir, ob mit den Milchbauern ebenfalls ein Fairtrade getrieben wird und ob der Zucker aus kontrolliertem und die Haselnüsse aus nachhaltigem Anbau stammen – all das wird uns verschwiegen.

Kurzum: Die Schokoladen-Werbung von Lidl hinterlässt beim Spießer einen Nachgeschmack. Und der ist weniger bitter als vielmehr milchig, denn Milch hat in wirklich guter Schokolade genauso wenig verloren wie der Kunstkäse auf einer Pizza.

Eine Sünde ist immer etwas Negatives. Das wissen wir schon vom Sündenfall, der im Garten Eden passiert ist. Auch sündige Liebe ist dem einen oder anderen HORIZONT-Leser möglicherweise bekannt. Und wir kennen diverse weitere Sünden, von der Jugendsünde bis zur Erbsünde, von der Unterlassungs- bis zur Todsünde. Natürlich unterscheiden wir bei allen Sündenfällen nach großen und kleinen Sünden. Und André Gide gibt uns Sündern die hilfreiche Empfehlung: „Nenne das, was du nicht entbehren kannst, einfach nicht mehr Sünde!“

Die Rewe-Kundin schaut aus, als hätte sie ein schlechtes Gewissen wegen eines Einkaufs!
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Die Rewe-Kundin schaut aus, als hätte sie ein schlechtes Gewissen wegen eines Einkaufs!
Werbetexter sehen das anders. In der Werbung von Rewe lesen wir die Aufforderung: „Entdecken Sie Haselnuss-Sünde“. Warum Haselnüsse eine Sünde sind, erfährt die Frau im Bilde auf dem Text der Packung: „Cremige Haselnuss-Törtchen mit frischer Sahne“. Verständlich, dass die Rewe-Kundin ein Schuldbewusstsein zum Ausdruck bringt, denn diese Törtchen sind für ihre Hüfte eine wahre Sünde!

Wenn Rum mit Kaffee eine „süße Sünde“ ist, warum werden wir dann aufgefordert, zu sündigen?
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Wenn Rum mit Kaffee eine „süße Sünde“ ist, warum werden wir dann aufgefordert, zu sündigen?
Eine „süße Sünde“ ist Rum mit Schokolade. Das wird uns berichtet in einer Anzeige von Appleton Estate, welches ein Rum aus Jamaika ist. Und um die Sünde wahr werden zu lassen, empfiehlt man dem Trinker, zum Rum eine Schokolade zu essen – „egal, ob Zartbitter, sahnige Vollmilchschokolade oder Nougat“. Und wer keinen Rum mag, der bekommt die Empfehlung, einen „Single Malt Whisky von The Balvenie“ zur Schokolade zu trinken.

Der Sündenreigen schließt sich mit „Kleine Sünde“ von Lidl, die als Tiramisu im Kühlregal zu finden ist und vermutlich deshalb als Sünde bezeichnet wird, weil sie nicht aus kontrolliertem, nachhaltigem Anbau stammt und vermutlich auch nicht per Fairtrade gehandelt wird, sondern unfair.

Tiramisu von Lidl ist eine „kleine Sünde“. Also: Zuerst zu Lidl und dann zur Beichte!
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Tiramisu von Lidl ist eine „kleine Sünde“. Also: Zuerst zu Lidl und dann zur Beichte!
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