Spießer Alfons

Wie schmeckt man, ob der Geschmack voll ist?

Donnerstag, 11. Dezember 2014
Über Geschmack kann man nicht streiten. Oder endlos. Denn allgemein verbindliche Richtlinien für Geschmack gibt es nicht!
Die Botschaft kommt von Knorr. Sie steht als Headline in einer Anzeige und lautet plump-vertraulich: "Probier’ den vollen Geschmack!" Und wo wir ihn finden, den angeblich vollen Geschmack, das erfahren wir Konsumenten ebenfalls, nämlich im "Aromapack" von Knorr.
Wie probiert man vollen Geschmack?
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Wie probiert man vollen Geschmack?
So sitzt der Spießer nun da mit seiner Zeitschrift in der Hand und der Knorr-Anzeige vor Augen. Und fragt: Wenn der Inhalt im Knorr Aromapack nachweisbar der volle Geschmack ist – wer hat dieses Geschmacksurteil abgegeben? Stiftung Warentest? Der Gourmet und Gastro-Kritiker Heinz Horr(or)mann? Oder der Gourmand Reiner "Calli" Calmund ("Grill den Henssler!")?

Im Jahre 1966 war es Franz Beckenbauer, der vor seinem Teller saß und gefordert hat: "Kraft in den Teller – Knorr auf den Tisch". Und wenn Spießer Alfons den Kaiser damals richtig verstanden hat, dann steckte in der Suppe von Knorr kein Geschmack, sondern Kraft. Von Letzterer wiederum ist in der aktuellen Knorr-Werbung nicht mehr die Rede.
War der Geschmack damals halbvoll?
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War der Geschmack damals halbvoll?
Vor einiger Zeit kam "die neue Generation Feinschmecker-Suppen" von Knorr in die Supermärkte. Hier war der Geschmack nicht voll, sondern gut. Und der Werbedichter behauptete allen Ernstes: "So sieht guter Geschmack aus!". Eine Aussage, die höchst seltsam anmutet, denn seit wann kann man Geschmack von Nahrung mit bloßem Auge beurteilen, auch, wenn dieses bekanntlich mitisst?
Kann man Geschmack wirklich sehen?
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Kann man Geschmack wirklich sehen?
Und dann gab es noch das Inserat mit dem Chefkoch von Knorr. Dieser Mann arbeitet in einem Shop, nämlich Photoshop. Und er präsentiert eine "Sauce pur", die "schmeckt wie selbstgemacht". Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: "wie selbstgemacht"!
Zaubertrick aus dem Photoshop!
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Zaubertrick aus dem Photoshop!
Schlussfolgerung: Der Koch, der die Sauce dort als seine eigene Kreation vorführt, hat sie gar nicht selbst gemacht, sondern sie schmeckt nur so wie selbstgemacht. Stammt sie womöglich aus der Retorte einer Aromafabrik? Dann wartet der Spießer auf ein Knorr-Inserat mit dem Text: Das Gemüse aus der Tütensuppe schmeckt wie Gemüse aus dem Garten.

Aber zurück zur aktuellen Anzeige von Knorr, nach der wir den "vollen Geschmack ... im Aromapack" probieren sollen. Frage: Kann man Geschmack überhaupt probieren? Ein Essen kann man probieren und auch einen Wein - aber den vollen Geschmack ...?

Voll ist der Teller; der Geschmack kann nicht voll sein, weil es genauso wenig einen halbvollen Geschmack gibt wie einen leeren Geschmack.

In diesem Zusammenhang: Es gibt auch keine geschmacklose Werbung. Denn jede Werbung, die den Empfänger erreicht, hat auch voll den Geschmack getroffen - zumindest den des Absenders.

Was Knorr für den Menschen, das ist Pedigree für den Hund und Sheba für die Katz'. Beide Futtermittel stammen vom selben Unternehmen, das auch den Mars-Schokoriegel produziert, nämlich Mars Incorporated.
Der Hund wittert Futter von 2015!
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Der Hund wittert Futter von 2015!
Für Pedigree fand der Spießer eine wundersame Anzeige, die überschrieben ist: "Ihr Hund kann es schon wittern: Ab 2015 können Sie es kaufen."

Kann jemand dem Spießer bitte erklären, wie ein Hund im Jahre 2014 schon wittern kann, was im Januar 2015 in Dosen auf den Markt kommt? Ist das tierischer Instinkt? Oder einfach nur satirischer Ausdruck eines Textdichters?

Und obwohl dasselbe Unternehmen früher steif und fest behauptet hat: "Katzen würden Whiskas kaufen", wendet sich der Texter für Sheba nun direkt an den Haustiger und fordert ihn auf: "Entdecken Sie die verführerische Vielfalt"!
Katzen würden Sheba kaufen!
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Katzen würden Sheba kaufen!
Klar, auch der Mensch kann die Vielfalt, die offensichtlich aus drei angezeigten Sorten besteht, entdecken und dann zum Kauf verführt werden. Aber ob der Mensch sich zu einem Sheba-Mahl verführen lässt, wagt Alfons dann doch zu bezweifeln.

Die tierische Sheba-Betrachtung dient dem Spießer aber eigentlich nur als vorgeschobener Grund, damit Alfons die Anzeige abbilden und eine diesbezügliche Frage zum Produkt loswerden kann, die ihn schon seit langer Zeit beschäftigt, nämlich: Sheba gibt es in den Sorten Huhn, Thunfisch und Lachs - warum gibt es keine Sorte Maus?

Der spießige Gedanke: Huhn, Thunfisch und Lachs sollten eigentlich dem menschlichen Mahl vorbehalten bleiben. Mäuse dagegen machen dem Menschen weniger Appetit - jedenfalls nicht hierzulande. Katzen indes würden mit einem Mäuse-Mahl kaum Probleme haben, zumal wenn das Fleisch ebenfalls in Sauce, Gelee und Pâté zubereitet wird. Und wilde Mäuse gibt es mehr als genug, da lassen sich bestimmt auch Gesetze zur Schlachtung anpassen. Und damit Frauchen sich nicht ekelt, steht nicht "Maus" auf der Dose, sondern "Wild". Womit Mars Inc. also keine falsche Angabe machen würde im Gegensatz zu seinem bekannten Riegel, der ja gar nicht vom Mars stammt.

In den Bildern von vier Anzeigen sehen wir vier paar Schuhe an acht Füßen. Und wir sehen vier Frauen - zwei halbe und zwei ganze. Und der Spießer fragt sich: Warum wurden die Frauen bei Gabor und Bally beschnitten und somit auf Unterleib und Schuhe reduziert ...?
Unterleib von Gabor: kopflose Gestaltung!
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Unterleib von Gabor: kopflose Gestaltung!
Hat man die Models nur zur Hälfte gebucht und bezahlt? Oder haben die Schuhe vielleicht gedrückt, weshalb die Frauen so gequält geguckt haben, dass die Kunden verlangten: "Kopf ab!"?
Unterleib von Bally: kopflose Gestaltung!
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Unterleib von Bally: kopflose Gestaltung!
Der Spießer weiß es nicht. Er weiß nur, dass die beiden Anzeigen von AGL und Stuart Weitzmann sehr viel ansprechender sind als die kopflosen Annoncen von Gabor und Bally - wenn Ihr die Sujets bitte mal selber vergleichen und dem Spießer recht geben wollt!
Ansprechend, weil nicht kopflos!
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Ansprechend, weil nicht kopflos!
Die Frage, ob es auf die Größe ankommt, bezieht sich im Allgemeinen auf den Kontakt im Verkehr zwischen den Geschlechtern. Der Texter von Persil hat eine Anzeige daraus gemacht, die in einer Frauenzeitschrift erschienen ist. Frau liest: "Es kommt eben doch auf die Größe an ..." Und zur Begründung vermerkt der Schreiber, dass "„Unser Bestes von Persil mit bis zu 10% mehr Inhalt" erhältlich ist.
Von Kopf bis Fuß: Ganz ist die Frau!
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Von Kopf bis Fuß: Ganz ist die Frau!
Hä ...? Wirklich „bis zu“ 10% mehr? Das würde bedeuten, dass es auch Pakete gibt, die weniger als 10% mehr Inhalt haben, zum Beispiel nur 7% mehr oder gar nur 5%! Ergo: Es kommt eben doch nicht auf die Größe des Paketes an, sondern auf die Technik bei der Verpackung.
Der alte Akt: Größe oder Technik?
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Der alte Akt: Größe oder Technik?
Und was ist, wenn das Paket später nicht mehr bis zu 10% mehr an Inhalt hat? Ist Persil dann nicht mehr "Unser Bestes", sondern nur noch unser Zweitbestes, weil es doch auf die Größe ankommt ...?
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