Spießer Alfons

Werbung ohne Würde des Alters

Donnerstag, 06. Oktober 2016
Dass die einst so schillernde Marke Aigner heute angestaubt wirkt, unterstreicht das Unternehmen selber durch greisenhafte Werbung, die an Johannes Heesters erinnert!

Wir alle erinnern uns noch lebhaft an den Schauspieler und Operetten-Tenor Johannes Heesters, der im biblischen Alter von 108 Jahren  von uns gegangen ist. Und immer, wenn der Greis in seinen letzten Jahren im Fernsehen zu sehen war, wo er an einen Flügel gestützt stand und gesungen hat, dass er ins Maxim geht, wo man sehr intim ist, da waren die Zuschauer vom Auftritt des Greises eher peinlich berührt als musikalisch entzückt. Denn das Publikum nahm den Auftritt des 100jährigen mehr mit den Augen wahr als mit den Ohren und dachte dabei: "Hoffentlich kippt der alte Mann nicht gleich um!"


In einer Anzeige von Aigner sah der Spießer zwei Models in sehr unterschiedlichem Lebensalter. Natürlich fiel das Auge des Betrachters sofort auf die ältere der beiden Damen, und der Gedanke des Spießers war: Mein Gott, warum muss diese Frau sich das antun (lassen)?!
Reklame mit Kurzsichtigkeit. Eine Annonce der Aigner United Optics...?
© HORIZONT
Reklame mit Kurzsichtigkeit. Eine Annonce der Aigner United Optics...?
Eigentlich sollte es jedem Menschen gestattet sein, in Würde alt zu werden. Manche Menschen jedoch wollen das nicht. Möglicherweise auch Iris Apfel nicht, die Frau dort in der Aigner-Anzeige, die 95 Jahre alt ist und sich zur Clownin machen lässt. Ob frei- oder unfreiwillig, weiß der Spießer nicht. Aber was die alte Dame im Foto in der BILD-Zeitung um ihren Hals baumeln hat, lässt vermuten, dass man sie für den Zirkus dekoriert hat.

In den USA ist Mrs. Apfel ziemlich bekannt. Sie war mal Innendesignerin, die auch das Weiße Haus von innen designed hat. Und nun hat man sie behängt mit Plunder und bezeichnet sie damit als "Stil-Ikone".

Zur Erinnerung: In Artikel 1 unseres Grundgesetzes heißt es, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.
Iris Apfel (95) wird als „Stil-Ikone“ bezeichnet. Ist damit guter oder schlechter Stil gemeint...?
© HORIZONT
Iris Apfel (95) wird als „Stil-Ikone“ bezeichnet. Ist damit guter oder schlechter Stil gemeint...?
Frauen und Dessous – das ist so ein Thema für sich. Während viele Männer immer noch so naiv sind zu glauben, dass die Damen ihren  Intimbereich allein zur Lust des männlichen Geschlechts attraktiv bekleiden, so wissen aufgeklärte Männer schon lange, dass Frauen sich mit ihren Dessous auch selber das Gefühl von Wohlbefinden anziehen und dabei weniger an das Ausziehen denken.
Wie schade, dass Dessous nur in der Werbung öffentlich getragen werden!
© HORIZONT
Wie schade, dass Dessous nur in der Werbung öffentlich getragen werden!
Dass es Unterwäsche für Damen zu unterschiedlichen Preisen gibt, ist bekannt. Genauso, dass es attraktive Dessous auch bei C&A gibt, die sehr viel preiswerter sind als der Hauch von Nichts bekannter Luxus-Labels. Ebenso kann frau bei aldi und Lidl ihre Slips und Hemden kaufen und dafür weniger bezahlen als dort, wo es Mey-Lingerie gibt. Was diesem Hersteller natürlich nicht gefällt, und weshalb Mey inseriert: "Wer Discount-Wäsche kauft, fühlt sich auch nur discount-sexy." Aus diesem Grunde empfiehlt Mey seine "hochwertige Lingerie". Und allein die Vokabel "Lingerie" klingt schon sehr viel mehr sexy als Discount-Wäsche.

Die Anzeige von Mey gefällt dem Spießer. Und gerade, als er überlegt hatte, ob er das Sujet zu seinem "Liebling der Woche" küren sollte, da fiel ihm eine zweite Mey-Anzeige ins Auge. Diese wiederum richtet sich an die Zielgruppe Mann. Und über dem Mann in der Anzeige steht die Headline: "Ihr Sportwagen kommt ja auch nicht aus Bangladesch", weshalb der Mann "hochwertige Wäsche von Mey" tragen soll. Und das empfindet der Spießer als zynisch.
Mey-Unterwäsche und Sportwagen aus Bangladesch – ziemlich zynisch!
© HORIZONT
Mey-Unterwäsche und Sportwagen aus Bangladesch – ziemlich zynisch!
Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Dass die Frauen dort keine Mey-Lingerie tragen, lässt sich denken. Aber sie fertigen in Fabriken des Landes die Wäsche für Frauen in Deutschland. Dabei verdienen sie zwar nicht viel, aber immer noch besser wenig als gar nichts. Und "Sportwagen" und "Bangladesch" in Zusammenhang zu bringen mit Wäsche von Mey, die offenbar nicht in Bangladesch produziert wird, ist so herablassend, dass Spießer Alfons seine Mey-Unterhosen sofort aus dem Wäscheschrank genommen und in die Putzkammer getan hat. Denn weil sein Sportwagen aus Ingolstadt kommt, ist es ja wohl folgerichtig, dass seine Putztücher aus Albstadt kommen und nicht etwa aus Bangladesch.

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