Spießer Alfons

Von Marika Rökk bis zu Heidi Klum

Mittwoch, 13. Mai 2015
Nichts ist so wundersam wie die Verheißungen in der Kosmetik-Werbung. Und während überall das Alter beseitigt wird, wirbt ein Produkt mit dem Alter!
Wenn wir uns einmal gedanklich die Werbung für kosmetische Produkte vor Augen führen, dann sehen wir in den Anzeigen seitenweise High Technology. Und man bekommt den Eindruck, die Kosmetikindustrie habe in ihren Labors den schon ewig ersehnten Jungbrunnen entdeckt, der den Frauen die ewige Jugend schenkt. Falten? Gibt's nur noch im Gesäß.
Kosmetik, die unsere Mütter schon verwendet haben!
© HORIZONT
Kosmetik, die unsere Mütter schon verwendet haben!
Und neben all dem schier Unglaublichen finden wir dann ein Produkt, das genauso unglaublich ist, nämlich: "Blemish Balm Classic" von Dr. med. Christine Schrammek. Denn dieses Präparat ist "Das Original seit 1967" – siehe die Abbildung der Annonce! Damit stammt "Blemish Balm Classic" aus der guten alten Zeit, als die legendäre Marika Rökk noch Reklame gemacht hat für Hormocenta mit dem Wortlaut: "Verjüngt, verschönt und faltenlos durch Hormocenta nach Geheimrat Prof. Dr. Sauerbuch" – siehe die Annonce!
Faltenlose Haut gab es in der Werbung schon vor rund 50 Jahren – „durch Hormocenta“!
© HORIZONT
Faltenlose Haut gab es in der Werbung schon vor rund 50 Jahren – „durch Hormocenta“!
So besehen gibt es in der Kosmetik heute zwei Wege, die zu einer makellosen Haut führen sollen, als diese sind: Produkte aus dem vorigen Jahrhundert und zahlreiche Erzeugnisse aus der Neuzeit. Und alles finden wir im Regal nebeneinander und auch in der Werbung, und zwar Seite an Seite.


Spießer Alfons hat neben die Seite mit "Blemish Balm Classic" von Dr. med. Christine Schrammek eine Anzeige mit "perfect stay 24h" von Astor gestellt und stellt den Leserinnen von HORIZONT die gepflegte Frage: Wohin geht Euer Vertrauen – in ein nostalgisches Produkt, das Eure Mama schon benutzt hat? Oder in ein neuzeitliches Produkt, das Heidi Klum propagiert...?
Kosmetik, die aus dem High Technology-Labor kommt!
© HORIZONT
Kosmetik, die aus dem High Technology-Labor kommt!
Wisst Ihr, liebe HORIZONT-Leser, was "die Revolution aus der Medizin für die Mode" ist...? Laut Angaben des Textdichters von item m6 ist dieses "the intelligent Legwear". Und diese sehen wir im Bilde, wo eine Frau uns "Das neue Nackt" zeigt. Dazu erfahren wir im Kleingedruckten: "tights invisible nichts als schönere, glattere Haut Made in Germany" – siehe die Abbildung!
„Das neue Nackt“ entscheidet sich vom alten Nackt durch die Strumpfhose!
© HORIZONT
„Das neue Nackt“ entscheidet sich vom alten Nackt durch die Strumpfhose!
Was entnehmen wir dieser Anzeige? Der Spießer versteht: Die Haut ist made in Germany, was meint: Die junge Frau wurde in Deutschland gezeugt. Und "das neue Nackt" ist gar nicht nackt, sondern eben "die Revolution aus der Medizin für die Mode", was sich bei genauerem Hinsehen als eine Strumpfhose entpuppt.

Spießers Fazit: Das alte Nackt war aber auch nicht übel, oder?!


Immer diese Augenwischer in der Werbung! Da kommt Häuserbauer Kampa und tönt: "Keine Miete. Keine Heizkosten. Keine Stromkosten." Und warum bleibt uns dann "das Wesentliche im Leben"?
Wer investiert, um zu sparen, muss nichts für die Investitionen zahlen?
© HORIZONT
Wer investiert, um zu sparen, muss nichts für die Investitionen zahlen?
Das Wesentliche, was uns nach dem Kauf des Kampa-Hauses bleibt, das sind die Kosten. Für das Haus und für die Technik. Denn wer kann das alles schon ohne Hypothek vom Girokonto begleichen?

Und am Fuße der Anzeige steht: "Werden auch Sie zum Selbstversorger. Wir zeigen Ihnen wie das geht!", und zwar ohne Komma.

Lasst den Spießer raten, wie das geht mit der Selbstversorgung: Im Garten unseres Kampa-Hauses sollen wir selbst Obst, Gemüse und Kartoffeln anbauen und ernten. Und wenn wir nicht vegan leben wollen, dann sollen wir Hühner und Rinder halten und schlachten, um uns selbst zu versorgen, damit wir unser Kampa-Haus abbezahlen können.

Werbung sollte ja eigentlich die Fragen des Konsumenten beantworten, bzw. ihn dazu animieren, eine Handlung im Sinne des Werbungtreibenden vorzunehmen. Bisweilen jedoch steht der Anzeigenleser genauso wie die Anzeigenleserin vor der Werbung und fragt sich: Was wollen mir die Werber damit sagen?

Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt ein Inserat von Bottega Veneta. Natürlich weiß jede Leserin einer Frauenzeitschrift, was Bottega Veneta verkaufen will. Nur ein Spießer wie Alfons steht wie der Ochs’ vor dem Berge und fragt sich: Will die Protagonistin ihre Handtasche verkaufen? Oder die Cardigan-Strickjacke? Ja, oder ihren Body – was durchaus in doppelter Bedeutung des Wortes gemeint ist...?
In diesem Outfit soll Frau Mustermann zum Einkaufen in den Supermarkt gehen?
© HORIZONT
In diesem Outfit soll Frau Mustermann zum Einkaufen in den Supermarkt gehen?
Keine normale Frau stellt sich so in der Öffentlichkeit hin, wie die Werber das Model in der Anzeige hinstellen. Zum einen geht eine Frau in diesem Aufzug nicht in den Supermarkt zum Einkaufen, zum anderen steht eine Frau so nicht vor der Kamera, wenn sie so etwas nicht professionell macht.

Was tut eine Frau nicht alles für eine Handtasche von Prada?! Es gibt Frauen, die legen sich dafür aufs Bett – wie Prada es in einer Anzeige darstellt. Oder geht es hier gar nicht um die Handtasche, sondern um die Klamotten der jungen Frau? Oder um die Schuhe? Vielleicht auch um die Bettdecke von Prada...?
Für eine Handtasche von Prada lässt sich eine Frau schon mal aufs Bett werfen!
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Für eine Handtasche von Prada lässt sich eine Frau schon mal aufs Bett werfen!
Wie dem auch sei: So eine Anzeige in schwarzweiß zu schalten, das ist so ähnlich, wie einen Schmetterling mit dem Bleistift zu malen. Je nun, Hauptsache, der Markenname ist korrekt geschrieben. Dass die Frau im Bilde nicht sonderlich glücklich dreinschaut, mag daran liegen, dass der Preis der Tasche sie umgehauen hat.
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