Spießer Alfons

Von Bildern, Fleischsalat und Spaghetti

Donnerstag, 24. September 2015
Schon im vorigen Jahrhundert haben wir erfahren: Wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin. Bei Spaghetti Bolognese von Knorr ist das anders!
Auf dem ersten Blick haben "Bild"-Zeitung, und Knorr-Tüte nichts gemeinsam. Auf den zweiten Blick jedoch gibt es zwischen beiden Produkten einen Zusammenhang. Und über diesen Konnex berichtet der Spießer in seiner vor Euch liegenden Kolumne.


Zuerst einmal "Bild": Am 8. September 2015 ist die Zeitung ohne Bilder erschienen. Warum? Antwort der Redaktion: Weil "Bild" seinen Leser damit dokumentieren wollte, "wie wichtig Fotos im Journalismus sind". (Was natürlich kein "Bild"-Leser zuvor auch nur geahnt hat!)
Wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin. Und wo Bild draufsteht...?
© HORIZONT
Wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin. Und wo Bild draufsteht...?
"Bild" ohne Bilder aus der Sicht des spießigen Lesers betrachtet: Alfons hat diese Ausgabe für 80 Cent gekauft, obwohl er damit für den vollen Copypreis nur den halben Inhalt bekommen hat, nämlich allein den Text. Der Verlag dagegen hat mit dieser Ausgabe viel Geld gespart, weil er keinen einzigen Fotografen honorieren musste!

Bildlich gesehen war das sehr pfiffig von Kai Diekmann, quasi ein journalistisches Guerilla-Marketing! Es ist vergleichsweise so, würde Homann seinen Fleischsalat einen Monat lang ohne Fleisch auf den Markt bringen, dafür den vollen Preis fürs halbe Gewicht verlangen und auf dem Etikett anzeigen: "Damit Sie mal sehen, wie wichtig Fleisch im Fleischsalat ist!"


Und was hat Knorr mit "Bild" zu tun? Vielleicht wegen Franz Beckenbauer, der früher mal Knorr-Suppen gelöffelt hat, und heute noch von seinem Ruhm zerrt in regelmäßigen Bild-Berichten? Nun, das ist wohl richtig, aber das meint der Spießer nicht. Sondern:

Knorr wirbt für seine "Spaghetti Bolognese" mit der Frage: "Sie wollen 100% natürliche Zutaten?" Und wenn der Anzeigenleser "ja" sagt, dann bekommt er keine 100% Zutaten. Weder bekommt der Käufer die  Spaghetti in der "Spaghetti Bolognese", noch bekommt er die Bolognese, sprich Hackfleischsoße mit Tomaten.
Weder Spaghetti noch Bolognese ist in „Spaghetti Bolognese“!
© HORIZONT
Weder Spaghetti noch Bolognese ist in „Spaghetti Bolognese“!
Stattdessen findet der Kunde einen Hinweis auf der Tüte, wo er liest: "Frisch dazu: 200 g Hackfleisch, 200 g Spaghetti". Da stutzt der spießige Konsument. Wo er frisches Hackfleisch bekommt, das weiß Alfons. Aber wo bekommt er frische Spaghetti dazu...?

Natürlich kann die Hausfrau ihre Spaghetti selber machen. Aber mal ehrlich: Wer Spaghetti selber macht, weil er die getrockneten aus dem Supermarkt nicht mag – wird der für Spaghetti Bolognese dann tatsächlich die getrocknete "Würzbasis" von Knorr aus der Tüte nehmen? Oder bevorzugt er vielmehr auch frische Tomaten, frische Kräuter, frische Karotten, frischen Knoblauch, frischen Pfeffer. frische Zwiebeln und frischen Paprika...? Damit würde er dann allerdings das Knorr-Produkt ganz und gar nicht benötigen.

Natürlich sind getrocknete Zutaten natürlich. Dass sie auch „natürlich lecker“ sind, das ist natürlich die Meinung des Textdichters von Knorr und muss sich natürlich nicht mit der Meinung des natürlichen Verbrauchers decken.

Und dann hat der Spießer noch ein Rätsel für Euch. Die Frage lautet: Aus welcher Zeit stammt die abgebildete Zentis-Annonce für "Sonnen-Früchte"? 1980er Jahre? 1960er Jahre? Oder ist sie noch älter?

Richtig ist: Die Annonce hat das Licht der Werbewelt erblickt im Jahre 2015. Die Gestaltung allerdings könnte aus dem vorigen Jahrhundert stammen. Was im Grunde nicht schlecht sein muss, denn Omas Marmelade war immer schon die beste.
Schattenseite in der Werbung: Wozu wird Erdbeermarmelade wirklich gemacht...?
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Schattenseite in der Werbung: Wozu wird Erdbeermarmelade wirklich gemacht...?
Aber betrachtet doch mal die Erdbeeren oben in der Hand eines unbekannten Pflückers! Das sieht aus, als hätte diese Hand die Früchte aus dem Boden gegraben. Und dann die versale Headline: "Gemacht (Komma?) um alles in den Schatten zu stellen." Das ist bemerkenswert. Weil es absoluter Unfug ist. Oder glaubt jemand von Euch Konsumenten ernsthaft, dass Zentis seine Erdbeermarmelade vorrangig deshalb macht, um alles andere in den Schatten zu stellen...?!

Dazu gibt es auch noch einen TV-Spot, wo der Off-Sprecher berichtet, dass der Fernsehzuschauer dort zwar Erdbeeren sieht, der Konsumpoet hingegen sieht "kleine Meisterwerke", die "Sonnenspeicher" sind, "aus denen sich jeder Sonnenstrahl herausschmecken lässt". Und dann kommt der Knaller: "Von denen wir genau wissen, was sie mal werden wollen, wenn sie groß sind."

Spießige Zwischenfrage: Weiß auch der Textdichter genau, was er mal werden will, wenn er groß ist...?

In diesem Zusammenhang erinnert Spießer Alfons wieder einmal mehr an einen Altmeister der Werbung, und zwar aus der Zeit, als die Werbung noch Reklame hieß. Damals, im Jahre 1935, schrieb Hermann Ullstein seine Empfehlung und also lautend:"Verkaufe die Wirkung statt der Ware!“ Womit der Werber empfahl: „Preise nicht Bücher an, sondern Bildung. Preise nicht Möbel an, sondern Behaglichkeit. Preise nicht Anzüge an, sondern Eleganz. Preise nicht Pillen an, sondern Gesundheit. Preise nicht Sekt an, sondern Lebensfreude."

Daraus ergibt sich die Empfehlung von Spießer Alfons an den Zentis-Texter: Preise nicht Erdbeeren an, sondern den Genuss der Marmelade! Dabei muss man weder andere Zentis-Produkte in den Schatten stellen, wie geschehen, noch muss man dazu Gedanken anstellen, was Erdbeeren mal werden wollen, wenn sie groß sind.
Short Story in zwei Bildern mit zwei Worten!
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Short Story in zwei Bildern mit zwei Worten!
Zum Thema passt schließlich auch eine Zentis-Anzeige, die vor vielen Jahren erschienen ist, und wo in zwei Bildern und zwei Worten folgende Geschichte erzählt wird: Die Oma hat 30 Jahre lang gelogen, weil sie das tolle Pflaumen-Mus gar nicht selbst gemacht hat - siehe die Abbildung!

Einzige Kritik an dieser Anzeige: So eine freundliche Oma "lügt" nicht, sondern sie hat nur geschwindelt. Und welcher Werber tut das nicht?!
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