Spießer Alfons

Produkte zur Entfaltung von Profit

Donnerstag, 26. November 2015
Wer am Morgen zerknittert aufsteht, hat den ganzen Tag lang Zeit, sich zu entfalten. Die Alternative: abends eine Anti-Falten-Creme auftragen!
Die einzige Falte, die eine Frau an ihrem Körper akzeptiert, das ist die Gesäßfalte. Falten im Gesicht dagegen, egal ob an Augen, Kinn oder Stirn, sind für Evas Töchter der blanke Horror. Der Grund dafür liegt buchstäblich begründet im Wort, nämlich: F-alt-e!

Mit Falten lassen sich gute Geschäfte machen. Da gibt es Cremes, Tinkturen und Tabletten, die der Faltenbildung nicht nur entgegenwirken, sondern sogar zur Beseitigung der ungeliebten Furchen beitragen sollen. Das beginnt mit „Anti-Falten Q10 Tagespflege“ von Müller für 2,45 Euro und endet noch lange nicht bei La Mer für 26 Euro, sondern geht weiter bis La Prairie für 104 Euro und darüber hinaus.

Diese Cremes helfen in der Tat. Zum einen, den Gewinn der Firmen zu maximieren, und zum anderen den Frauen, denn das Zeug lässt die Zellen aufquellen, was die Faltentiefe sichtbar verringert, quasi durch Aufpolsterung. Doch nach einigen Stunden werden die aufgenommenen Stoffe resorbiert, und die Falten sind wieder da. Nur Botox, das Nervengift, schafft sichtbar Abhilfe, führt aber zu starren Gesichtszügen.

Das spießige Werbethema der Woche sind nicht Cremes und andere Zaubermittel, die man auf die Falten aufträgt, sondern es geht um Trinkampullen und Tabletten, die durch orale Einnahme das Übel, nämlich die Falte, von innen her beseitigen sollen. Wie zum Beispiel Elasten, was "Trink-Kollagen" ist. Elasten "reduziert sichtbar Falten“ und bringt "spürbare Effekte bereits nach 4 Wochen". Und für die medizinische Wirkung verbürgt sich der studierte Apotheker, denn Elasten gibt es "apothekenexklusiv", also nicht in billigen Drogerie-Märkten und Parfümerie-Abteilungen der Kaufhäuser.
Originell: Couture für die Haut!
© HORIZONT
Originell: Couture für die Haut!
Bemerkenswert: Elasten ist die "Haut Couture®“, was an Haute Couture denken lässt und bei Frauen ein positives Bild im Kopf erzeugt. Und während es sich bei Haute Couture um (französisch) "gehobene Schneiderei" handelt, könnte es sich bei Haut Couture möglicherweise um gehobene Geldschneiderei handeln, denn die Trinkampullen kosten im Durchschnitt immerhin 55 Euro.
Hier hat der Hersteller sein eigenes Produkt zufällig in der Apotheke entdeckt
© HORIZONT
Hier hat der Hersteller sein eigenes Produkt zufällig in der Apotheke entdeckt
Aber kommen wir zum eigentlichen Casus Belli, nämlich zur ganzseitigen Annonce von Revoten. Überschrift: "Reife Haut?" und darunter der Hinweis: "Einzigartiges Arzneimittel verspricht wirksame Hilfe bei Falten". Im Kleingedruckten vermerkt der Textdichter: "Viele Frauen greifen verzweifelt zu Hautcremes. Allerdings können Kosmetikprodukte oft nur einen temporären Effekt erzielen." Und dann berichtet der Konsumpoet etwas Erstaunliches: "In der Apotheke haben wir ein zugelassenes Arzneimittel entdeckt, das bei der Ursache im Körperinneren ansetzt: Revoten (rezeptfrei)."

Ist es nicht wundersam: Der Hersteller liefert seine Tabletten in die Apotheke und berichtet anschließend in seiner Werbung, dass er die Tabletten in der Apotheke entdeckt hat?!

Am Ende lesen wir dann noch: "Unserer Meinung nach ist Revoten das Produkt, dem endlich der große Durchbruch in der effektiven Behandlung von Bindegewebsschwächen gelingen könnte!"

Den Satz muss man zweimal lesen, um zu erkennen, dass der Hersteller selber der Meinung ist, dass seinem Produkt der Durchbruch in der Behandlung gelingen könnte. Was ein Konjunktiv ist, also die Möglichkeitsform. Und womit gesagt wird, dass der Durchbruch in der effektiven Behandlung noch nicht gelungen ist.

Warum die Apotheken das Produkt trotzdem verkaufen, lässt sich ahnen: Sie verkaufen auch Cremes gegen Altersflecken und Cellulite. Und noch ein Lacher am Ende. Unter dem Foto steht: "Sie gehören zum Altern dazu und doch finden sie viele Frauen lästig: Falten." Womit nicht gesagt wird, dass viele Frauen die Falten als lästig empfinden, sondern: Sie, nämlich die Falten, finden, dass viele Frauen lästig sind.

In einer Elmex-Anzeige lesen wir in Versalien die Aufforderung: "Seien Sie Karies einen Schritt voraus", wohinter kein Satzzeichen steht. Was sagt uns der Textdichter mit dieser seiner Headline?
Zuerst schreiten Sie, und einen Schritt hinterher kommt Karies!
© HORIZONT
Zuerst schreiten Sie, und einen Schritt hinterher kommt Karies!
Wer einer Sache um "einen Schritt voraus" ist, der ist schneller gegenüber dem, was nach ihm kommt. Im vorliegenden Fall ist das Karies. Denn Elmex sagt nicht: "Beugen Sie einer Karies vor!", sondern: Seien Sie vor der Karies da! Was meint: Zuerst kommen Sie, und danach kommt dann die Zahnfäule.

Ob das wohl ein Schritt in die richtige Richtung ist?

Eine Frau, die in ihren Händen eine blühende Pflanze im Topf hält, erklärt dem Leser: "Ich vertraue SENI, weil ich mit ihr wieder Freude an meinem Hobby habe" – siehe die Ablichtung!
Seni gibt Freude am Hobby zurück!
© HORIZONT
Seni gibt Freude am Hobby zurück!
Der Spießer, der keinen blassen Schimmer hatte, was dieses Seni denn wohl sein könnte, dachte zuerst mal an flüssige Pflanzennahrung, mit der die abgebildete Frau wieder Freude an ihrem Hobby hat.

Dem Kleingedruckten hat Alfons dann aber die Botschaft entnommen: "Seni Lady ist die optimale Lösung für Frauen, die ihr Leben selbstbestimmt und erfolgreich gestalten." Daraus wiederum hat der Spießer geschlossen, dass Seni so etwas Ähnliches sein könnte wie Always.

Fazit aus der Anzeige: Die Protagonistin hatte alle Freude an ihrem Hobby, den Topfblumen, verloren. Dann aber vertraute sie ihrer Slipeinlage, mit der echt Freude aufkam für das Hobby. Vermutlich, weil sie die Seni in den Topf gesteckt hat, sodass die Wurzeln der Pflanzen nach dem Gießen optimal mit Feuchtigkeit versorgt sind.

Gibt es vielleicht noch jemanden in der spießigen Lesergemeinde, der den Benefit in der Anzeige als blühende Phantasie eines (männlichen) Textdichters empfindet?

Der Deutsche Werberat ist immer wieder goldig, denn alljährlich rügt er öffentlich irgendwelche kleinen Pups-Händler, die irgendwo ein weibliches Körperteil in ihrer Reklame abbilden, und macht auf diese Weise die sexistische Darstellung national bekannt.

Wenn der Werberat in der großen Werbewelt nichts Anstößiges zu bemängeln hat, dann soll er glücklich und zufrieden sein. Und wenn da irgendein Malermeister oder Rohrverleger einen nackten Frauenpopo abbildet, dann mag der Werberat dagegen juristisch vorgehen. Und sollte mit der Tat kein Gesetz gebrochen werden, dann kann der Händler ohnehin so weitermachen wie bisher, egal, ob da eine Rüge eingetroffen ist oder der Busen bebt, denn über den Tadel wird der Empfänger sich bloß amüsieren. Was also soll der ganze Aufwand mit Einschaltung überregionaler Medien? Bloßer Tätigkeitsnachweis, um die Institution Werberat als wichtig erscheinen zu lassen ...?
Die Advertising Bubble von Spießer Alfons
© HORIZONT
Die Advertising Bubble von Spießer Alfons
stats