Spiesser Alfons

Plappern gehört zum Handwerk der Werber

Donnerstag, 13. August 2015
Viele Werbetexter haben keine Ausbildung zum Werbetexter. Sie haben nur einen Kugelschreiber gekauft und hauen damit Profis in die Pfanne!
Es gibt viele Berufe. Zum Beispiel im Handwerk. Und um dort etwas her- und darzustellen, muss man eine Ausbildung machen, an deren Ende dann der verbriefte Meister steht. Wobei dem Spießer das alte Sprichwort in den Sinn kommt: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. (Ausnahme: Bürgermeister, aber das ist ein anderes Thema.)


Auf der vor Euch liegenden Seite geht es um den Meister am Herd, nämlich den Küchenmeister, kurz Koch genannt. Hier beträgt die Lehrzeit im Allgemeinen drei Jahre; danach ist der Ausgebildete dann ein Profi, der professionell braten kann.

Die Alternative zur Ausbildung: Unilever. Genauer: Rama, und zwar "Braten wie die Profis". Das ist laut Angaben des Herstellers "ein Mix aus drei erlesenen Ölen und dem besten Geschmack von Rama" – woraus wir schließen können, dass es noch eine Rama geben muss, deren Geschmack nicht dem Superlativ entspricht. Und über "Rama Braten wie die Profis" behauptet der Textdichter in versalen Lettern: "Braten wie ein Profi kann jetzt jeder!"


Mit anderen Worten: Um professionell braten zu können, benötigt man keine Ausbildung, sondern lediglich das angezeigte Produkt.
Hier wird Profi-Köchen eins übergebraten: jeder Amateur kann braten wie ein Profi!
© Unilever
Hier wird Profi-Köchen eins übergebraten: jeder Amateur kann braten wie ein Profi!
Vergleichbare Versprechungen gab und gibt es in der Werbung immer wieder. Da ist von professioneller Haarpflege die Rede mit Produkten, die der Friseur in seinem Salon verwendet. Und von professioneller Zahnreinigung lesen wir genauso wie vom Putzen wie die Profis. Und Spießer Alfons wartet darauf, dass irgendwann auch ein Anbieter von Massageölen auf die Idee kommt zu inserieren: Massieren wie ein Profi kann jetzt jeder!

Spießiges Fazit: Werbetexten wie ein Profi kann jetzt jeder, der einen Duden hat. Denn dort stehen alle Wörter drin, die der Amateur benötigt, um professionelle Sprüche zu klopfen.

Vorweg bemerkt: Spießer Alfons ist weder Veganer noch Vegetarier. Aber er findet Fleisch zum Kotzen, nämlich dann, wenn es so angeboten wird, wie die Metro es tut: Wir sehen im Bilde drei kleine Schweine friedlich im Stroh liegen. Zwei von ihnen busseln mit ihren Rüsseln. Und darüber informiert der Texter: "Es stehen Ihnen folgende Teilstücke zur Verfügung" – siehe die Abbildung!
Bussi-Schweinchen in Teilstücke zerlegt!
© Metro
Bussi-Schweinchen in Teilstücke zerlegt!
In diesem Zusammenhang auch ein Beitrag aus dem Hamburger Abendblatt, wo zu lesen war: "Erstmals deutsche Steaks bei Block House". (Nebenbei: Wenn Spießer Alfons in seinem Gedächtnis kramt, dann kommt ihm die Erinnerung, dass es in dem besagten Steakhaus auch in Vergangenheit schon mal das Angebot von Steaks aus Schleswig-Holsteiner Rinderzucht gegeben hat. Aber auch ein Spießer kann sich ja mal irren.) Warum der Spießer auf den Zeitungsbeitrag eingeht? Weil auch hier ein Foto zu sehen ist, wenn Ihr Euer Augenmerk bitte mal auf die Abbildung richten wollt! Und die Bildunterschrift lautet: "Die Uckermärker Rinder sind sehr zutraulich. Block-Vorstandschef Stephan von Bülow nähert sich einem Tier, das sofort an seiner Hand lecken will" ...
Das zutrauliche Rind will lecken, der Restaurant-Chef will schmecken!
© Horizont
Das zutrauliche Rind will lecken, der Restaurant-Chef will schmecken!
... und bald danach leckte dann der Vorstandschef am Fleisch dieses zutraulichen Tieres, das steakweise vor ihm auf dem Teller lag und bis zuletzt noch gedacht hatte, der Herr von Bülow wollte es nur liebevoll streicheln. Frage an die spießige Lesergemeinde: Ist das ethisch noch vertretbar? Oder ist der Spießer einfach bloß hypersensibel?

Wenn Ihr eine Anzeige für ein Automobil macht und darüber schreibt: "Das beste Auto der Welt", dann könnte es ziemlichen Ärger geben mit dem Wettbewerb, wenn Ihr für die superlative Behauptung keinen entsprechenden Beweis antreten könnt. Das vorweg.

Nun ist da Pro-Idee, der Versandhändler. Und der bietet einen Kopfhörer von Bang & Olufsen an und vermerkt dazu nicht, dass es der leichteste Bluetooth- Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung ist, sondern der Textdichter hat fabuliert: "Der vielleicht leichteste Bluetooth-Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung". Was also keine
Tatsachenbehauptung ist, sondern bloß eine Vermutung. Beim Leser jedoch entsteht unterschwellig der Eindruck: Das Ding für 499 Euro ist tatsächlich der leichteste Kopfhörer.
"Vielleicht". Vielleicht aber auch nicht!
© Pro-Idee
"Vielleicht". Vielleicht aber auch nicht!
So eine selbst positionierte Alleinstellung in der Möglichkeitsform ist nicht neu, denn in unserer Erinnerung gibt es schon seit langer Zeit "die wahrscheinlich längste Praline der Welt", was nach Angaben des Herstellers Duplo sein soll. "Wahrscheinlich", das klingt sogar bestimmter als nur "vielleicht". Und stimmen tut es schon gar nicht, denn Duplo ist wohl eher zu den Schokoriegeln zu rechnen als zu den Pralinen. Doch welcher Pralinen-Hersteller würde auf die Idee kommen, Ferrero den wahrscheinlich ungerechtfertigten Superlativ zu untersagen? Und würde es jemand tun, dann ginge das durch alle Medien und wäre eine gigantische Kampagne für die Schokoriegelpraline.

Unglaublich, was sich so alles im Internet tummelt! Zum Beispiel der Anbieter von Hairoxol forte. Der behauptet allen Ernstes: "Mediziner sind schockiert!" Und erklärt den Schockzustand wie folgt: "Neue Wunderformel lässt Haare bei Männern und Frauen schnell wieder wachsen, sofort mehr Volumen" – siehe die Abbildung!
Mediziner-Schock: Neue Haare wachsen auf der Glatze!
© Hairoxol
Mediziner-Schock: Neue Haare wachsen auf der Glatze!
Auch normales Leitungswasser lässt abgeschnittene Haare schnell wieder wachsen, wenn die Wurzeln intakt sind. Die bildliche Darstellung in der Hairoxol-Werbung hingegen gehört in die Abteilung von Märchen und Phantasie. Spießige Frage: Wer moniert eigentlich so einen Betrugsversuch im Internet – außer Spießer Alfons ...?

Keiner ist so gut informiert wie alle. In diesem Sinne kommt Spießer Alfons zurück auf seine 2.056. Folge, wo er Euch über die Werbung von Benediktiner berichtet hat, in der erklärt wird: "Dem Himmel so nah". Und im Internet wird dazu über die Braustätte der Benediktiner Biere ausgesagt: "Hier – in klarer Bergluft auf 877 Metern Höhe – leben, arbeiten, beten und brauen die Benediktiner Mönche des Klosters Ettal nach jahrhundertealter Tradition".
Im Himmel ist Jahrmarkt. Und Benediktiner wirbt höllisch!
© Horizont
Im Himmel ist Jahrmarkt. Und Benediktiner wirbt höllisch!
Hierzu schrieb ein Leser aus München, der ungenannnt bleiben möcht: "Dieses ganze Mönchs- und Himmel- und Alpen-Gedudle' stimmt ja eigentlich gar nicht, ist im Prinzip höchster Marketing-Beschiss. Denn das Bier wird in Lich mit dortigem (hessischen Flachland-) Brauwasser gebraut, lediglich nach ‚benediktinischer Originalrezeptur mit Ettaler Kellerhefe‘. Und gerade nicht in Ettal bei den Mönchen."

Dass dem Spießer diese Pointe entgangen ist, schreibt auch Leser Martin Berger aus Wuppertal und meint: "Das hätte doch eine echte Erwähnung verdient, ist man doch in Ettal bei Oberammergau dem Himmel so nah, dass man das Bier nahezu um die Ecke in Lich (in Hessen, nahe bei Gießen) erzeugen lässt. Vom Himmel aus gesehen sind das eigentlich gar keine Entfernungen, oder? Und über die Mönche, die gar nicht selber brauen, sollte demzufolge korrekterweise unter Hinzufügung eines Wortes geschrieben werden ‚sie leben, arbeiten, beten und lassen brauen …‘"

Zur Entschuldigung seines Nichtwissens, liebe Lesergemeinde, erklärt Euch der Spießer: Im Norden, wo Alfons lebt, arbeitet, betet und Gröninger trinkt, dort ist Benediktiner so weit entfernt wie die Weißwurst vom Labskaus.
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