Spießer Alfons

Parship: Rechnung mit selbstverliebten Singles?

Freitag, 29. Januar 2016
Früher, da fand man einen Partner mehr oder weniger durch Zufall. Das war gratis. Online-Partner-Vermittlung ist nicht gratis. Häufig aber umsonst!

Wer einen Partner/in für Küche und Bett finden möchte und sein Glück nicht dem Zufall überlassen will, der kann sich professionelle Hilfe dafür nehmen. Im vorigen Jahrhundert waren das die sogenannten Eheanbahnungsinstitute, auch Heiratsvermittlungen genannt. Diese sind heute in den Hintergrund getreten, weil die Heirat nicht mehr im Vordergrund steht und im Zeitalter des Internets neue Wege gefunden wurden, um zwei Menschen zusammenzuführen. Wie zum Beispiel über Parship und ElitePartner.



ElitePartner wirbt auf City-Light-Postern mit dem Hinweis: „Für Akademiker und Singles mit Niveau“ – siehe Abbildung! Und was sollen wir unter „Niveau“ verstehen?

Niveau ist ein Teekesselchen, was meint: Ein Wort mit doppelter Bedeutung, das man auch als Homonym bezeichnet. Denn Niveau ist nicht nur die waagerechte, ebene Fläche in einer bestimmten Höhe, sondern Niveau ist auch der geistige Rang, Stand bzw. die Stufe der bildungsmäßigen, künstlerischen, sittlichen o. ä. Ausprägung eines Menschen. Und letzteres Niveau ist vermutlich gemeint in der Werbung von ElitePartner.


Aber der Claim der Partnervermittlung wirft Fragen auf. Zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Akademikern einerseits und Singles andererseits: Sollen die Akademiker etwa keine Singles sein? Und nur die Singles sollen Niveau haben...?
Der eine wartet auf Godot, der andere wartet auf Niveau. Aber welches Ni-veau wird hier erwartet?
© Elite Partner
Der eine wartet auf Godot, der andere wartet auf Niveau. Aber welches Ni-veau wird hier erwartet?
Spießer Alfons ahnt es: ElitePartner sucht nicht nur Akademiker, sondern Singles aus allen Kreisen der Bevölkerung. Denn es gibt gar keinen Menschen in diesem unserem Lande, der kein Niveau hat, sprich: niveaulos ist. Weil jeder Mensch einen geistigen Rang, eine Stand bzw. eine Stufe der Ausprägung in seiner Bildung hat. Der Unterschied besteht allein aus der Höhe dieser Stufe.

Ach ja, und der Spießer hat schon männliche Akademiker erlebt, die sich Frauen gegenüber auf unterstem Niveau benommen haben.

Auch Parship ist eine Online-Partner-Vermittlung, die im März 2011 sogar zum Testsieger bei Stiftung Warentest gekürt wurde und von 14 geprüften Singlebörsen und Partnervermittlungen die Note gut erhielt. Das Unternehmen gehörte früher mal zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und wurde im vergangenen Jahr an die britische Beteiligungsgesellschaft Oakley Capital verscherbelt.

Die Vermittlung via Parship ist nicht billig. Aber das Geschäft mit den Singles scheint zu laufen, denn während Heiratsinstiute früher mal mit Kleinanzeigen im Inseratengarten der Tageszeitungen geworben haben, so kommt Parship heute großformatig in Print daher und auf diversen anderen Werbekanälen, die mehr als Peanuts kosten.

Das Erstaunliche in der Parship-Werbung ist die standardmäßige Aussage: „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single bei Parship“. Bei 365 Tagen im Jahr á 24 Stunden ergibt das 47.782 verliebte Singles pro Jahr. So jedenfalls vermittelt es uns Parship in seinem Claim, der vom Volke widerspruchslos geschluckt wird, denn der Spießer glaubt nicht, dass jemand eine Rechnung aufstellt wie Alfons es gerade getan hat.
Nur ein Single verliebt sich? Das lässt auf einseitige Liebe schließen. Oder auf Liebe an und für sich!
© Parship
Nur ein Single verliebt sich? Das lässt auf einseitige Liebe schließen. Oder auf Liebe an und für sich!
HORIZONT-Leser Olaf schickte eine Frage an Spießer Alfons und also lautend: „Ab wann kann denn jemand als ‚verliebt’ gezählt werden?“ Klar, es gibt Parship-Mitglieder, die haben sich vielleicht schon in ein bloßes Foto verliebt, und das mehrfach am Tage, also alle 11 Minuten. Und das haben sie unverzüglich an Parship gemeldet.

Spießer Alfons hörte auch die Klage einer jungen Dame, die sich fragt: „Wie traurig muss es bei Parship hergehen, wenn sich jeweils nur  e i n  Single verliebt, sodass dessen Liebe offensichtlich nicht erwidert wird?!“ Klar, denn sonst stünde dort: Alle 11 Minuten verlieben sich zwei Singles über Parship.

Werbung für einen sozialen Zweck ist grundsätzlich positiv. Für die gute Sache genauso wie auch für Werbeagenturen. Letztere bekommen hier zwar in aller Regel kein Geld für ihre Arbeit, dürfen sich aber kreativ freier bewegen als dieses nach festgeschriebenen Marketingplänen der freien Wirtschaft möglich ist. Und die Werber haben mit Social Media Campaigns gute Chancen, bei Werbewettbewerben eine Goldene Nudel zu gewinnen.

Plan, das Kinderhilfswerk, hat eine Kampagne in die Welt gesetzt, wo es um „mehr Aufmerksamkeit für Mädchen“ geht. Irgendwie aber kommt der Spießer mit der Kommunikation dieser Kampagne nicht klar.

Beispiel: Wir sehen ein kleines Mädchen. Daneben der Text: „Gewalt gegen Mädchen“. Und weil man diese Gewalt nicht will, hat man ein Kreuz in das Wort „Gewalt“ gemacht und damit zwei Buchstaben gestrichen. Jetzt steht dort: „Gelt gegen Mädchen“. Was das bedeuten soll, bleibt im Dunkel, denn „Geld“ schreibt man nicht mit t. Und besser wäre auch: Geld für und nicht gegen Mädchen.

Und wenn man das Wort „Gewalt“ komplett streicht, dann bleibt dort „gegen Mädchen“ stehen.
Kann man Gewalt so einfach streichen...?
© Unternehmen
Kann man Gewalt so einfach streichen...?
Natürlich meinen die Werber, dass Gewalt gegen Mädchen ein Ende haben soll. Das aber wird nicht passieren, indem man einfach ein Kreuz macht, sondern indem man aufrüttelnde Texte gegen diese unerträgliche Gewalt schreibt. Wer das nicht kann, der sollte solche Kampagnen nicht machen.

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