Spiesser Alfons

Neues von Maggi aus dem Reklame-Bureau

Donnerstag, 27. August 2015
Wenn wir an Maggi denken, dann denken wir an die Würze. Doch wenn der Spießer die Maggi-Werbung sieht, dann fehlt ihm dort etwas, nämlich die Würze!
Maggi ist ein Name, der zu den echten Markenklassikern gehört. Im Jahre 1886 stellte der Schweizer Michael Johannes Julius Maggi erstmals aus dem Mehl von Erbsen und Bohnen ein kochfertiges Suppenpulver her. Und ein Jahr später war das Sortiment schon auf 22 Fertigsuppen angewachsen.


Und noch etwas ist in der Geschichte der Marke Maggi zu erwähnen: Julius Maggi richtete bereits im selben Jahr 1886 ein "Reklame- und Pressebureau" ein, dessen Leiter ein gewisser Frank Wedekind gewesen ist, der später als Schriftsteller und Dramatiker berühmt wurde.

Damit kommt der Spießer zur Maggi-Werbung von heute – wenn Ihr Euch bitte mal die beiden Anzeigen anschauen wollt! Diese Anzeigen aus dem Jahre 2015 kommen aus einer Werbeagentur, könnten aber auch aus dem Maggi Reklamebureau von 1886 stammen.
Dieses Kind wurde von seinen Eltern zu Werbezwecken vermietet!
© Maggie
Dieses Kind wurde von seinen Eltern zu Werbezwecken vermietet!
Warum? Nun, als die Werbung noch Reklame hieß, da gab es in den Annoncen regelmäßig Zitate von zufriedenen Konsumenten. Die wurden aber nicht namentlich genannt, sondern man las: Friedrich W. aus K. Oder: Charlotte V. aus F. Oder mit anderen Worten: Diese "abgekürzten" Menschen hatte der Reklamedichter vermutlich frei erfunden; oder es waren Personen aus dem Firmen- oder Familienkreis.


Und heute, also im Jahre 2015, lesen wir in einer Maggi-Anzeige: "Meine Tochter. Seit 3 Minuten überzeugte Vegetarierin." Und wer sagt das? Es sagt nicht der Vater oder die Mutter der Tochter, sondern hier schreibt "Familie K. aus München" in der Ich-Form.

Genauso wie "Familie F. aus Hamburg", die berichtet: "Für mich: Echt gute Zutaten. Für meine Tochter: Echt gut." Und ob die abgebildete weibliche Person die Mutter der Familie ist oder die Tochter oder weder noch, darf der Leser raten.
Auch dieses Kind wurde von seinen Eltern zu Werbezwecken vermietet!
© Maggie
Auch dieses Kind wurde von seinen Eltern zu Werbezwecken vermietet!
Frage an die Maggi-Werber: Was habt Ihr Euch eigentlich bei diesen Anzeigen gedacht? Wenn die Werbung schon authentisch wirken soll, warum dann die Testimonials nicht mit echten Namen und Fotos von realen Konsumenten statt mit anonymen Darstellern aus angeblichen Familien, die dort in der Ich-Form schreiben?

Anzeige von Miele. Das Inserat ist zweigeteilt: Links sehen wir eine Frau mit einem Kind, das in einer überschäumenden Badewanne sitzt. Und rechts daneben erkennen wir eine Waschmaschine in Aktion – wenn Ihr Euch bitte selber mal überzeugen wollt mit einem Blick auf die Anzeige!
Überschäumende Kreativität ergibt ein Fragezeichen!
© Miele
Überschäumende Kreativität ergibt ein Fragezeichen!
Die Headline lautet: "Waschen und dosieren kann jeder. Perfekt nur die eine." Was will uns der Textdichter damit sagen? Dass nur die Frau im Bilde perfekt dosieren kann? Und wenn ja: Was dosiert diese Frau perfekt – das Badeshampoo? Oder das Waschmittel ...?

Die Unterzeile lautet: "Entdecken Sie das automatische Dosiersystem mit integriertem Waschmittel. In der Miele W1 mit TwinDos."

Ah, jetzt hat der Spießer es geschnallt: "TwinDos"! Und "Twin" bedeutet Zwilling, stimmt’s? Und "Dos" ist offenbar die Abkürzung von "Dosierung", oder? Woraus die logische Schlussfolgerung entsteht: Mit dem TwinDos-Programm von Miele wäscht man Kind und Wäsche parallel im Zwillingswaschgang. Und damit entsteht die duale Dosierung.

Klar, man hätte das auch deutlicher sagen können. Aber ein Rebus in der Werbung macht die Konsumenten neugierig. Und dann fangen sie an zu rätseln und denken dabei an den Namen der Marke. Und an das fröhliche Kind in der Wanne.

Vor ein paar Tagen begegnete der Spießer einem Mann auf offener Straße. Dieser Mann wirkte körperlich behindert, ging in einer eigentümlichen Haltung durch die Gegend und sah aus, als würde er sich nicht sonderlich wohl fühlen. Ob der Mann vielleicht Hilfe benötigt, fragte sich der Spießer und daraufhin den besagten Herrn. Doch der schüttelte bloß den Kopf und erklärte:

"Ich komme gerade aus dem Laden eines Herren-Ausstatters, wo ich mir einen neuen Anzug gekauft habe. Von Boss. Aber ich habe Probleme damit, denn das Sakko beengt mich doch sehr und kneift unter meinem rechten Arm, sodass ich nicht gerade gehen kann. Außerdem muss ich aufpassen, dass die Hose nicht rutscht, denn sie ist im Bund viel zu weit!"
Probleme, wenn das Sakko kneift!
© Hugo Boss
Probleme, wenn das Sakko kneift!
"Aha", sagte der Spießer und wollte wissen: "Warum haben Sie diesen Anzug denn gekauft, wenn er nicht korrekt sitzt? Gab es denn keinen anderen, der passend gewesen wäre für Ihren Körperbau?"

"Leider nein", entgegnete der Boss-Kunde und erläuterte: "Der Verkäufer sagte mir, das trägt man heute so." Und zum Beweis dafür holte der Mann eine Anzeige von Boss hervor, wo ein Fotomodel haargenau in der gleichen Körperhaltung abgebildet ist, die auch der Mann auf der Straße in seinem neuen Boss-Anzug zeigte.

Ja, so können Menschen leicht behindert wirken, bloß weil sie der Werbung gefolgt sind.
Dieser Mann folgt der Werbung blind!
© Hugo Boss
Dieser Mann folgt der Werbung blind!
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