Spießer Alfons

Erreicht man Frauen auf dem Männer-Klo?

Donnerstag, 09. Juni 2016
Viele Werber juckt es nicht, ob ihre Werke auch dort ankommen, wo die Zielgruppe zu finden ist. Und so ist es kurios, wenn man Damen auf einer Herrentoilette anspricht!
Wenn Alfons Euch mal wieder mit einer Binsenweisheit kommen darf, liebe Lesergemeinde, dann erinnert der Spießer daran, dass für die Wirkung von Werbung zwei Komponenten entscheidend sind, nämlich: 1. die Werbebotschaft und 2. die Platzierung derselben. Das muss zusammenpassen wie dass Gesäß auf die Brille. Doch diese Weisheit geht öfter mal in den Binsen. Und dann wird zum Beispiel eine Botschaft für Wiener Würstchen, die genauso kreativ wie stimmig ist, in einer Zeitschrift platziert, die nur von Vegetariern gelesen wird.


Auch die spannendste Werbung verpufft in ihrer Wirkung, wenn sie ihre Zielgruppe nicht erreicht. Wozu Alfons ein Beispiel bringt, dem er selbst begegnet ist, und zwar einem Plakat, das der Spießer auf einem Bahnsteig gesehen hat und hernach in einem geschlossenen Raum.

Betrachtet bitte das Plakat von der Aktion „Liebesleben“, wo es um Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen geht! Das Poster stammt aus einer Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und wird unterstützt durch den Verband der Private Krankenversicherung e.V. Der Spießer sah dieses Plakat auf einem Bahnsteig und fühlte sich davon nicht angesprochen, obwohl die Botschaft durchaus ansprechend dargestellt wird. Aber: Der Inhalt richtet sich nun einmal an das weibliche Geschlecht.
Wenn’s juckt, kommt die Frage zu spät. Und warum steht das Bild vom Ex noch auf der Kommode?
© HORIZONT
Wenn’s juckt, kommt die Frage zu spät. Und warum steht das Bild vom Ex noch auf der Kommode?
Und dann sah der Spießer dasselbe Sujet in einer öffentlichen Toilette. Dort war das Poster über einem Urinal platziert – wenn Ihr Euch die Abbildung unten links bitte mal anschauen wollt!


An diesem Ort sind Frauen bekanntlich selten zugange. Zur Verteidigung der Mediaplaner kann man höchstens an den Haaren herbeiziehen, dass möglicherweise auch der eine oder andere Transvestit sein kleines Geschäft dort erledigt und dabei an seinen Ex erinnert wird.
Ist das hier wirklich der Ort, wo Werbung eine Frau anspricht...?
© HORIZONT
Ist das hier wirklich der Ort, wo Werbung eine Frau anspricht...?
Schuhe der Marke kyBoot kommen aus der Schweiz, haben eine Luftpolstersohle und sind in Deutschland landesweit in 17 Läden in 17 Städten zu bekommen, und zwar von A wie Ahrensburg bis Z wie Zwickau. Außerdem gibt es auch einen sogenannten „mobilen Shop“, wie man der Homepage der Firma entnehmen kann.

In der Anzeige eines kyBoot-Shops berichtet ein  „J. Becker aus Lüneburg“, dass er mit Schuhen der besagten Marke eine „Fersenspornenentzündung“ nach 6 Wochen losgeworden ist. Wozu Alfons anmerkt, dass auch er durch das Tragen von kyBoot-Schuhen etwas losgeworden ist, nämlich sein Geld. Denn die Dinger kosten rund 150 Euro. (Nein, nicht pro Paar, sondern pro Schuh!)
Unlauteres Testimonial!
© HORIZONT
Unlauteres Testimonial!
Wer sich mit Werbung und Recht auskennt, der weiß natürlich, dass die abgebildete Annonce des kyBoot-Shops unlauter ist und nicht hätte veröffentlicht werden dürfen. Begründung: Das LG Berlin stellt in seinem Urteil (vom 03.01.2008, Az.52 O 122/07) klar, dass Werbung mit Angaben, die sich direkt auf die Beseitigung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten durch das beworbene Produkt beziehen, genauso verboten ist wie auch Werbeaussagen, die nur den Eindruck von Vorbeugung, Behandlung und Heilung erwecken.

Wenn der kyBoot-Shop-Inhaber das nicht weiß, dann schützt ihn das vor Strafe nicht. Aber beim Werbeträger (hier ein Anzeigenblatt) sollte es eigentlich bekannt sein, dass eine Anzeige mit einer derartigen Aussage nicht hätte erscheinen dürfen.

Na ja, wo kein Kläger klagt, dort richtet auch kein Richter. Und schon gar nicht der Deutsche Werberat, der sein Augenmerk lieber auf Sex in der Werbung richtet, was ja auch ein sehr viel geileres Thema ist als ein Verstoß gegen die Rechtmäßigkeit.

Zur Entschuldigung des Anzeigenleiters sei vermerkt: Bei jedem Print-Medium sagt man sich heutzutage: Lieber eine Anzeige, die über das Gericht kommt, als gar keine Anzeige im Blatt.

Ausgangs noch eine relative Theorie des Spießers. Der Ausgangspunkt ist ein Foto, und zwar von Albert Einstein, wo dieser seine Zunge herausstreckt. Diese Aufnahme war entstanden, nachdem der Wissenschaftler von einer Feier an der Uni nach Hause fahren wollte und Reporter ihm keine Ruhe ließen. Da reagierte der große Mann, halb genervt und halb belustigt, mit einer volkstümlichen Geste. Und das Foto wurde weltberühmt.
Albert Einstein: Frisur und Zunge...
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Albert Einstein: Frisur und Zunge...
Darüber hat offensichtlich ein bekannter Werber nachgedacht, nämlich Götz Ulmer. Und der kreative Häuptling von Jung v. Matt kopierte nicht nur die Frisur von Einstein, sondern er steckte dem Fotografen auch entsprechend die Zunge heraus, um dem Betrachter damit unterschwellig an ein Genie denken zu lassen.

Mit dem Foto von Götz Ulmer wirbt der ADC für seinen Workshop „Layout“, wo u. a. die Frage beantwortet werden soll: „Wie entwirft man Plakate und Anzeigen mit Charakter?“ Und weil wir wissen, dass auch ein Charakter relativ zu sehen ist, können wir nun überlegen: Will Dozent Ulmer die Formel für einen guten Charakter zeigen oder für einen schlechten? Auf jeden Fall kann sich Spießer Alfons nicht vorstellen, dass der Werber bei Kunden genauso auftritt wie beim ADC.
...original kopiert von Götz Ulmer!
© HORIZONT
...original kopiert von Götz Ulmer!
Ja, oder war der Kreative beim eigenen Shooting einfach nur genervt über den Rummel um seine eigene Person wie damals der Herr Einstein...?
Charakter im Layout zeigt man, indem man seine Zunge herausstreckt?
© HORIZONT
Charakter im Layout zeigt man, indem man seine Zunge herausstreckt?
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