Spießer Alfons

Erotischer Moment in Zigaretten-Werbung

Donnerstag, 19. Mai 2016
Werbung für Zigaretten ist bald kein Thema mehr in der spießigen Kolumne, denn sie steht auf der Kippe. Aber der Deutsche Presserat öffnet eine Hintertür!

Der Zigaretten-Werbung wurde schon vor längerer Zeit ein gesetzlicher Filter verpasst, wodurch das Anpreisen von Tabakprodukten nur noch beschränkt möglich ist. Und nun, so vernehmen wir es aus Regierungskreisen, will Ernährungsminister Christian Schmidt die Werbung für Tabakprodukte komplett verbieten. Weil "zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen", dass Werbung wirkt, sagt der CSU-Minister und meint, "dass eine allgegenwärtige Werbung in der Öffentlichkeit den Einstieg in das Rauchen aktiv fördert". So jedenfalls sprach der Ernährungsminister in der "Bild"-Zeitung. Und Deutschland, so erfahren wir, ist neben Bulgarien das einzige Land in der EU, in dem Außenwerbung für Tabakprodukte noch gestattet ist.



Angesichts der Tatsache, dass demnächst eine EU-Richtlinie für Tabakprodukte in deutsches Recht umgesetzt wird – will meinen: Warnhinweise auf den Packungen, die 65 Prozent der Vorder- und Rückseite belegen müssen in text- und bildlicher Kombination – hat Gauloises noch einmal voll zugeschlagen: Wir sehen in der Abbildung ein Liebespaar beim Schmusen in der Badewanne mit dem Warnhinweis: "Schöner Morgen. Stau im Badezimmer, kein Problem. Vive le Moment Gauloises" – siehe Abbildung des City-Light-Posters! Und diese erotische Zigaretten-Werbung dürfte wohl die letzte Erektion der Werber gewesen sein vor dem staatlich verordneten Verlust ihrer kreativen Libido.

Womit Spießer Alfons zu seinem eigentlichen Thema kommt, nämlich zur Frage: Wie erreichen die Tabakhersteller den Konsumenten auch dann, wenn sie ihre Päckchen neu gestaltet haben und damit werblich nicht mehr an die Öffentlichkeit gehen dürfen? Zum Beispiel, wenn eine Tabakmanufaktur eine neue Marke auf den Markt bringen will: Wie soll der potenzielle Verbraucher davon erfahren, wenn nicht durch Werbung ...? Der Spießer weiß, wie. Und Alfons verrät es Euch: Tabakhersteller erreichen ihre Kunden fortan durch redaktionell gestaltete Werbung, also sogenannte Advertorials, früher mal PR-Anzeigen genannt. Das wird nicht beanstandet, es darf nur nicht das Wort „Advertorial“ oder gar „Werbung“ über der redaktionellen Berichterstattung stehen. Und wenn ihr jetzt ungläubig dreinschaut, liebe HORIZONT-Leser, dann vernehmet einen Erfahrungsbericht, den Spießer Alfons euch aus erster Hand liefert.
Letzter Akt der Kreation: Erotik & Zigaretten!
© Unternehmen
Letzter Akt der Kreation: Erotik & Zigaretten!
In seiner Tageszeitung, dem "Hamburger Abendblatt", fand der spießige Abonnent im Regionalteil einen Beitrag mit der Überschrift: "Ahrensburg hat jetzt eine Shisha-Bar" – wenn ihr euch die Abbildung bitte mal anschauen wollt! Und aus diesem Beitrag zitiert der Spießer an dieser Stelle ein paar Passagen, die ihm aufgestoßen sind:


"
Neuheit in Ahrensburg: die Shisha-Lounge Prime3. Wer hier eintritt, der wird von einem angenehmen, fruchtig-süßem Duft überrascht. Es riecht nach Äpfeln, Limetten, Passionsfrüchten und Melonen. Doch es sind keine frischen Früchte, sondern es ist der Rauch von Wasserpfeifen.

Im Eingangsbereich ist es düster. Blaues Licht strahlt leicht einen provisorischen Kamin an. Auf seinem Sims steht eine große Shisha, auch Wasserpfeife genannt. Sie erstrahlt in hellem, gelblichen Licht und funkelt geheimnisvoll. Weiter hinten im Laden verändern sich die Lichtverhältnisse kaum. Es ist immer noch dunkel, nur einzelne Punkte, wie zum Beispiel die Sitzgruppen oder die Theke mit ihren zahlreichen verschiedenen Alkoholflaschen, sind in Licht getaucht. Der schwarze Hochglanz-Boden schimmert. Das lässt den Ort nicht bedrückend oder abschreckend wirken. Im Gegenteil: ruhig, harmonisch, edel und irgendwie auch gemütlich.

Jetzt ist Block Geschäftsführer des im September 2014 eröffneten Märchen Dungeons, einer märchenhaften Erlebniswelt für Kinder und Erwachsene, und der Shisha-Bar. Beide Geschäfte befinden sich direkt nebeneinander.

... setzt das Pärchen auf den deutschlandweiten Wasserpfeifen-Trend, und bietet Wasserpfeifen in einer ruhigen Location an. Es ist die einzige Shisha-Bar in Ahrensburg.

Eine Wasserpfeife besteht aus einem Glasbehälter, der mit Wasser gefüllt wird, sowie einer Rauchsäule. Der sogenannte Tabakkopf wird mit speziellem Tabak gefüllt. Über einen langen Schlauch wird der Tabak dann über ein Mundstück eingeatmet. Dem Tabak sind fruchtige Aromen zugesetzt, die den Tabak weitaus schmackhafter machen als normalerweise üblich. Zugesetzt werden Früchte, Fruchtessenzen und Sirupe.

Im Prime3 bezahlen die Gäste für das Ausleihen einer Wasserpfeife und Zubehör sowie den Kohle-Service 7,50 Euro bis neun Euro. Die Auswahl ist groß: Wassermelone, Kiwi/Minze, Kirsche, Orange und vieles mehr. Ademaj sagt: ,Am beliebtesten sind die Sorten Traube und Lemonchill.‘ Sie selbst rauche gerne mal die Shisha Love66. Dahinter verbirgt sich Tabak mit Passionsfruchtgeschmack.

Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist Shisha rauchen in den vergangenen Jahren sehr beliebt geworden. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wissen nur 15 Prozent der Mädchen und Jungen zwischen zwölf und 17 Jahren nichts mit dem Begriff ,Shisha‘ anzufangen. In dieser Altersgruppe haben 38 Prozent in ihrem Leben schon einmal Wasserpfeife geraucht. Ferner ging aus dieser Untersuchung hervor, dass 14 Prozent aller Jugendlichen aktuell Gebrauch von der Wasserpfeife machen, also im vergangenen Monat mindestens einmal Shisha geraucht haben.

Die Shisha-Lounge (Heinz-Beusen-Stieg 3) hat dienstags bis sonntags von 17 bis 1 Uhr geöffnet.“
Werbung für Tabak oder nicht – die Meinungen von Spießer und Presserat gehen hier auseinander!
© Hamburger Abendblatt
Werbung für Tabak oder nicht – die Meinungen von Spießer und Presserat gehen hier auseinander!
Soweit die Zitate aus dem redaktionellen Textbeitrag. Nach unmaßgeblicher Meinung des Spießers handelt es sich hier unzweideutig um redaktionell gestaltete Werbung für das Rauchen von Tabak. Eine Werbung, die niemals als Anzeige hätte veröffentlicht werden dürfen. Somit ist quasi eine Schleichwerbung entstanden, wo in prosaischen Werbeworten für das Rauchen von Tabak – nicht zuletzt auch mit Hinweis auf die Begehr jugendlicher Konsumenten – geworben wird in einem Medium, das auch von Jugendlichen gelesen wird. Und das mit Adresse, Öffnungszeiten und Preisen. Besser – im Sinne des Shisha-Bar-Inhabers – hätte es ein Werbetexter gar nicht formulieren können. Dazu das einladende Werbefoto.

Spießer Alfons hat den Text an den Deutschen Presserat zur Begutachtung geschickt und darauf hingewiesen, dass damit seiner Meinung nach gegen Richtlinie 7.2 "Schleichwerbung" beziehungsweise Ziffer 7 "Trennung von Werbung und Redaktion" verstoßen wurde. Außerdem erkennt der Spießer einen Verstoß gegen Richtlinie 11, wo es heißt: "Veröffentlichungen in der Presse dürfen den Gebrauch von Drogen nicht verharmlosen."

Um es kurz zu machen: Der Deutsche Presserat teilt die Meinung des Spießers nicht. Alfons bekam zur Antwort: "Im Rahmen der Prüfung gelangten wir zu dem Schluss, dass eine Verletzung presseethischer Grundsätze nicht vorliegt. Da es sich bei dem Lokal um die erste Shisha-Bar in Ahrensburg handelt und zudem eine Neueröffnung vorliegt, sahen wir eine Berichterstattung von öffentlichem Interesse, mit der die Grenze zur Schleichwerbung nach Richtlinie 7.2 Pressekodex nicht überschritten wurde. Bei einer Erstveröffentlichung kann die Zeitung ihre Leser darüber informieren, dass es ein neues Angebot in der Stadt gibt. Diese Berichterstattung ist von einem Interesse der Leser gedeckt. Zudem enthält der Artikel unserer Auffassung nach keine werblichen Formulierungen und ist somit als Erstinformation der Leser presserechtlich akzeptabel."

Weiter heißt es im Schreiben an Spießer Alfons: "Auch eine Verharmlosung von Drogen erkannten wir in der Berichterstattung nicht, da am Ende des Artikels von einem Mitarbeiter der Suchtberatungsstelle Südstormarn deutlich auf die Gesundheitsgefährdung durch das Shisha-Rauchen hingewiesen wird. Es entsteht somit nicht der Eindruck, als berge der Konsum mit Shishas keine Gefahren in sich. Vielmehr werden die Leser sachgerecht darüber informiert, dass der Tabak einer Shisha genauso schädlich ist wie der von Zigaretten."

Die Meinung des Presserates geht also nicht konform mit der Meinung des Spießers. Zum einen erkennt Alfons in dem Text zahlreiche Werbeworte, die nichts in einer sachlichen Information über die Neueröffnung einer Shisha-Bar verloren haben. Und zum anderen ist der Warnhinweis auf jedem Zigarettenplakat drastischer als der Hinweis eines Mitarbeiters der Suchtberatungsstelle Südstormarn, der am Ende des Beitrags zitiert wird mit dem Satz: "Gesundheitlich gesehen ist Shisha rauchen mindestens genauso schädlich wie das Rauchen von Zigaretten." Dass das aber tödlich sein kann, wird in dem Beitrag mit keiner Silbe erwähnt.

So weit die Meinung des Spießers und die gegenteilige Meinung vom Deutschen Presserat. Und was meint die spießige Lesergemeinde: Stimmt es, was Alfons sagt? Oder hat der Spießer wieder mal Recht ...?

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