Spießer Alfons

Eine hinterfotzige Form von Pharmazie-Werbung

Donnerstag, 23. April 2015
Kein Mitglied der spießigen Lesergemeinde wird Helene K. kennen, die Großmutter von Spießer Alfons. Und der Enkel hat an die Mutter seiner Mutter gedacht, als er das Thema der vor Euch liegenden Seite erstellt hat. Denn dort geht es um Pharmawerbung.

Oma Helene war der Prototyp des von der Pharmaindustrie geliebten Verbrauchers von Nahrungsergänzungsmitteln aus Apotheke, Drogerie und Versandhandel. Diese Pillen und Elixiere bestellte die Konsumentin nach Lektüre von entsprechenden Kleinanzeigen. Zum Beispiel Ginseng, das Allheilmittel. Und Gelée Royale, den Futtersaft der Bienenkönigin. Oder die Wunderpillen von Ilja Rogoff mit der Wirkstoffkombination Knoblauch + Weißdorn + Mistelkraut + Schnurrbaumknospen + Hopfenzapfen. Und noch viele andere Zaubermittel, von denen Oma Helene stets einen gut gefüllten Schuhkarton neben ihrem Sofa stehen hatte.



Warum Spießer Alfons Euch davon berichtet? Weil es heute noch viele dieser "frommen Helenes" gibt, die all das glauben und kaufen, was ihnen von Pharmaproduzenten in großen und kleinen Inseraten als gut und unverzichtbar für die Gesundheit verkauft wird. Und für solche leichtgläubigen Verbraucher gibt es den "Ratgeber aus Ihrer Apotheke" - siehe die Abbildung!
Infizierter "Ratgeber" aus der Apotheke!
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Infizierter "Ratgeber" aus der Apotheke!
Diesen Ratgeber bekommt man gratis in der Apotheke. Oder die örtlichen Apotheken stecken das 28-seitige Blättchen direkt in die Briefkästen der Bürger. Im Impressum lesen wir, dass der Chefredakteur ein Apotheker ist. Und im Redaktionsbeirat sitzt sogar ein Wissenschaftler, nämlich Prof. Dr. rer. nat. Claus M. Passreiter. So ein Name mit Titel schmückt natürlich ungemein und schafft Vertrauen beim ahnungslosen Leser.

Und so blätterte der Enkel von Helene K. durch den "Ratgeber aus Ihrer Apotheke". Dort fand Alfons den Beitrag "Kraft für das Herz". Da gibt es allgemeine Empfehlungen, die dann schließlich zum Besonderen kommen, nämlich: "Zusätzlich lässt sich das Herz durch natürliche Nahrungsergänzungsmittel stärken. Als wirksam hat sich hier zum Beispiel Coenym Q10 erwiesen: Der vitaminähnliche Vitalstoff ist für den Energiestoffwechsel des Herzens besonders wichtig. Eine aktuelle klinische Studie mit Herzinsuffizienz-Patienten zeigte Die tägliche Gabe von Coenym Q10 führte zu einer Verbesserung der Symptome und erhöhter Leistungsfähigkeit".


So weit der redaktionelle Hinweis. Und dann ist darunter ein Insert mit der Überschrift "Haben Sie noch Fragen? Rufen Sie an!" Dazu sehen wir im Bilde eine freundlich lächelnde "Andrea Peter" und lesen, dass diese Dame "gerne alle Fragen beantwortet". Und "der Anruf ist für Sie kostenlos" - siehe die Abbildung!
Ein Fall für den Presserat: Experte der Redaktion ist in Wahrheit der Chef von der Werbeagentur!
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Ein Fall für den Presserat: Experte der Redaktion ist in Wahrheit der Chef von der Werbeagentur!
Ob Andrea Peter eine Ärztin ist oder ein Girl in einem Call-Center, das wird nicht verraten. Die Dame wird einfach als "Expertin" vorgestellt. Und diese Expertin gibt dem potentiellen Anrufer schon Fragen vor. Wir lesen: "Wenn Sie zum Beispiel wissen möchten: welche Vitalstoffe für das Herz besonders wichtig sind oder ob Coezym Q10 zusätzlich zu anderen Medikamenten eingenommen werden kann." Und danach folgt dann die Ergänzung auf einer anderen Seite im Blatt: In einer redaktionell gestalteten Anzeige findet der Leser eine Lobpreisung per Testiominal über "Q10 Bio-Onion-Gold" und "BioActive Q10 Uniqinol", die beide in verschiedenen Verpackungsgrößen erhältlich sind.

Und nun das Darklight der Hinterlist: Die Q10-Produkte stammen von der Firma Pharma Nord bei Flensburg. Und in diesem Unternehmen finden wir auch die Expertin Andrea Peter mit dem Hinweis: "Frau Andrea Peter, Heilpraktikerin und Ernährungsberaterin der Pharma Nord GmbH in Flensburg ist für den Bereich Schulungen, Informationsveranstaltungen und Betriebsbesichtigungen zuständig".

Keine Bange, liebe Lesergemeinde, der Spießer geht jetzt nicht das ganze Heftchen durch, um weitere solcher Fälle von Kombinationsmedikation zu finden! Wie den Beitrag "Cholesterin natürlich senken", wo von "rotem Reis" die Rede ist. Um im Kästchen lächelt "der Ernährungswissenschaftler" Dr. Jörg Hüve und "beantwortet gerne alle Ihre Fragen". Beispielsweise "welche natürlichen Mittel den Cholesterinspiegel senken können." Und natürlich fehlt auch das Inserat nicht, das an anderer Stelle im Blatt zu finden ist, und wo "eine natürliche Alternative für einen normalen Cholesterinspiegel" angepriesen wird, die aus "Rotschimmelreis" stammt. Und wer nun auch noch wissen will, wer "unser Experte" Dr. Jörg Hüve ist: Er ist Inhaber der Agentur Dr. Hüve Pharmawerbung GmbH.

Das soll nun aber genügen, um zu erkennen, wie hinterfotzig Pharmawerbung heute praktiziert wird. Und über die Risiken und Nebenwirkungen befragen die Leser nach Lektüre dann ihren Apotheker, von dem sie den "Ratgeber aus Ihrer Apotheke" bekommen haben. Und der für seine Apotheke den Titel und die Rückseite für eigene Werbung benutzen darf.
Der Leser liest und glaubt womöglich. Und dann wird er am Ende auf ein bestimmtes Produkt hingeführt durch eine redaktionelle Expertin ...
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Der Leser liest und glaubt womöglich. Und dann wird er am Ende auf ein bestimmtes Produkt hingeführt durch eine redaktionelle Expertin ...
Niemand kann nichts tun. Auch wer still auf einem Stuhl sitzt, tut etwas, denn er sitzt still auf einem Stuhl. Sogar ein schlafender Mensch tut etwas, nämlich schlafen. Und atmen.

Und dann ist da die Rede von "Content-Marketing". Was ist das? Marketing ist das Zusammenführen von Aktivitäten eines Unternehmens, um sich den Bedürfnissen des Marktes zu stellen. Was bedeutet: Marketing muss einen Inhalt haben, also Content. Demzufolge ist "Content-Marketing" etwas Vergleichbares wie Zitronenlimonade, denn in der Limonade sind die Zitronen  genauso enthalten wie Content im Marketing.
... die Schulungen in der betreffenden Firma macht!
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... die Schulungen in der betreffenden Firma macht!
Marketing ohne Content hat es noch nie gegeben. Das Marketing aus den vergangenen Jahrzehnten hat sich immer schon den Bedürfnissen des Marktes angepasst. Genauso wie die Werbung es getan hat. Und auch Werbung ohne Content hat es zu keiner Zeit gegeben, weil es dann eben keine Werbung gewesen ist. Desgleichen sind Print-Medien ohne Content bloß Papier zum Einwickeln von Heringen. Also, liebe Lesergemeinde, hört bitte auf von "Content-Marketing" zu palavern - sorgt lieber für ansprechende Inhalte von Marketing inklusive der Werbung und Medien!

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