Spießer Alfons

Ein Baby gibt sein Testimonial ab

Donnerstag, 22. Oktober 2015
Wundersame Worte sind aus Anzeigen zu vernehmen, die von einem Baby kommen und aus einem Gefrierbeutel. Alfons fragt: Sonst ist aber alles gut, ja?

Langjährige Leser der spießigen Kolumne wissen: Von Werbung versteht Alfons so gut wie gar nichts. Deshalb stellt der Spießer den Werbungmachern auch immer wieder so viele Fragen, um Antworten für deren wundersames Tun und Treiben zu erhalten. Leider antworten die Damen und Herren nur in seltenen Fällen, vermutlich, weil sie selber um Antworten verlegen sind.



In den vergangenen Tagen sind dem Spießer ein halbes Dutzend Anzeigen in die Augen gefallen, über die er nachdenken musste, weil sie der Fragen würdig, also fragwürdig sind. So sehen wir in einem Inserat ein Baby bei einem Werbeauftritt für Weleda. Und dieses Baby gibt sein Testimonial ab und also lautend: „Mama weiß, was gut für mich ist“ – siehe die Abbildung!
Ein Werbewort vom Junior Copy Chief!
© Unternehmen
Ein Werbewort vom Junior Copy Chief!
Ein Wunderkind! Denn nicht die Mama sagt: „Ich weiß, was gut ist für mein Baby“, sondern das Baby äußert sich über das Wissen seiner Mama. Und weil der Werbetexter nicht wissen kann, was ein Baby über seine Mama weiß, ist anzunehmen, dass dieser Säugling die Anzeige selber getextet hat.

Ja, die Kreativen in den Werbeagenturen werden immer jünger. Und das abgebildete Wunderkind hat vermutlich im Fernstudium das Seminar „Der kleine Werbetexter“ belegt und arbeitet parallel dazu als Junior Copy Chief bei der Werbeagentur von Weleda, welche das auch immer sein mag.


Wundersam geht es weiter. Wir sehen einen Mann mit einem kleinen Mädchen auf den Arm und lesen: „Mich gibt’s jetzt mit neuem Standboden!“ Und während wir überlegen, warum das Kind auf dem Arm getragen wird, obwohl es doch jetzt einen neuen Standboden hat, da fällt unser Auge auf das Kleingedruckte. Und wir erfahren: Hier spricht weder Kind noch Vater, sondern – man lese und staune: Der Gefrierbeutel von Toppits ist es, der den Anzeigenleser aus großen Augen anschaut und sich in wörtlicher Rede äußert!
Ein Wort aus dem Standbeutel heraus!
© Unternehmen
Ein Wort aus dem Standbeutel heraus!
So sollten wir uns denn gar nicht wundern, wenn uns demnächst im Drogeriemarkt die Klorolle aus dem Regal anblickt und zu uns spricht: „Mich kannst Du jetzt auch doppelseitig benutzen!“

Was schöne Haut ist, das weiß eine Frau. Was aber ist „lebendig schöne Haut“, wie sie angezeigt wird in einer weiteren Anzeige von Weleda?
Was ist das Gegenteil von lebendiger Haut?
© Unternehmen
Was ist das Gegenteil von lebendiger Haut?
Das Gegenteil von lebendiger Haut wäre in den Augen des Spießers eine leichenstarre Haut. Woraus Alfons die Schlussfolgerung zieht: Wer keine lebendig schöne, sondern eine tote hässliche Haut hat, für den ist „Granatapfel“ von Weleda die straffende Kraft der Natur. „Seit 1921“ übrigens.

Wir schauen ins Gesicht einer lachenden Frau, die zum Anzeigenleser sagt: „Links Natur, rechts Natur und mittendrin ich“ – siehe die Abbildung!

Da stellt sich dem spießigen Betrachter spontan die Frage: Wenn links und rechts Natur ist, was ist dann vorne und hinten? Womöglich keine Natur, sondern Baustellen und eine Schnellstraße...?
Und dazu gibt’s hochwertige Lebensmittel!
© Unternehmen
Und dazu gibt’s hochwertige Lebensmittel!
Bemerkenswerter aber ist, was im Kleingedruckten der Anzeige angepriesen wird, nämlich: „hochwertige Speisen und Getränke“. So etwas hat Spießer Alfons noch nie in einer Touristik-Werbung gelesen. Das unterscheidet A-Rosa offenbar von anderen Reiseveranstaltern, wo Speisen und Getränke gereicht werden, die minderwertig sind.

Ein Slogan ist mitunter originell, häufig aber auch eine hohle Phrase. Besonders phrasenhaft ist das Wort von Deichmann, dem Schuhhändler, und also lautend: „Weil wir Schuhe lieben.“ Dahinter steht ein Punkt, und der Satz geht nicht weiter. Zum Beispiel: „Weil wir Schuhe lieben, handeln wir damit.“ Oder: „Weil wir Schuhe lieben, bekommen Sie bei Deichmann nur solche, die ein Leben lang halten“ oder so ähnlich.
Deichmann liebt Schuhe – wer hätte das gedacht?!
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Deichmann liebt Schuhe – wer hätte das gedacht?!
Hätte Opel gesagt: „Wir lieben Autos“, hätte jeder geantwortet: Klar, was sonst – vielleicht Schuhe? Darum schreibt Opel: „Wir leben Autos.“ Und das ist ein echter Slogan im Gegensatz zu: „Weil wir Schuhe lieben.“

Anzeigen können auch sehr spartanisch gestaltet sein, um nicht zu sagen: dürftig. Wie beispielsweise das Inserat vom Alsterhaus in Hamburg. Dort ist ein Mann im roten Sweatshirt abgebildet. Und dazu ist am Fuße in englischer Sprache vermerkt: „Find out more at www.alsterhaus.de – siehe Abbildung!
Ist das Alsterhaus ein Freudenhaus?
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Ist das Alsterhaus ein Freudenhaus?
Klar, dass alle Frauen in der Freien und Hansestadt aufgrund dieser Anzeige so frei sind, to find out more at diesen Mann! Und wie die Lemminge werden die hanseatischen Mädels sofort hin zu ihrer Internet-Verbindung eilen, um zu erfahren, wo sie diesen Mann treffen und lieben können.

Und wenn das Ganze nur ein Fake sein sollte, dann werden die Damen möglicherweise frustriert sein und einen Frustkauf bei Karstadt machen.

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