Spießer Alfons

Edeka zeigt den Kunden eine Nase

Donnerstag, 10. September 2015
Es gibt viele Worte von doppelter Bedeutung. Werbetexter lieben es, mit solchen Worten zu spielen. Mitunter geht die Botschaft dabei in die Hose!
Werber sind Verkaufshelfer. Jedenfalls sollten sie es sein. Weil ihnen aber "Verkaufshelfer" zu banal klingt, gaben die Werber sich berufliche Bezeichnungen, die mehr hermachen. Sie nennen sich zum Beispiel: "Mediengestalter". Und: "Multimedia-Konzeptioner". Und: "Strategie-Planer". In Wahrheit jedoch sind all diese Gestalter, Konzeptioner und Planer nichts anderes als Verkaufshelfer.


Und diese Verkaufshelfer sollen, wie die Bezeichnung es schon andeutet, dem Verkauf helfen durch entsprechende Werbung. Dabei jedoch wollen die Werber, also die Verkaufshelfer, zeigen, dass sie mehr leisten als ein gewöhnlicher Verkäufer, der in einem Laden steht und dem Kunden dort die Waren anpreist. Weshalb die Werber, um sich imagemäßig vom gemeinen Verkäufer abzugrenzen, den Begriff der "Kreativität" für ihre Arbeit beschlagnahmt haben, sprich: Werbung = Kreativität.

Wie das de facto ausschaut, zeigt Spießer Alfons Euch anhand von vier Anzeigen, die Ihr auf dieser Seite seht.


Der Reigen beginnt mit Edeka. Dort sehen wir Käse. Und der Textdichter hat dazu vermerkt: "Wir haben für jede Nase den richtigen Riecher". Was will der Konsumpoet von Edeka uns damit sagen?
Wenn Kreative ihre Nase in fremde Nase stecken: falscher Riecher!
© HORIZONT
Wenn Kreative ihre Nase in fremde Nase stecken: falscher Riecher!
Wenn jemand den "richtigen Riecher" hat, dann meint das: Er hat eine gute Nase. Und wenn er "für jede Nase den richtigen Riecher" hat? Dann hat er eine Nase für jede Nase.

"Den richtigen Riecher haben", bedeutet in unserer Sprache aber auch, ein sicheres Gefühl für die eigenen Vorteile zu haben. Dieses würde bedeuten, dass Edeka das sichere Gefühl für fremde Nasen hat und nicht für seinen eigenen Käse.

Der Drogeriemarkt dm zeigt uns haltbare Bio-Milch. Und der Texter hat dazu folgenden Wortlaut verfasst: "Mein Bio-Versprechen ist 100% haltbar." Was eine ziemlich doppeldeutige Aussage ist.
Welches Versprechen ist in dieser Anzeige haltbar - Bio oder Milch?
© HORIZONT
Welches Versprechen ist in dieser Anzeige haltbar - Bio oder Milch?
Der Kunde fragt sich: Ist das Bio-Versprechen 100% haltbar? Und warum wird das ausdrücklich gesagt, ist denn das Bio-Versprechen bei Wettbewerbern womöglich nicht haltbar...?

Oder bezieht sich "haltbar" auf die Milch mit dem Bio-Versprechen? Das würde bedeuten, dass der gesamte Inhalt der Verpackung haltbar ist und nicht vielleicht nur 79% oder gar bloß 46%.

Und dann eine zweite Doppeldeutigkeit des Wortes: "Jetzt natürlich bei dm". Wenn das "natürlich" für "selbstverständlich" steht, dann ist das logisch, weil dieses Produkt eine Hausmarke von dm ist; und diese gibt’s natürlich nicht anderswo.

Wenn aber mit "natürlich" suggeriert werden soll, dass haltbare Milch ein reines Naturprodukt ist, dann widerspricht der Spießer. Denn beim Ultrahocherhitzen gehen rund 20% der B-Vitamine verloren.

Glück für den Werbungtreibenden: Über so etwas denkt kein normaler Verbraucher nach!
Science-Fiction oder Utopie: Schlecht gebrüllt, Löwe!
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Science-Fiction oder Utopie: Schlecht gebrüllt, Löwe!
Der Texter von Dassault Systemes stellt die Frage: "Wenn wir den Bildschirm berühren, können wir das Fell des Löwen fühlen?" Der Leser denkt: "Nein, natürlich nicht", liest weiter und erfährt, dass der Textdichter bloß simuliert, um dann ausgangs der Anzeige im Kleingedruckten eine weitere Frage aufzuwerfen und also lautend: "Können wir vielleicht eines Tages eine Raubkatze zum Schnurren bringen, ohne die Höhle des Löwen zu betreten?"

Science-Fiction oder Utopie, das ist hier die Frage, die der Leser sich stellt. Eine Antwort darauf findet er in dieser Anzeige leider nicht.
Und ein Star ohne Film? Das ist ein Vogel!
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Und ein Star ohne Film? Das ist ein Vogel!
Auch Samsung stellt uns eine Frage, und zwar: "Was wäre ein Film ohne Star?“ Wir denken darüber nach und antworten: "Ein Film ohne Star wäre immer noch ein Film." Denn wir wissen: Nicht nur Stars sind entscheidend für einen Film. Und nicht selten macht ein Film auch selber die Stars. Und in Dokumentarfilmen gibt es ohnehin keine Filmstars.

Außerdem: Der erfolgreichste Film aus Deutschland zeigt keine Stars, sondern er ist selbst ein Star. Ein glasklarer Klassiker. Und überzeugend in der Handlung. Eben Tesa-Film.
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