Spießer Alfons

Duftende Werbung und fehlende Story

Donnerstag, 10. Dezember 2015
Warum kaufen Frauen eine Frauenzeitschrift? Richtig: wegen der Geschichten, die dort drinstehen. Und warum stehen in vielen Anzeigen keine Geschichten?!

Heute eröffnet Alfons seine spießige Kolumne ausnahmsweise mal mit positiver Werbung. Diese erscheint häufig in Werbeträgern, die noch aus dem Zeitalter der Klassik stammen, also klassische Werbeträger sind. Die Rede ist von Zeitschriften. Und diese Werbeträger tragen Werbung nicht nur durch Anzeigen zum Konsumenten, sondern diese Medien schaffen es auch, die Botschaft auf die Haut der Leserin zu bringen, in ihren Mund und in die Nase, und zwar via Warenprobe auf den Anzeigenseiten. Ein Werbemittel, liebe Horizont-Leser, das so einzigartig ist wie der Duft eines guten Parfüms.


Weder aus der TV-Werbung noch aus der Reklame im Internet lassen sich die Sinne einer Frau so berühren wie durch einen Hauch von Parfüm. Und diesen Duft kann Evas Tochter ihrem geschätzten Werbeträger entnehmen, sprich der Zeitschrift, die ihr so wichtig ist, dass sie dafür sogar Geld bezahlt.

Aber nicht nur Parfüm für Damen, sondern auch Düfte für Männer werden auf Anzeigenseiten verbreitet. Darüber hinaus Cremes, Tee, Halspastillen und Make-up genauso wie Gewürze, Shampoo und Zahncreme. Und alles passiert sehr gezielt, nämlich in Zielgruppen-Magazinen.

Spießer Alfons: Werbung mit Proben


Wenn Ihr Euch diese Anzeigen in der Bildergalerie mal betrachten wollt, dann seht Ihr auf einen Blick, dass viele Inserenten das Werbemittel "Warenproben-Anzeige" genutzt haben, um den Konsumenten näher zu kommen, als das mit einer gewöhnlichen Anzeige möglich ist. Und: Jede Probe ergibt den gewünschten USP, der die Werbebotschaft einzigartig und damit unverwechselbar macht. Womit der Spießer zur negativen Seite der Duftwerbung kommt, nämlich zu den Anzeigen, die quasi Sprachlosigkeit hinterlassen, weil der Content nichtssagend ist.

Klar, mit einer Parfüm-Anzeige kann man den Verbraucher auch ohne Duftnote ansprechen, also nur in Wort und Bild. Die meisten Duft-Anzeigen jedoch verzichten dabei auf den Text, zeigen lediglich ein Bild und dazu das Produkt und den Namen des Herstellers. Das aber, liebe Freunde der Werbung, ist in den Augen des Spießers einfach zu wenig.

Zwar spricht der Volksmund: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte; doch ein Bild kann auch gar nichts sagen oder Fragen aufwerfen, die unbeantwortet bleiben.
Ein Raumspray für die ganze Familie?
Ein Raumspray für die ganze Familie?
Beispiel gefällig? Dann werft bitte einen Blick auf das Inserat von Dolce & Gabbana, wo für einen Duft geworben wird mit dem Namen "the one"! Der Spießer fragt sich: Ist dieses ein Damen- oder ein Herren-Duft? Oder ein Uni-Sex-Duft für die ganze Familie, also für die Großmutter genauso wie für den Enkel? Letzteres jedenfalls könnte man der Darstellung entnehmen und sich dabei fragen: Wer möchte so einen Familien-Duft von D&G haben? Klar, als Raumspray macht "the one" möglicherweise Sinn für die gute Stube der Familie. 

Deutlich dagegen kommt Versace in seinem Werbebild zur Sache. Wie der Name des Produktes schon sagt, wird er im Foto dargestellt: Eros. (Wenn Alfons sich jedoch den Protagonisten genauer anschaut, dann bekommt der Spießer das Gefühl, dass dieser Typ alles andere im Sinn hat als die Dame, die dort zwischen seinen muskulösen Schenkeln drapiert wurde.)
Der Blick des Mannes zeugt nicht von Eros!
Der Blick des Mannes zeugt nicht von Eros!
Was der Spießer sich in der Parfüm-Werbung wünscht, wird in einer Anzeige von Thomas Sabo beispielgebend zum Ausdruck gebracht: Der Textdichter erzählt zum Produkt etwas unter der Überschrift: "Positives Karma zum Aufsprühen" und verspricht: "Durch eine positive Haltung kann man positiven Einfluss auf sein Leben nehmen". Wie das mit "Eau de Karma von Thomas Sabo" passieren kann, steht im Kleingedruckten der Anzeige. Fehlt eigentlich nur noch eine Duftprobe, um die Botschaft vollkommen zu machen. 
Gefällt dem Spießer: Duft zum Träumen!
Gefällt dem Spießer: Duft zum Träumen!
Frage: Warum können nicht viel mehr Verkäufer von Duftwässern den Frauen eine Geschichte rund um das beworbene Parfüm erzählen? Von den Inhalten in der Kopf-, Herz- und Basisnote könnten sie berichten, von den wunderbaren, einzigartigen Düften, deren Herkunft und die Wirkung, die sie bringen, und so weiter und so fort!

Spießiges Fazit: Frauen kaufen keine Zeitschrift, um die Anzeigen darin zu lesen. Sondern sie wollen Geschichten lesen und gut unterhalten werden. Und wäre es wirklich so schlimm, wenn sie diese Geschichten auch in der einen oder anderen Anzeige lesen würden ...?

Ausgangs der spießigen Kolumne steht da noch die Anzeige von Dior, und zwar für Sauvage, was "the new fragrance" ist. Und der Depp in der Anzeige ist Johnny, der sich gerade die Ärmel hochkrempelt. An seinen Armen hat der Schauspieler auffallende Tattoos, und an den Gelenken der Arme und an seinen Fingern diverse Armbänder und Ringe, die mehr zu Captain Jack Sparrow passen als zu einem deutschen Manager.
Dezenter Schmuck von Jack Sparrow!
Dezenter Schmuck von Jack Sparrow!
Apropos Manager: Wo hat Spießer Alfons diese Anzeige gefunden? Nun, sie stand im Manager-Magazin. Und was hat die Sauvage-Anzeige von Dior mit der Eros-Anzeige von Versace gemeinsam? Die Antwort: Träume. So, wie eine Frau von einem Mann träumt, der göttliche Erotik verkörpert, so träumt ein Manager an seinem göttlichen Schreibtisch davon, ein Pirat zu sein wie eben Jack Sparrow.

Ach und noch etwas, liebe Lesergemeinde, und zwar eine spießige Empfehlung zum Geld sparen: Es ist völlig unnötig, ein Duftwasser zu kaufen! Der Grund: Überall stehen die Fläschchen kostenlos herum, und zwar in Parfümerien, Kaufhäusern und Drogeriemärkten, damit wir uns am Inhalt gratis bedienen sollen. Und wenn wir ohnehin am Morgen durch die Stadt zu unserem Arbeitsplatz gehen, dann schafft ein kurzer Abstecher zum Probenregal durchaus geldwerte Vorteile. Außerdem: Man kann sich jeden Tag einen anderen und teuren Duft hinter die Ohren sprühen, ohne dass es einen Cent kostet. Ein dufter Tipp für dufte Typen, oder?!

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