Spießer Alfons

Der Professor und die Hautpflege-Funktion

Donnerstag, 14. April 2016
Ein Testimonial ist die werbliche Empfehlung eines zufriedenen, meist prominenten Kunden. Mitunter stammt das Testimonial von einem Wissenschaftler!

Wem, liebe Lesergemeinde, schenkt der gemeine Konsument wohl mehr Vertrauen: a) den Sprüchen eines anonymen Werbetexters? Oder b) dem Wort eines leibhaftigen Professors mit Doktortitel...? Wenn Ihr diese Frage an Alfons richtet, dann entgegnet der Spießer: Natürlich glaubt der Verbraucher den Worten eines studierten Mannes mehr als den Texten eines Konsumpoeten. Nicht zuletzt deshalb, weil letzterer ja dafür bezahlt wird, Gutes über Produkte, Firmen und Dienstleistungen zu äußern.



In seiner Tageszeitung erblickte der Spießer ein Inserat für Plantur 49. Das ist laut Angaben des Herstellers "die erste altersgerechte Hautpflege mit pH-Wert 4". Und überschrieben ist das Inserat mit einem Zitat in Gänsefüßchen und also lautend: "Die größte Innovation in der Hautpflege seit Jahrzehnten" – siehe die Abbildung!
Ein Professor als Gutachter: Testimonial für „die größte Innovation seit Jahrzehnten!“
© HORIZONT
Ein Professor als Gutachter: Testimonial für „die größte Innovation seit Jahrzehnten!“
Wow – das klingt aber epochal! Und dann ist dort auch noch ein seriöser Herr abgebildet, dem wir die wörtliche Aussage zuordnen sollen. Dieser freundlich lächelnde Protagonist, so entnehmen wir der Bildunterschrift, ist Prof. Dr. Christoph Abels. Und der "forscht für die Haut ab 50".

Toll, denkt der Anzeigenleser und schlussfolgert: Ein Professor Doktor, der für die Haut ab 50 forscht, muss ja wohl wissen, was er sagt, wenn er sagt, dass Plantur 49 "die größte Innovation in der Hautpflege seit Jahrzehnten" ist. Und deshalb können wir seinem Testimonial, das er für Plantur 49 abgegeben hat, unbedingt vertrauen und unseren Körper mit der innovativen Lotion einbalsamieren.


Erwähnenswert ist auch, dass der Herr Professor die Funktionsweise der Körper-Lotion nicht in einem akademischem Schaubild demonstriert, sondern das in volkstümlicher Darstellung bringt – wenn Ihr Euch den Ausschnitt aus der Anzeige mal vor Augen führen wollt! Diese anschauliche Grafik bringt die Produktinnovation doch voll auf den Punkt ihrer Wirkungsweise und überzeugt damit Lieschen Müller und Gottlieb Schulze mehr als jede wissenschaftliche Darstellung von irgendwelchen Laborbildern.

Nur wer sich näher mit der Anzeige befasst, der erfährt, dass besagter Prof. Dr. Christoph Abels keineswegs ein unabhängiger Wissenschaftler ist, der hier sein Testimonial abgibt. Sondern der Mann ist medizinischer Direktor bei Dr. Wolff, dem Hersteller von Plantur 49. Womit Alfons das Kapitel schließt mit einem Wort aus dem Volksmund und also lautend: "Wes Brot ich dess, des Lied ich sing!" Halleluja im Namen des Herrn Wolf!

Während Plantur 49 seine Aussage ohne Fragezeichen in die Werbewelt gesetzt hat, ist Maggi etwas vorsichtiger, indem der Werbedichter fragt: "Deutschlands leckerste Bolognese?" – siehe das Inserat!
Ein Superlativ mit Fragezeichen macht Sinn, wenn die Frage bloß Unsinn ist!
© HORIZONT
Ein Superlativ mit Fragezeichen macht Sinn, wenn die Frage bloß Unsinn ist!
Das Fragezeichen ist natürlich eine juristische Vorsichtsmaßname, denn würde es dort nicht stehen, dann stünde in der Headline ein Superlativ. Und der wäre wohl ziemlich lächerlich. So soll die Headline der naiven Hausfrau suggerieren, das Maggi „Spaghetti Bolognese“ durchaus die leckerste Bolognese in Deutschland sein könnte. Was natürlich  eine Beleidigung aller Italiener ist, die in Deutschland ein Restaurant betreiben.

Der Witz ist: In der Tüte von Maggi sind weder Spaghetti noch Hackfleisch. Sondern lediglich eine getrocknete Würzmischung „mit sonnengereiften Tomaten und feinen Kräutern“. Diese als Deutschlands möglicherweise „leckerste Bolognese“ anzupreisen, dazu gehört schon eine gehörige Prise Chuzpe in die Tüte.

Im Bilde einer ADAC-Anzeige sehen wir Andreas Baller. Der ist ADAC-Mitglied seit 2006 und freut sich, weil der Club ihm geholfen hat. In der Anzeige wird „Unfallschutz“ angeboten, also Schutz vor einem Unfall. Und am Fuße der Anzeige sehen wir ein Straßenpflaster mit einem Loch und schlussfolgern: Hier kann leicht ein Unfall passieren! Und wie schützt der ADAC davor? Kommen die Gelben Engel und schließen das Loch, bevor der ADAC-Kunde einen Unfall erleidet? Im Kleingedruckten verweist der ADAC darauf, dass er erst nach einem Unfall hilft, und zwar „im Haushalt, beim Sport oder im Verkehr“. Ob Letzteres auch einen Verhütungsunfall betrifft, wird nicht gesagt.
Und wie schützt der ADAC seine Mitglieder vor einem Unfall …?
© HORIZONT
Und wie schützt der ADAC seine Mitglieder vor einem Unfall …?

 

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