Spiesser Alfons

Bergbauern führen Alfons zu Jägermeister

Donnerstag, 09. April 2015
Auf den ersten Blick ist es eine Anzeige, die genauso gestaltet ist, wie Alfons sich eine gute Anzeige vorstellt: Eine Headline, die neugierig macht, das Produkt in sichtbarer Größe präsentiert und drumherum eine Story, die den Konsumenten überzeugen soll. Also las der Spießer die Anzeige, mit der ein Käse der Marke "Bergader Bergbauern" an den Konsumenten gebracht werden soll.

Der Einstiegstext lautet: "Grünes Gras reicht für normale Milchkühe - für Bergbauern-Kühe aber nicht. Sie fressen bis zu hundert verschiedene Blumen, Kräuter und Gräser auf ihren hochgelegenen Wiesen. Dank dieser Artenvielfalt wird ihre Milch zum wertvollen Rohstoff für 'Bergbauern Käse'"

Hier wird eine Milch angepriesen, die man nicht kaufen kann. Höchstens indirekt!
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Hier wird eine Milch angepriesen, die man nicht kaufen kann. Höchstens indirekt!
Da fragt sich der spießige Käse-Konsument: Müssen die Kühe nun "bis zu hundert" Kräuter fressen, damit ihre Milch "zum wertvollen Rohstoff" wird, oder müssen es ganz genau 100 Kräuter sein, wie es in der Headline ausgesagt ist? Und wenn eine dumme Kuh dann eventuell nur 87 "verschiedene Blumen, Kräuter und Gräser" frisst oder gar bloß 59 - ist die Milch dieser Kuh dann minderwertig und wird von den Bergbauern nach dem Melken verschüttet ...? Und: "100 Kräuter für einen Liter Milch", erfahren wir und fragen: Wenn eine Kuh beispielsweise fünf Liter Milch gibt - muss sie dafür dann 500 Kräuter fressen? Und wie viele Kräuter sind in einem halben Liter Milch ...?


Dazu wird im Kleingedruckten über den Wettbewerb hergezogen. Wir lesen: "Am Futter für Milchkühe scheiden sich heute die Geister. Die Milchindustrie verlässt sich nicht allein auf die Natur, sondern füttert vieles dazu, was auf unseren Weiden nicht vorkommt; einschließlich genetisch veränderter Maissorten." Das klingt für einen Großteil der Verbraucher höchst dramatisch, und sie fragen sich: "Welche Milch kann ich denn überhaupt noch trinken? Möglicherweise allein die Milch der Bergader Bergbauern, beziehungsweise die von deren Kühen?" Diesbezüglich erfahren wir im Werbetext: "Die 450 Bergbauern, die ihre Milch an die Bergader Privatkäserei liefern, schwören dagegen auf die Natur. Sie können es auch mit Recht, denn auf den Bergbauernwiesen wächst, was ihre Kühe für eine besondere Milch brauchen. Kein Wunder, dass sie ca. 60 Prozent mehr Omega-3-Fettsäuren enthält als normale Trinkmilch."

An dieser Stelle ist der Milchtrinker überzeugt und denkt bei sich: "Ich werde nur noch die Milch der Bergader Bergbauern kaufen und keine andere mehr!" Doch schon im nächsten Satz der Anzeige kommt das böse Erwachen: "Leider kann man die Bergader Milch nicht im Laden kaufen. Denn die kleinen Mengen reichen gerade, um den Bergbauern Käse herzustellen." Und was trinkt der Spießer nun? Alfons greift zu "Jägermeister", denn der hat garantierte 56 Kräuter. Nicht nur pro Liter, sondern auch pro Pulle. Außerdem ist "Jägermeister"  in jedem besseren Supermarkt erhältlich, gleich neben der Käsetheke.
Die ARD-Tagesschau im Wartezimmer mit Gesundheitsthemen!
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Die ARD-Tagesschau im Wartezimmer mit Gesundheitsthemen!
Und dann ist der Spießer auf ein ganz heißes Eisen gestoßen, das von Healthcare Marketing geschmiedet wurde: "Tagesschau und TV-Wartezimmer kooperieren". Was meint: Die ARD-Tagesschau dient als Verstärker für Pharmawerbung! Denn Healthcare Marketing zeigt an, dass man mit dem "TV-Wartezimmer-Programm" eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der ARD geschlossen hat, um die Nachrichtensendung im Wartezimmer von Ärzten auszustrahlen in Verbindung "mit Vorsorgethemen und neuen Therapieformen", die somit "von einem wachsenden Rahmenprogramm abgerundet werden", was immer das auch bedeuten mag.


Die Tagesschau ist in Deutschland heilig, was meint: für Werbung unantastbar. Und niemals würde es einem Moderator der Tagesschau erlaubt werden, als Präsenter in der Werbung für Produkte oder Dienstleistungen aufzutreten, die nichts mit der ARD zu tun haben. Und wenn das Vertrauen, das der Bürger in die ARD-Nachrichtensendung legt, nun von einem Trittbrettfahrer für werbliche Botschaften benutzt werden kann, dann ist das in den Augen des Spießers sehr bedenklich. Für den Patienten im Wartezimmer genauso wie für die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt.

Aus dem Land des Lächelns kommt folgende Nachricht: Procter & Gamble muss in China rund 900.000 Euro Strafe zahlen, und zwar wegen Zahncreme-Werbung. Grund: Die chinesische Behörde für Handel und Industrie hat unlauteren Wettbewerb erkannt, weil der Gestalter die Zähne der Protagonistin künstlich aufgehellt hat. Wie gut für die deutschen Zahncreme-Hersteller, dass solches Vorgehen hierzulande ziemlich lasch gesehen wird, was meint: Solche Manipulationen werden bei uns gar nicht geahndet – weder von Verbraucherschützern noch vom Werberat. Genauso wenig übrigens wie Etikettenschwindel, zu dem der Spießer nachfolgend ein Beispiel serviert.

Frage: Wenn Ihr im Supermarkt einkauft, lest Ihr dann auch, was auf den Etiketten der Produkte steht? Alfons meint jetzt nicht nur die Vorderseite, sondern auch die Rückseite. Und die Aufschrift auf dem Deckel von Gläsern? Nein? Solltet Ihr aber tun, liebe Lesergemeinde! Sonst kommt Ihr nach Hause, sitzt am Esstisch und müsst erkennen: "Ich esse etwas, was ich gar nicht gewollt habe!" Okay, niemand erwartet, dass Wiener Würstchen aus Wien stammen oder Thüringer aus Thüringen. Aber deutsche Tomaten dürfen nicht aus Holland kommen, und Rheinwein muss vom Rhein sein und nicht von der Elbe.
Asia-Ingwer stammt aus Japan? Denkste, lieber Konsument!
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Asia-Ingwer stammt aus Japan? Denkste, lieber Konsument!
Nun zum Eigentlichen: Der Spießer hat vor einiger Zeit bei Lidl ein Produkt der Marke Asia gekauft. Und weil Asien nicht nur aus einem Land besteht, steht auf dem Deckel des Glases ausdrücklich vermerkt: "Japan". Und der Inhalt ist eingelegter Ingwer, den man zu Sushi und Sashimi isst. Alfons aß seinen gekauften Asia-Ingwer aus Japan kürzlich zum Sashimi und musste feststellen: Der schmeckt nicht wie Ingwer, den man in Japan zum Sashimi isst. Und der Spießer guckte auf die Rückseite des Glases und las auf dem Etikett: "Hergestellt in China". Was so ähnlich ist wie "Deutschländer Würstchen", die aus Griechenland stammen.

Und dann fandder Spießer noch eine etwas kranke Werbung mit Gesundheit. Natürlich ist "Krankheit" etwas, das negativ klingt. So geht man ins Krankenhaus, wenn man krank ist. Positiv ist aber: Für die Kosten des Krankenhauses zahlt die Krankenkasse. Und weil die AOK keine Krankenkasse mehr sein möchte, hat sie sich einfach umbenannt in: "Gesundheitskasse", also das Gegenteil von Krankenkasse. (Was das K in AOK jetzt bedeutet, verrät die Gesundheitskasse allerdings nicht, die sich doch jetzt folgerichtig AOG nennen müsste, oder?!)
Warum schielt die Dame so augenfällig hin zum Fotografen?
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Warum schielt die Dame so augenfällig hin zum Fotografen?
Und die AOK hat auch einen Slogan: "Gesundheit in besten Händen". Spießige Frage: Und Krankheit? In welchen Händen liegt die Krankheit? Allein in Gottes Händen, die ja bekanntlich die besten sind? Oder liegt Krankheit in den schlechten Händen von Krankenkassen? Wenn der Mensch gesund ist, dann benötigt er eigentlich keine hilfreichen Hände. Allenfalls zur Vorsorge. Und die AOK verspricht: "Wie sind da, wenn’s drauf ankommt." - siehe die Anzeige! Und im Bilde sehen wir die Sachbearbeiterin, wie sie gerade für ein AOK-Mitglied da ist. Allerdings: Wenn man genau hinschaut, dann erkennt man: Die Dame hat nicht ihr Gegenüber im Blick, sondern sie schielt hinüber zum Fotografen. Ist der vielleicht krank ...?

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