SXSW2016

Die Zettelwirtschaft der digitalen Elite

Sonntag, 13. März 2016
Wer derzeit in Austin auf der Suche nach der Zukunft der Kommunikation ist, hat zwei Optionen: In den Kongress-Sälen oder auf der Straße. Der Unterschied könnte kaum größer sein. Während die digitalen Vordenker für wirklich jedes Problem der Welt eine App in petto haben, mögen sie es selbst lieber Oldschool. Das wichtigste Werbemittel auf der South-by-South-West ist immer noch der gute alte Handzettel.
Man kommt kaum an einem Laternenmast und an keiner Ampel vorbei, ohne sie zu sehen: Angeklebte Zettel, auf denen für oft obskure Zwecke geworben wird. Selten ist eine Botschaft direkt formuliert; immer wird eine größere, dahinterstehende Geschichte angedeutet. Die Arbeitsteilung dieser Werbephilosophie ist sehr deutlich: Während im digitalen Kontakte formalisiert und dauerhaft gepflegt werden, ist der Aufbau von Neugierde und Faszination ein klar analoges Thema.


Auch Präsident Obama wird zum Thema der Handzettel
Campillo, © Horizont
Auch Präsident Obama wird zum Thema der Handzettel
Nun könnte man argumentieren, dass diese Kommunikationskultur noch ein Erbe der musikalischen Wurzeln des Festivals ist. Oder dass sie sich aus der uramerikanischen Neigung erklärt, seine Meinung mit Schildern auf dem heimischen Rasen kundzutun. Aber das würde kaum erklären, warum sich auch die internationalen Gäste des High-Tech-Klassentreffens so gut mit diesen Zetteln erreichen lassen.

Werbung ist in Austin immer noch ein Papier Medium
© Campillo
Werbung ist in Austin immer noch ein Papier Medium
In Wahrheit lässt sich hier ein Trend erkennen, der sich schon in der Musik gezeigt hat. Geflutet mit den unendlichen Möglichkeiten der digitalen Musikverbreitung entscheiden sich wieder immer mehr Konsumenten dafür, ihre Musik auf Vinyl zum einmaligen Objekt zu machen. Denn indem sie in diesem Moment darauf verzichten, über einen Streamingdienst potenziell tausende Songs zur Auswahl zu haben, machen sie den Song, den sie aktuell unter der Nadel ihres Plattenspielers haben, zumindest emotional tausendfach wertvoller.


Ähnlich funktioniert die Kommunikationsmechanik der Guerilla-Handzettel: Sie bieten eine Botschaft, die sich nicht im Smartphone speichern und jederzeit über eine App wieder abrufen lässt. Und so liefern sie ein authentisches Erlebnis, das sich die Betrachter selbst erarbeiten müssen. Print wird damit zum emotionalen Mehrwertgaranten der Digital Natives. cam
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