Korean Air

Eine Airline nur für Sie

Donnerstag, 22. September 2016
Gewöhnlich sind Flieger für alle da, die an Bord wollen und das bezahlen können. Korean Air dagegen ist „nur für Sie da“, also für niemand anderen!
Früher, als Spießer Alfons die Werbung noch höchstselbst gestaltet und geschaltet hat, da war es so, dass ein Texter sich echt Gedanken gemacht hatte, bevor er ein Werbewort zu Papier gebracht hat. Und anschließend wurde der Text in der Agentur diskutiert, bevor er ins Layout gesetzt und dem Kunden präsentiert wurde. Und auf Kundenseite saßen verantwortliche Marketingleute, die alle Texte gelesen, darüber nachgedacht und diskutiert haben. Und die dann häufig selber zum Griffel gegriffen und die Worte des Texters redigiert haben.


Am Anfang war das Wort, so steht es schon in der Bibel geschrieben. Und das Wort des Kunden findet der Werber ebenfalls am Anfang, nämlich im Kundenbriefing. Warum also sollte das Wort im Werbetext nicht so bedeutend sein?!

Heutzutage jedoch unterliegt das Werbewort nicht immer einer ernsthaften Beurteilung. Da werden nichtssagende Headlines für Printwerbung fabuliert und wortlos zum Kunden geschickt, der sie kommentarlos abnickt. Und dann erscheint eine hohle Phrase in der Anzeige wie zum Beispiel: „Unsere Airline ist nur für Sie da“ – siehe Korean Air!
Diese Airline ist nur für Sie da und für niemanden sonst. Und sie bietet mehr, als Sie erwarten!
© HORIZONT/Foma
Diese Airline ist nur für Sie da und für niemanden sonst. Und sie bietet mehr, als Sie erwarten!
Dazu sehen wir im Bilde einen Flieger mit fünf jungen Damen, die vermutlich dazu bestimmt sind, dem Fluggast einen Service zu bieten, für den dieser bezahlen muss. Und wenn der Spießer sich in die Rolle des Fluggastes von Korean Air versetzt, dann kann er erkennen, dass diese Airline nur für ihn da ist und für niemanden sonst? Das würde bedeuten: Fünf Flugbegleiterinnen kümmern sich einzig und allein um das Wohlbefinden des spießigen Fluggastes.


Dazu wird im Kleingedruckten versprochen: „Alles, was Sie je von einer Airline erwartet haben – und mehr. Unser Unterhaltungsprogramm, die feine Kochkunst und der aufmerksame Service überzeugen auch die anspruchsvollsten Passagiere. Unser Ziel ist, dass Sie ein perfektes Erlebnis haben.“

„Ein perfektes Erlebnis“? Sollte das nicht nur ein leeres Versprechen sein, dann geht Alfons schon morgen an Bord. Dort könnte der Fluggast nicht nur die angepriesene Kochkunst, sondern auch die Damen mit ihrem aufmerksamen Service genießen. Apropos: Wenn Korean Air wüsste, was der Spießer von einer Airline erwartet ... soviel geht gar nicht!

Was den Spießer allerdings verwundert: Das weibliche Quintett geht gar nicht an Bord, sondern die Damen haben den Flieger gerade verlassen. Und alle Türen sind geschlossen, eine Treppe ist nicht erkennbar. Was hat das wohl zu bedeuten, liebe Lesergemeinde ...?

„Probieren Sie unsere Dusche mit Minze und Eukalyptus“, empfiehlt der Hersteller Kneipp und verspricht: „Erfischend anders. Kneipp wirkt. Natürlich.“
Eukalyptus? Ein Kraut, das auf Bäumen wächst?
© HORIZONT
Eukalyptus? Ein Kraut, das auf Bäumen wächst?
„Natürlich“, klar. Und wie natürlich die „Dusche mit Minze und Eukalyptus“ wirkt, zeigt uns die Protagonistin im We-bebild: Sie hat die ganze Tube in einen natürlichen See ausgequetscht und badet darin „erfrischend anders“.

Wundersam ist auch Folgendes: Der Textdichter behauptet, dass Minze und Eukalyptus zu den Kräutern gehören. Wenn Spießer Alfons aber richtig informiert ist, dann handelt es sich beim Eukalyptus um immergrüne Bäume und Sträucher. Und dass Kräuter von Bäumen oder Sträuchern gepflückt werden, davon hat der Spießer noch nie etwas gehört – bis zu dieser Kneipp-Anzeige, in welcher der Absender von sich behauptet: „125 Jahre Naturwissen“.
Sind diese Produkte nur für die Badewanne oder auch fürs Klo?
© HORIZONT
Sind diese Produkte nur für die Badewanne oder auch fürs Klo?
Daneben die Anzeige von Nivea, mit der „die 1. Pflege-Reinigung“ offeriert wird, und zwar „mit dem Besten der Nivea Pflege“.

Wer nun glaubt, die Nivea Pflegetücher und die Nivea Reinigungsmilch sollen den menschlichen Körper reinigen und pflegen, der wird durch die Abbildung eines Besseren belehrt: Die Produkte werden in die Badewanne geworfen, wo sie den Wannenrand reinigen und pflegen.

Ob Reinigungsmilch und Pflegetücher auch für das WC-Becken zur Anwendung kommen, kann der Anzeigenleser nur vermuten.

Im Juli dieses Jahres fand der Spießer eine Anzeige von Marc Cain, über die er sich im August in seiner Kolumne lustig gemacht hat, weil das Outfit der jungen Frau den männlichen Betrachter an die Kleiderkammer vom DRK denken ließ, wo man solche Bademäntel sicherlich findet, die zu der gezeigten Hose passen wie Nutella zur Gesichtspflege.
Über dieses Outfit aus dem Juli mokierte sich der Spießer im August ...
© HORIZONT
Über dieses Outfit aus dem Juli mokierte sich der Spießer im August ...
Im Juli war also die Anzeige erschienen und im August der Spießer-Kommentar. Und im September sah Alfons dann in der „Petra“ die gleichen Klamotten von Marc Cain in der Vorschau für den Oktober mit der Ankündigung: „Laufsteg-Hits. Mut zu Farben und Mustern beweist die H/W-Kollektion von Marc Cain“ – siehe die Abbildung!
... und im September appelliert „Petra“ an den Mut der Trägerin für den Oktober!
© HORIZONT
... und im September appelliert „Petra“ an den Mut der Trägerin für den Oktober!
„Mut“, liebe „Petra“-Redaktion? Für den Spießer ist dieses Outfit sogar die Steigerungsform von Mut, nämlich Übermut. Und für Alfons wäre eine Frau, die im Evaskostüm in einen Supermarkt geht, weniger mutig als eine, die in den Klamotten von Marc Cain im Café sitzt.

Es gibt eine alte Formel für die Wirkung von Werbung, nämlich AIDA. Diese Daumenregel bedeutet: Attention – Interest – Desire – Action.

AIDA, so behaupten heute neunmalkluge Werbestrategen, ist allenfalls eine Oper von Verdi und für Werbezwecke nicht mehr geeignet. Was für ein Kokolores! AIDA ist genauso wenig geeignet für Werbung wie die Schweinebauch-Anzeigen von Supermärkten.

Viele Kreativlinge von heute meinen ernsthaft, es genügen allein schon A und I, also Aufmerksamkeit und Interesse für ein Werbewerk zu wecken. Das Verlangen nach dem Produkt oder der Dienstleistung und die Aktion am Point of Sale fallen dabei nicht ins Kalkül. Und deshalb sind die Damen und Herren stolz wie Bolle über die gewaltigen Clickrates auf den einschlägig bekannten Internetportalen und meinen, damit einen tollen Job gemacht zu haben. Und wenn der Kunde dann später erklärt, dem Abverkauf seiner Ware war das nicht erkennbar dienlich, dann wird dem dafür zahlenden Auftraggeber erzählt, dass es in der Werbung heutzutage vorrangig auf Kunst und Betrachtung ankommt. Was meint: Überschäumende Kreativität ist das A und O einer Kampagne.

It’s not creative unless it sells“. Dieser Claim stammt von der Agentur Benton & Bowles, und zwar aus den 70er Jahren. Und wieder hört der Spießer die jungen Werber rufen: „Was für ein Quatsch! Kreativität kann man doch nicht in Euro und Cent ausrechnen!“Doch kann man das, behauptet Alfons der Spießer und fragt in einem Gleichnis: Was nützt einem Maler die eigene Kreativität und die riesige Begeisterung von Millionen Kunstfreunden, die sich auf Internet-Portalen widerspiegelt, wenn keine Sau die Werke des Künstlers kaufen will, weil alle sagen: „Die Bilder kann ich mir doch im Internet angucken und nach Belieben ausdrucken!“

Auf einem Wochenmarkt gab Spießer Alfons einer jungen Bäuerin am Gemüse-stand vor vielen Jahren mal folgenden Werberat: „Zieh Dich aus und stelle Dich im Evaskostüm an Deinen Marktstand! Hast Du am Ende des Tages mehr Gurken und Tomaten verkauft als zuvor, dann war die Werbung gut. Falls nicht, so zieh Dich wieder an, bevor Du Dich erkältest!“

Fazit: „Goldideen“ sind zwar auch Werbung – allerdings für Werbeagenturen.
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