Katastrophe Apple Music, Flop Apple Watch

Wo bleibt der Apple-Spirit?

Mittwoch, 05. August 2015
Laut Business Insider arbeitet Apple an einem eigenen Mobilfunkdienst. Dabei ist es höchste Zeit, dass Tim Cook die beiden größten aktuellen Baustellen der Mega-Marke in den Griff bekommt. Apple Music ist eine Katastrophe, die Apple Watch ein teures Gimmick. HORIZONT-Chefredakteur und Apple-Jünger Volker Schütz über den alltäglichen Frust mit Produkten aus Cupertino.

Große Marken glänzen nicht nur mit außergewöhnlichen Zahlen und Visionen seiner Lenker, sondern werden umrankt von außergewöhnlichen Mythen. Der größte Mythos des Unternehmens aus Cupertino geht ungefähr so: Alles, was Apple anfasst, ist disruptiv und wird mega-erfolgreich.



Die Wahrheit ist: Auch Steve Jobs (und erst recht nicht Jobs-Nachfolger Tim Cook und -Vorgänger John Sculley) konnte nicht alles, was glänzt, in Gold verwandeln. Es gibt eine endlose Kette von Flops, angefangen beim Apple III aus dem Jahr 1980 über den Macintosh TV 1993. Oder, um Beispiele der jüngeren Vergangenheit zu nennen, den PDA-Vorgänger Newton, das Social-Media-Network Ping bis hin zu Apple Maps.
Ein Flop kommt selten allein
© Wikimedia Commons
Ein Flop kommt selten allein
Damit wir uns nicht missverstehen: Ich halte die Attitüde, ein Unternehmen in Grund und Boden zu reden oder zu schreiben, wenn mal etwas nicht klappt, für arrogant und falsch. Innovative Unternehmen produzieren fast zwangsläufig Flops. Und je mehr experimentiert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, auch einmal zu scheitern.

Mit 247 Milliarden Dollar ist Apple im Markenranking von Millward Brown deutlich die Nummer eins. Doch je größer der Erfolg, desto höher die Erwartungen (der Analysten) und der Nutzer. Jeder wartet auf das nächste große Ding, die nächste Disruption, das nächste Milliarden-Dollar-schwere Business. Zaubern kann nur der liebe Gott, fluchen kann aber jeder. Und aus einem Fan kann ziemlich schnell ein Fanatiker werden.


Aber nicht nur weil die Erwartungen des Publikums so hoch sind, hat das Unternehmen aus Cupertino derzeit ein ziemlichen Problem. Nach Aussagen von CEO Tim Cook hat Apple den Anspruch, Weltklasse-Produkte herzustellen. Daran muss es sich messen. Man kann leider nur konstatieren: Weder mit Apple Music noch mit der Apple Watch ist dies gelungen. Apple Music bräuchte dringend einen Produktrelaunch. Und bei der Apple Watch wünscht man Tim Cook eine mutige Vision für ein Produkt, das theoretisch das Zeug hat, den Mobile-Markt zu veändern.

Warum ich Apple Music verfluche

Ich habe schon einmal Apple abgrundtief gehasst. 1995 war ich als einziger Online-Redakteur im kleinen dfv-Team, das zusammen mit der Agentur Kabel New Media HORIZONT Online entwickelt hat. Apple stand damals fast vor der Pleite, war aber bei Designern immens beliebt. „Du  musst Dir einen Mac zulegen“, riet mir Peter Kabel. Gesagt, getan - und bitter bereut. Das Ding hakte an allen Ecken und Kanten. Es dauerte Wochen, den Rechner online zu bringen. Danach war mein Nervernkostüm ruiniert, und von einem aussichtslosen Prozess gegen den Apple-Händler konnte mich der damalige Justiziar des  Deutschen Fachverlags abhalten. Ein Jahr später verkaufte ich das Gerät mit immensen Verlusten an einen Layouter, der einen Backup-Rechner brauchte.

Ich schwor mir: Nie mehr Apple, nie mehr.

Dann kam der 28. April 2003. Steve Jobs launchte den iTunes Music Store - und das machte mich zum begeisterten Apple-Freund, der jahrelang kein Update eines iPods inklusive der unterschiedlichen Varianten (Nano,  Mini, etc.) versäumte.

Musik kaufte ich nicht mehr als CD bei Amazon, sondern in der komprimierten und vergleichsweise teuren iTunes-Variante. Entsprechend groß waren meine Erwartungen, als Apple die hippe Kopfhörer-Firma Beats übernahm und erste Gerüchte über einen Streamingdienst die Runde machten.  Die Kombination Apple und Dr.Dre versprach vieles.

Am 30. Juni startete Apple Music. Und nach Abschluss des dreimonatigen kostenlosen Probeabos begann ein Alptraum, der bis heute andauert.

Am Anfang wirkte alles prima: Zugriff auf 30 Millionen Lieder, die schon erworbenen Alben, Musik, die man auch offline hören kann, eingebautes Radio.

Das Desaster begann, als ich mein iPhone 6 mit iTunes koppelte. Das System lässt nicht zu, dass ich die Lieder und Wiedergabelisten meines iTunes-Archivs auf das iPhone übertrage. Stattdessen taucht immer wieder der Hinweis auf: „Bitte iTunes Match aktivieren“. Die Apple-Website lobt: „Mit iTunes Match kannst du deine Musik – sogar die Songs, die du von CDs importiert hast – in iCloud speichern. Du kannst mit all deinen Geräten auf deine Musik zugreifen und die ganze Sammlung anhören, egal wo du bist.“

24,99 Euro kostet das Angebot. Ich habe iTunes Match niemals abonniert. Warum soll ich etwas aktivieren, das  ich nie geordert habe? Und überhaupt: Eigentlich hat iTunes Match mit dem Launch von Apple Music seinen Sinn verloren. Das was Match anbietet, ist in Apple Music integriert.

Im Lauf der letzten zehn Jahre habe ich tausende Euro für Musik ausgegeben. 2035 Alben, 32.780 Lieder befinden sich in meinem Musikarchiv – und das sollen jetzt tote Dateien sein, auf die ich nicht mehr zugreifen kann?
Sag uns, auf was du stehst: "Auf einen funktionierenden Streamingdienst"
© HORIZONT-Screenshot
Sag uns, auf was du stehst: "Auf einen funktionierenden Streamingdienst"
Im Netz gab es bis Mitte Juli noch keine hilfreichen Tipps, also hoffte ich auf die Spezialisten im Apple Store in Frankfurt. Die Verkäufer waren so hilfsbereit wie hilflos. iTunes Match gebe es nur noch eine Zeitlang, ich sollte mich etwas gedulden und es noch mal probieren. Oder die Speicherkapazitäten meines iCloud-Accounts kostenpflichtig erhöhen.

Doch warum sollte ich mir auf einmal ein weiteres Apple-Produkt zulegen? Und dann noch dafür Geld bezahlen? Die letzte Hoffnung: der Telefonsupport. Insgesamt gefühlte zehn, reale zwei Stunden versuchte ich in zwei Telefonaten mit den sehr netten Service-Mitarbeitern dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen.

Nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten gab mir der Assistent folgende Message weiter: „Aufgrund der hohen Nachfrage und den unerwartet vielen Abonnenten sind die Apple-Server überlastet und geben Fehlermeldungen aus. In einer Woche sollte das behoben sein.“ Dies ist in mehrfacher Hinsicht ein ziemlich peinlicher Rat. Ein IT-Unternehmen wie Apple sollte grundsätzlich in der Lage sein, bei großer Nachfrage die notwendigen Server-Kapazitäten kurzfristig bereitzustellen. Darüber habe ich den Kopf geschüttelt. Aber das Problem war damit nicht behoben. Denn auch acht Tage später bekam ich immer noch Verweis auf das ominöse iTunes Match. Was die vielen Abonnenten angeht: Angeblich haben nur 10 Millionen von 800 Millionen Kunden den Dienst geordert – obwohl er für drei Monate kostenlos ist.

Was also tun? Ich habe gestern eine zweite externe Festplatte bei Amazon bestellt. Eigentlich sollte ich die 50 Euro Apple in Rechnung stellen. Das Speichergerät hat keinen anderen Zweck, als die Archiv-Daten, die auch jetzt auf einer externen Festplatte liegen, nochmals zu speichern.

Dem einflussreichen US-Blogger (und ehemalige Apple-Jünger) Jim Dalrymple wurden 4700 Musikstücke gelöscht, wie er erschüttert beschreibt. Was für ein Alptraum, wenn mein Musikarchiv im Orkus der Vergänglichkeit landet.

Mittwoch, 5. August: Noch hat Amazon die Festplatte nicht geliefert. Dann werde ich die Daten kopieren, Apple Music mit einem letzten Fluch belegen und löschen.

Warum ist Apple bei vielen Menschen so beliebt? Weil seine Produkte vom Blickpunkt der Anwender aus entwickelt werden und komplizierte Technologien in simple Design- und Benutzeroberflächen überführt werden.

Das ist bei Apple Music gänzlich misslungen. Und bei der Apple-Uhr ist - positiv formuliert - noch einiges an Luft nach oben.

Apple Watch: ein Gimmick, das Großes zumindest ahnen lässt

Journalisten sind manchmal nicht besser als Analysten. Als Apple in der vergangenen Wochen seine außergewöhnlichen Quartalszahlen verkündeten, nutzten nicht nur Analysten, sondern auch Kollegen die Gunst der Stunde, um ihre Enttäuschung über die Entwicklung beim Ausnahmeunternehmen aus Cupertino kundzutun. Im Fokus: Apple Watch. Die „FAZ“ rätselt über die Strategie von Tim Cook, Nebelkerzen statt konkrete Zahlen zu nennen. HORIZONT-Kollege Santiago Campillo-Lundbeck kürt die Uhr zum „profitabelsten Flop der Geschichte“. In vielem liegen die Kollegen richtig. Doch wer die Apple-Uhr regelmäßig trägt, wird zumindest erahnen können, warum das Wearable das Zeug zum Next Big Thing hat. Der Blick auf die Bilanzzahlen alleine verraten dies nicht.

Kleine Typo, aber richtige Nachricht: die FAZ-App Der Tag
© HORIZONT-Screenshot
Kleine Typo, aber richtige Nachricht: die FAZ-App Der Tag
Auch Spiegel Online liefert Nachrichten auf die Apple Watch
© HORIZONT-Screenshot
Auch Spiegel Online liefert Nachrichten auf die Apple Watch
Ich bin kein Uhrenträger. Sie stören mich. Beim Schreiben scheuert das Band unangenehm über die Tastatur. Beim Sport muss man Angst haben, die Uhr nach dem Duschen im Spind liegen zu lassen.

Seit 2010 hole ich mein Smartphone aus Tasche oder Hose, wenn ich wissen will, wie spät es ist.

Trotzdem habe ich mir im Juni die günstigste Apple Smartwatch zugelegt - ein teures, hässliches Plastikteil, wie meine Frau nicht müde wird zu behaupten. Ok, das Design ist nicht unbedingt jedermanns Sache. Aber in diesem Fall gilt der Spruch des amerikanischen Architekten Louis Sullivan „Form follows Function“: „Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.“


Ich liebe Technikspielzeug. Und ich bin der festen Überzeugung, dass  Wearables unser Leben und den Wirtschaftszweig, über den HORIZONT berichtet, dramatisch verändern werden.

Seit vier Wochen habe ich die Uhr. Ich lege sie höchstens zum Schlafen, beim Sport und natürlich beim nervig häufigen Aufladen ab.

Aber ich kann verstehen, warum viele Appleianer enttäuscht von Tim Cook sind.

Nein, mit der Uhr revolutioniert - oder neumodischer gesagt: disruptiert - Apple diesmal keinen Wirtschaftszweig, wie es dem Unternehmen vorher mit iPod/iTunes, dem iPhone und dem iPad gelungen ist. Auch die Selbstkannibalisierung, wie das Disruptive ein elementarer Teil der Marken-DNA von Apple, hat Tim Cook nicht zustande gebracht oder sich nicht getraut.

Dabei lautet doch die Unternehmensphilosophie, niemals Kannibalisierung zu fürchten, sofern sie von Apple selbst ausgeht. Oder in den Worten des Steve-Jobs-Nachfolgers Cook: „I see cannibalization as a huge opportunity for us. Our core philosophy is to never fear cannibalization. If we don’t do it, someone else will. We know that iPhone has cannibalized some of our iPod business. That doesn’t worry us. We know that iPad will cannibalize some Macs. But that’s not a concern. On iPad in particular, we have the mother of all opportunities because the Windows market is much, much larger than the Mac market. It is clear that it is already cannibalizing some. I still believe the tablet market will be larger than the PC market at some point. You can see by the growth in tablets and pressure on PCs that those lines are beginning to converge.”

Von dem unbedingten Willen, einem Markt nicht nur neue Nischen zu eröffnen, sondern die traditionellen Marktgesetze auszuhebeln, ist bei der Apple Watch nichts zu spüren. Die Uhr ist vom iPhone so abhängig wie ein Junkie von seinem Dealer: Ohne ihn läuft gar nix.

Schade eigentlich.

Lange Rede, kurzer Sinn. Die Apple Watch hat kein wegweisendes Design. Sie ist ohne die Anbindung an ein iPhone ein Armband mit Zeitfunktion. Sie disruptiert nicht den Uhrenmarkt. Sie kannibalisiert nicht das iPhone. Ihre Bedienung entspricht nicht dem üblichen Apple-Standard. Und sie ist asozial, weil die Zeit nur angezeigt wird, wenn der Träger mit einer idiotischen Armbewegung das Display aktiviert. Mal kurz beim Nachbarn schauen, wie spät es ist? Apple lässt das nicht zu.

Ist sie deshalb eine einzige Enttäuschung? Ein vorsichtiges Jein.
E-Commerce auf einfachste Art
© HORIZONT-Screenshot
E-Commerce auf einfachste Art
Warum?

Drei Stunden pro Tag oder 20 Prozent der wachen Zeit sind Jüngere mobil. 135 Mal wird durchschnittlich das Smartphone gezückt. Telefoniert wird dabei nur in den seltensten Fällen. Social Media und Gaming steht in der Regel an vorderer Stelle; der Konsum von Nachrichten läuft eher unter ferner liefen.

Ganz so handysüchtig bin ich nicht. Aber 80 Mal scanne ich an Wochentagen bestimmt mein Smartphone: Mails, Twitter, Facebook und andere Dienste, Nachrichten, Periscope, mein Freeletics-Workout, Preisvergleich mit der Amazon-App und Wetter. Einiges davon mache ich inzwischen mit der Apple Watch.
Funktioniert Werbung auf der Apple Watch? Seat beweist Mut zum Experiment
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Funktioniert Werbung auf der Apple Watch? Seat beweist Mut zum Experiment
Facebook und Twitter - rudimentäre Funktionen, rudimentär brauchbar
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Facebook und Twitter - rudimentäre Funktionen, rudimentär brauchbar
Und das ist die große Perspektive: Wenn die Uhr in der nächsten oder übernächsten Generation ohne Anbindung an das iPhone funktioniert, werden viele Handy-Funktionen von  der Apple Watch übernommen. Dann hat sie das Zeug, zu einem zentralen Tool zu werden, mit dem Menschen ihr Leben im mobilen Zeitalter organisieren. Vor allen  Dingen wenn die Services weiter über die derzeit aktuellen Anwendungen und Apps hinausgehen. Jüngstes Beispiel: eine App, die die Uhr im wahrsten Sinne zum Türöffner macht. Doch auch im übertragenenen Sinne hat die Smartwatch zum Türöffner des mobilen Zeitalters zu werden.
Bis die Apple Watch zum Türöffner wird, dauert es noch
© Screenshot August Website
Bis die Apple Watch zum Türöffner wird, dauert es noch
Dann werden Smartphones tendenziell unwichtiger und wieder mehr als Telefone benutzt.  Und redaktioneller Content aber auch Werbung wandert in Richtung Wearable.

Aber bis dahin muss Tim Cook noch einiges aufarbeiten. vs

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