IFA

Haben wir einen Innovations-Gipfel erreicht?

Dienstag, 06. September 2016
Morgen schließt die Berliner Elektronikmesse IFA wieder ihre Tore. Große technische Innovationen sind auch in diesem Jahr wieder ausgeblieben. Stattdessen üben sich die Hersteller am Feintuning ihrer Fernseher oder Smartphones: größere Displays, leistungsfähigere Akkus, bessere Bildqualität. Haben wir aktuell einen Innovations-Gipfel erreicht?
Es gab mal eine Zeit, da war die Internationale Funkaustellung (IFA) für gleich eine ganze Reihe technischer Sensationen bekannt geworden. Die Berliner Telehor AG etwa veranstaltete 1928 eine der weltweit ersten Fernsehübertragungen überhaupt – damals noch mit sensationellen 900 Bildpunkten. Die Berliner Ideal Werke AG stellte 1935 auf der IFA das erste Autoradio vor. 1981 wurde auf der Messe die erste Compact Disc (CD) präsentiert und stellte in den folgenden Jahren bekanntlich die komplette Musikbranche auf den Kopf. 1999 gab es die ersten Mobiltelephone mit Internetanschluss zu bewundern.


Heute gehört die IFA zwar nach wie vor zu den weltweit bedeutendsten Fachmessen, strahlt aber bei Weitem nicht mehr den Innovationsgeist vergangener Tage aus. Keine Frage: Interessante technische Neuheiten waren auch in diesem Jahr zu bestaunen, etwa die Play Station VR von Sony oder die "PowerEgg"-Drohne des chinesischen Herstellers Power Vision. Aber die technischen Sensationen, die einen ganzen Markt umkrempeln können, sind in diesem Jahr ausgeblieben. Keine Revolutionen. Eher Revolutiönchen. Wenn überhaupt.

Fernseher beispielsweise gelten als Herzstück der IFA. Seit Jahren versprechen die großen Hersteller wie Samsung, LG oder Sony nichts weniger als die TV-Revolution. Doch auf der Fachmesse unter dem Berliner Funkturm hatten sie auch in diesem Jahr nur wenig Neues zu bieten. Stattdessen konnten die Besucher vor allem Feintuning an bereits existierenden Modellen beobachten: bessere Bildqualität (Ultra-HD), noch größere Displays und noch schwärzeres Schwarz (OLED-TV). Samsung beispielsweise präsentierte stolz seine neue "Quantum Dot"-Technologie, die auf dem TV-Bildschirm mehr als eine Milliarde Farben darstellen kann. Nice to have, mehr aber auch nicht.


Dieser Eindruck hat sich in nahezu allen Messehallen erweckt: Da werden bessere Akkus vorgestellt, leistungsfähigere Fingerabdruckssensoren präsentiert oder sparsamere Waschmaschinen getestet. Dass auf der IFA keine großen technischen Innovationen zu sehen sind, liegt vielleicht daran, dass die Messe in Fachkreisen als nicht besonders sexy gilt (auch wegen des etwas antiquierten Namens) – große Produktvorstellungen halten die großen Unternehmen lieber auf der Consumer Electronics Show, dem Mobile World Congress oder der Gamescom ab. Vielleicht ist aber auch einfach eine Art Innovations-Gipfel erreicht. Ein Punkt, an dem nichts wirklich Neues mehr entsteht, sondern bestehende Produkte lediglich verbessert werden.

Es gibt einige Branchen-Experten, die diese These teilen. Amir Tamannai von GIGA beispielsweise sagt: "Wir haben derzeit einen Innovations-Gipfel erreicht, denn es gibt nichts, was man tun könnte, das wirklich neu wäre." Es gebe diesen natürlichen Punkt, ab dem es keine Vorteile mehr gibt, selbst mit einer höheren Auflösung, sagt er. Andere Beobachter ziehen sogar Parallelen mit Apple: Der Konzern kämpft derzeit mit einem kriselnden iPhone-Geschäft und hat seit Jahren keine wirklichen Innovationen mehr präsentiert. Wurden früher einst Geräte wie der iPod frenetisch gefeiert, bejubeln die Fans mittlerweile allerlei Kleinigkeiten. Beispiel: Auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC präsentierte Apple im Sommer stolz eine neue Emoji-Funktion für den Dienst iMessage. Wow.

Vielleicht ist es auch dieser Innovations-Gipfel, der viele große Player dazu veranlasst, sich nicht mehr als reiner Technik-Hersteller zu definieren, so wie Samsung beispielsweise. Der Konzern sei nun auch ein Design-Unternehmen, heißt es auf der IFA. Einfache Bedienung und ein schönes Äußeres sei schließlich der Schlüssel zum Kunden. Vielleicht kommt die von Samsung auf der IFA vorgestellte Smartwatch Gear S2 deshalb mit insgesamt 18 unterschiedlichen Designs daher. ron
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