Google Glass

Zu viel rosarot auf der Brille

Freitag, 16. Januar 2015
Große technologische Visionen zu haben, die den Alltag der Menschen verändern. Dieser Glauben an die Unausweichlichkeit des Machbaren hat Google groß gemacht, und das ist wohl auch der wichtigste Grund für das Scheitern von Google Glass. Der wohl mutigste Wurf im Schnittfeld von Wearables und Augmented Reality hat Technikfans zwar weltweit begeistert, ist aber letztlich an grundsätzlichen Fehlern im Marketing gescheitert.
Scheitern ist gerade in der erfolgsverwöhnten Welt des Silicon Valley natürlich eine Frage der Perspektive. Wer derzeit bei Google nachfragt, wird von Versagen nichts hören. Offiziell wird einfach nur die erste Version der Datenbrille nicht mehr verkauft, weil man an der Gesamtstrategie feilen will. Aber allein schon die Einschätzung der bisher geleisteten Arbeit durch den neuen Bereichschef, Nest-Gründer Tony Fadell, klingt bei The Verge nicht nach einer Erfolgsbilanz, die den Google-typischen Maßstäben standhalten könnte: "Die frühen Glass-Anstrengungen haben Neuland eröffnet und uns die Möglichkeit gegeben, zu lernen, was für Konsumenten und Unternehmen gleichermaßen wichtig ist."
Die wichtigste Lektion dabei war wohl, dass die Mehrheit der Konsumenten eine Alltagsdiktatur der digitalen Kameras - zumindest im Moment - nicht akzeptieren wollen. Die negative Diskussion unter dem Stichwort "Glasshole" sorgte zwar zu Beginn für eine unerwartet hohe öffentliche Wahrnehmung für ein faktisch nicht-existentes Produkt, war aber auch eine negative PR, von der sich das Konzept nicht mehr erholen konnte. Aber entscheidender vielleicht noch: Durch die permanente Diskussion über die Abschaffung der Privatsphäre konnte Google letztlich nie eine Botschaft vermitteln, wie das Unternehmen den Alltag seiner Nutzer hätte verbessern können. Das Produkt Google Glass fehlte aus Konsumentenperspektive schlicht die Existenzberechtigung.

Auch mit der "Reason to believe" vergaloppierte sich Google in seiner Kommunikation rettungslos. In trendigen Onlinefilmen wurde den digitalen Early Adoptern ein Nutzungserlebnis suggeriert, dass das aktuell verfügbare Produkt einfach nicht einhalten konnte. Versprochen war ein unauffälliger Alltagsbegleiter, der als virtueller Sekretär seinen Träger unauffällig in Alltagsfragen unterstützen würde. Geliefert wurde eine schwere Brille, die gerade für Brillenträger nicht einfach zu nutzen war, sich bei längerer Nutzung erhitzte und über eine enttäuschende Batterieleistung verfügte. Das Produkt Google Glass war von Anfang an überverkauft und konnte die hoch gesteckten Erwartungen nur enttäuschen.

Dieser strategische Fehler ist angesichts des dahinter stehenden Riesen besonders überraschend. Denn abgesehen von Apple weiß wohl niemand so gut wie Google, wie fundamental die User Experience über den Erfolg eines digitalen Markenerlebnisses entscheidet. Google ist als Suchmaschine groß geworden, weil diese elegant funktioniert und  einen realen Wert liefert. Als Datenbrille wäre Google für private Nutzer wohl vor allem als Statussymbol ein Mehrwert gewesen.

Weder an dem Selbstbewusstsein noch an der Strategie von Google wird dieser Rückschlag wohl etwas ändern. Mit seinem Roboter-Auto-Programm will der Suchmaschinenriese erneut den Alltag der Menschen revolutionieren. Und mit seiner Tochterfirma, dem Smarthome-Spezialisten Nest, will sich Google eine neue Datenquelle aufbauen, die aufgrund der zu erwartenden Verkaufszahlen zumindest mittelfristig sehr viel lukrativer sein könnte als Google Glass.

Ob die Ziele erreichbar sind, wird sehr davon abhängen, inwieweit Google die richtigen Lehren aus der Glass-Schlappe zieht. Dass nicht jede Idee, die bei den Nerds auf dem Google-Campus Begeisterung auslöst, auch für normale Konsumenten attraktiv oder auch nur selbsterklärend ist - diese Erkenntnis dürfte Google nun klar sein. "Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler," kommentierte einmal der Fernsehpionier Helmut Thoma die Qualität seines Programms. Er hätte genauso gut über die Segnungen des Internet-Zeitalters sprechen können. cam

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