Facebook-Krise

Wo bleibt Marc Pritchard?

Sonntag, 01. April 2018
Die Internet-Werbeindustrie, genauer gesagt eine der größten Plattformen, taumelt in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise – und ausgerechnet Procter & Gambles mächtiger Digital-Mahner und CMO Marc Pritchard bleibt still. Warum nur?

Seit Jahren treibt Procter & Gamble die Internet-Werbebranche vor sich her. Es vergeht kein Kongress, ohne dass P&G-CMO Marc Pritchard ultimative Forderungen stellt. Und Marc Pritchard ist auf vielen Kongressen und Events. Er ist Mahner, Nörgler, Einpeitscher - und vor allen Dingen sehr mächtig. Mal geht es um Brand Safety, dann um Werbewirkung, ein anderes Mal steht die angeblich so schlechte Kreation im Vordergrund. Und wenn alles nicht hilft, werden die Lieblingsthemen Adfraud und/oder Effizienz aus der Tasche geholt.



Pritchards simple, aber umso dringlichere Message: Alles muss hinterfragt, vor allen Dingen besser werden. Agenturen und Vermarkter verkriechen sich in die hintersten Ecken, wenn Pritchard lospoltert, und geloben Besserung. Wer andere global agierende Werbungtreibende und große Markenartikler befragt, ob sie das auch so sehen wie P&G, bekommt als Standard-Antwort: "Ja, wir sehen das auch so."

Nun steckt Facebook bekanntermaßen in einer Krise. Und weil Facebook nicht nur irgendein Social-Media-Netzwerk ist, sondern eine der global relevantesten Werbe-Plattformen, zieht das Zuckerberg-Imperium zumindest imagemäßig die komplette digitale Werbeindustrie nach unten. Wer jetzt eine Studie über Bedeutung, Glaubwürdigkeit und Perspektiven von Digital-Werbung in Auftrag geben würde, bekäme erschütternde Antworten.


Wo bleiben die Klagelieder, die die Werbungtreibenden generell – nicht nur P&G – angesichts der dramatischen Ereignisse hätten anstimmen können? Konsumenten und Politiker sind entsetzt oder verunsichert, der Börsenkurs von Facebook rauscht in die Tiefe.

Doch vom Lautsprecher der Werbeindustrie ist nichts zu hören. Wo bleibt Mister Pritchard?

Die Antwort ist eigentlich ziemlich simpel.

Kostenlose Dienste gegen persönliche Daten; Nutzung der Daten für personalisierte Inhalte und/oder Werbung: Das sind die Kernsäulen des Geschäftsmodells von Facebook & Co. Und auf diese Potenziale wollen die Werbungtreibenden nicht verzichten.

Verständlicherweise, kann man sagen.

Wer im digitalen Zeitalter Menschen erreichen will, braucht nicht nur die klassischen Massenmedien, sondern genauso datengetriebene Konsumentenansprache. Und die liefern nun einmal Megaplayer wie Facebook in der Regel verlässlicher, genauer und schneller als Publisher mit Medienhintergrund.

Ja, Walled Gardens sind das Gegenteil eines freien Internets. Aber für Werbungtreibende sind sie ein idealer Datenpool. Die Gleichung der meisten Markenartikler und Werbungtreibenden ist ziemlich simpel: 


1) Dass Unternehmen mit krimineller Energie den Datenpool der Datenlieferanten  missbrauchen, ist verwerflich und schadet dem Image des jeweiligen Datenlieferanten.

2) Das ist Gottseidank nur vorübergehend. Und überhaupt: Ein Markt mit viel Geld zieht nun einmal auch die bösen Buben an, siehe Adfraud.

3) Die bösen Buben müssen bestraft werden. Aber das System als solches muss erhalten bleiben. Schließlich haben nicht nur die Millionen Nutzer, sondern vor allen Dingen unsere Milliarden Werbe-Euros Facebook zu dem gemacht, was es heute ist.

4)  Wir Marketer werden deshalb auch trotz Cambridge Analytica Facebook als Werbeplattform nutzen. Schließlich funktioniert Werbung auf Facebook ja richtig gut. 

5) Wir brauchen ein starkes und velässliches, kein schwaches und rumeierndes Facebook.

6) Auch 2019 wird es Kongresse und Meetings geben, auf denen man laute Forderungen an Vermarkter und Agenturen stellen kann. Dafür sind wir jetzt lieber still und schauen, was passiert.

Ein Credo von P&G-Mann Pritchard, kundgetan auf der Dmexco letzten Jahres, lautet: Werbung kann die Welt besser machen.  Jetzt wäre der Moment, der Welt zu zeigen: So kann man die Werbung besser machen. Doch diese Gelegenheit wird gerade verpasst.

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