Dirk Popp

ADAC - Totalschaden für die Glaubwürdigkeit

Montag, 20. Januar 2014

Der ADAC wird hart gebeutelt von der Affäre um manipulierte Teilnehmerzahlen bei der Abstimmung für den Gelben Engel. Was bedeutet der Gau für den Automobilclub? Für Dirk Popp ist die Sache klar: "Die Glaubwürdigkeit des ADAC ist vorerst im Eimer", urteilt der CEO von Ketchum Pleon Germany in seiner Kolumne für HORIZONT.NET - und rät dem ADAC zu "rigiden Maßnahmen", um das Vertrauen zurückzugewinnen.


Jetzt hat es also auch den ADAC erwischt. Der größte Verein des Landes geht angesichts der manipulierten Leserwahl zum Gelben Engel zunächst hart gegen seine Kritiker ins Gericht, um dann kurze Zeit später kleinlaut Fehler einzugestehen. Das Resultat: ein Totalschaden für die eigene Glaubwürdigkeit. Kommt jetzt die große Austrittswelle?

Dirk Popp: Es geht hier auch um den guten Ruf der Branche“
Wie darf man sich das vorstellen? Die Resonanz auf die Leserwahl der ADAC Motorwelt ist mehr als bescheiden, also entscheidet der Chefredakteur mal eben, die Zahlen nach oben zu korrigieren. Nicht um ein paar hundert Stimmen, sondern um den Faktor zehn. Frei nach dem Motto: Es wird schon keiner mitbekommen. Dann fliegt die Sache auf, und keiner der Verantwortlichen kommt auf die Idee, die Preisverleihung zum Gelben Engel abzusagen. Stattdessen: Dementis und eine peinliche Veranstaltung, in der sich der ADAC-Präsident über die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung sogar noch lustig macht. Nur, um kurze Zeit später alle Erklärungen kleinlaut einzukassieren und die gemachten Vorwürfe im Wesentlichen zu bestätigen. Der verantwortliche Kommunikationschef nimmt seinen Hut und verabschiedet sich erst einmal in den Urlaub, wie wir jetzt in der BILD-Zeitung lesen durften. Und VW hält sich offen, den Gelben Engel wieder zurückzugeben. Ein Ende der Posse ist also nicht abzusehen.


Nun geschieht es relativ selten, dass die Öffentlichkeit so tiefe Einblicke in die Welt der Öffentlichkeitsarbeiter erhält. Deshalb geht es hier auch um den guten Ruf der Branche. Insofern muss die Frage gestattet sein, ob wir hier nur über die Hybris eines Einzelnen sprechen. Denn seien wir doch einmal ehrlich: Neigen wir in unserer Branche nicht dazu, aus der sprichwörtlichen Mücke einen Elefanten zu machen, um Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken? Ist es nicht Teil unseres Jobs, die Dinge größer erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich sind? Wohlgemerkt, Zahlen bewusst zu fälschen verdient null Toleranz.

Spannend ist die Tatsache, dass es im Jahr 2014 immer noch große Wirtschaftsunternehmen gibt (und nichts anderes ist der ADAC mit mehr als 1 Milliarde Euro Jahresumsatz), für die Transparenz offensichtlich ein Fremdwort ist. Es bedarf schon einer gewissen Chuzpe, die eigenen Mitglieder und die Vertreter der wichtigsten deutschen Branche so hinters Licht zu führen. Daraus spricht eine Haltung, wie sie vielleicht vor 30 Jahren noch üblich war: Wir ziehen unser Ding durch, was kümmert uns der Rest? Dass ein Aussitzen heutzutage nicht mehr funktioniert, haben schon andere schmerzlich erfahren. Jetzt also auch der ADAC, wenn auch auf die harte Tour. Die Medien und die Öffentlichkeit kippen kübelweise Häme über den Verein aus und haben gerade erst angefangen, sich warmzulaufen. Der verspricht jetzt größtmögliche Aufklärung und will alle Vorwürfe prüfen. Immerhin: Er ist schneller zu dieser Erkenntnis gelangt als so manch anderes Unternehmen, das von einer ähnlichen Krise betroffen war. Und auch an der Entschuldigung hat es nicht gehapert.

Dirk Popp: Vertrauen ist die Währung, mit der ein Verein wie der ADAC arbeitet“
Dennoch: Die Glaubwürdigkeit des ADAC ist vorerst im Eimer. Die prognostizierte Austrittswelle dürfte allerdings ausfallen. Denn die meisten Mitarbeiter, allen voran die Gelben Engel, machen einen guten Job und darauf kommt es für die meisten Mitglieder schließlich an. So auch im Forum des ADAC nachzulesen.

Alles kein Problem also, die Medien werden sich schon wieder beruhigen? Wohl kaum, denn Vertrauen ist die Währung, mit der ein Verein wie der ADAC arbeitet. Das gilt für die politische Arbeit. Das gilt auch für die zahlreichen Tests. Künftig dürfte es also schwieriger werden, als der glaubwürdige Vertreter der deutschen Autofahrer aufzutreten und deren Interessen durchzusetzen. Nach so einer Vertrauenskrise helfen im Grunde nur noch rigide Maßnahmen, ein "Weiter so" ist keine Alternative. Also: Schluss mit der Abschottung, raus aus der Freund-Feind-Mentalität und hin zu einer Unternehmenskultur des 21. Jahrhunderts mit einer transparenten Kommunikation und der Fähigkeit zur Selbstkritik. Dann werden die Gelben Engel auch jenseits der Straße wieder willkommen sein.

Dirk Popp unterhält einen privaten Blog zum Thema Krisen-PR: crisiseverywhere.com
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