Digitale Community

Was OMR und Dmexco voneinander lernen können

Dienstag, 27. März 2018
OMR-Chef Philipp Westermeyer hat ein großes Ziel: Seine Online Marketing Rockstars sollen in der "digitale Championsleague". Mit dem Event vergangene Woche ist er auf dem besten Weg dorthin. Bilanz und Ausblick einer ungewöhnlichen Erfolgsstory.

Als der Websummit 40.000 Gäste zählte, hatte ich formuliert: "Zu groß, um gut zu sein." Die OMR hat dieses Jahr die 40.000er-Grenze überschritten, und ich muss feststellen: "Trotz Größe noch besser als letztes Jahr." Was macht die OMR so einzigartig? Was kann die Kölner Dmexco von ihrem Hamburger Konkurrenten lernen? Und was können sich die wilden Hamburger Party- und Network-Spezialisten von den gediegeneren Kölner Eventmachern abschauen?



1.

Vom Event zum Medium

Seit sechs Jahren finden einmal im Jahr die Online Marketing Rockstars statt. 200 Gäste waren es beim Startevent, 23.000 Teilnehmer im vergangenen Jahr. In diesem Jahr pilgerten mehr als 40.000 zumeist unter vierzigjährige Digitalmacher zu den Hamburger Messehallen. Ihr, wie Startup-Ökonomen sagen würden, "exponentielles Wachstum" verdanken die Rockstars nicht ihrem internationalen Programm, sondern der klugen Erkenntnis des Gründers Westermeyer, nicht nur einmal im Jahr ein Event auf die Beine zu stellen, sondern die OMR als Medienmarke zu etablieren. Newsletter, Whatsapp-Gruppe, Podcasts, kleinere OMR-Sideevents und mehr: Die OMR ist auf zahlreichen Kanälen permanent präsent.

Zahlreiche Kooperationen mit anderen Fachmedien sorgen für Aufmerksamkeit: Im HORIZONT-Magazin zur OMR werden beispielsweise exklusiv die von der OMR-Jury gekürten "50 heissesten Digitalmarketer" präsentiert. Am Vorabend der Digital Marketing Days von HORIZONT am 3. und 4. Juli laden HORIZONT und OMR zu einem Networking-Dinner im Berliner Soho ein. Es ist diese Dauerpräsenz, die die Dmexco in den letzten Jahren nicht hatte: Veranstalter Koelnmesse konzentriert sich seit jeher auf den eigentlichen Kongress. Ob das auf Dauer genügt?
Wer die OMR als Blaupause für die Etablierung anderer Großevents nimmt, kommt nicht drumherum, aus einem Event (Messe/Kongress/Summit) ein Content-Medium zu machen. 


2.

Wenn aus Teilnehmern eine Community wird

 

In den 90er Jahren empfahlen Unternehmensberater wie Marktforscher den Medienunternehmen, zum Community-Organizer zu werden, um im sich etablierenden Internet nicht an Bedeutung zu verlieren. Das hat damals kein Verlag umgesetzt. Erst jetzt erkennen manche Anbieter, beispielsweise Handelsblatt, Zeit, Süddeutsche, wie wichtig der interaktive Austausch mit Lesern und Zielgruppen sein kann. Bei den OMR ist Community Organizing seit der Gründung ein Kerngedanke. Wobei es strenggenommen um mehr als eine Community geht. Digitales Marketing ist das große Dach eines Hochhauses, in dem zahllose Parteien mit unterschiedlichen Interessen leben.

Im digitalen Zeitalter fragmentieren Wissen, Interessen, Aufgaben genauso wie Werbeformate und Medien. Wie löst man diese Herausforderung? In dem man sich von der Frontbeschallung verabschiedet, mehrere Redner-Bühnen, zahllose Masterclasses und dutzende Sideevents etabliert. Wem die große Bühne mit 7000 Stühlen zu groß war, konnte beispielsweise mit einigen ausgewählten Top-Speakern in kleinem Kreis bei der Hamburger Agentur Pilot diskutieren – vorausgesetzt, er bekam eine Einladung. Community ist auch eine Frage der Wortwahl. Die OMR freuten sich nicht über mehr als 40.000 Teilnehmer oder Gäste. Stattdessen steht auf dem Eingangsplakat "Welcome to #OMR18 territory. Population 40.000."
Auch die Dmexco wird sich überlegen müssen, wie sie mit den Teilnehmern ihrer außerordentlichen Messe eine Community kreieren kann. 

3.

Eine Rockband ohne Frontmann wird zum Kammerspiel

 

Bringt Warsteiner bald ein Westermeyer-Bier auf den Markt?
© Volker Schütz
Bringt Warsteiner bald ein Westermeyer-Bier auf den Markt?
Zum Rock gehört immer die große Geste – und das große Maul. "Es gibt sieben Milliarden Menschen. Aber nur einen Philipp Westermeyer." Mit diesen Worten des anonymen Ansagers wurde am Freitag die OMR-Konferenz eröffnet.  Bei einem anderen Event wäre dieses Intro als erstes Anzeichen von Größenwahn oder Arroganz verbucht oder in der Reihe der Minuspunkte gelistet worden. Doch der schlaksige Schalk Westermeyer ironisiert diese große Rock’n Roll-Gehabe auch. Oasis hat ja immer behauptet, größer als die Beatles zu sein. Dabei war die Band noch nicht mal größer als Blur, sagt der ehemalige Blur-Fan Volker Schütz. Rock hin oder her: Entscheidend ist, dass Events, die wirklich groß sein wollen, von Persönlichkeiten leben, die die Events prägen – vor oder hinter den Kulissen. Frank Schneider und Christian Muche haben zusammen mit Veranstalter Koelnmesse die Dmexco zu dem gemacht, was sie – zumindest bis letztes Jahr – war: Europas wichtigste Digitalmesse. Und die OMR leben von der Präsenz von Gründer und Frontmann Westermeyer. Im letzten Jahr war Westermeyer kurz vor den OMR schwer erkältet. Was wäre aus dem Event geworden, wenn er die Konferenz nicht hätte moderieren können?
"Was wird der neue Chef Dominik Matyka aus der Dmexco machen, wie wird er sie prägen?", war eine Frage, die in Hamburg häufig gestellt wurde.

4.

Teures Essen und viele Gewinnspiele

Preise wie beim Oktoberfest: 7 Euro für eine Wurst
© Volker Schütz
Preise wie beim Oktoberfest: 7 Euro für eine Wurst

Es gibt eine wichtige Regel im Event-Business: Wenn das Essen schlecht ist, reden die Gäste zuhause nur über das miese Catering, nicht mehr über die vielleicht brillanten Beiträge. Das Essen im Hamburg war, nun ja, allenfalls mittelmäßig. 7 Euro kostete eine Mini-Currywurst. Bei der Party am Donnerstag mussten die Durstigen gefühlt ewig anstehen, um ans teure Bier zu kommen. Vor den Foodtrucks musste man am Donnerstag aufpassen, sich keine Lungenentzündung zu holen. Und es gibt noch mehr Beispiele.

Die Qualität der OMR zeigen sich aber auch daran, dass oben erwähnte Regel nicht zutrifft: Das Event war viel zu gut, um sich lange über das schlechte Essen zu mokieren. Genauso wenig wie über die teilweise eher mittelmäßige Qualität der Businesskontakte. Gewinnspiele werden nicht nur auf Facebook und von fragwürdigen Unternehmen gemacht, um an Nutzerdaten zu kommen. Auch bei der OMR gab es einige "Überlass mir Deine Daten und Du kannst ein iPhone gewinnen"-Spielchen. Die Kontakte, die dabei erzielt wurden, kamen, so die "Spielleiter" teilweise aus dem studentischen Milieu. Man liegt nicht falsch mit der Behauptung: In Sachen Kontakte hat die Dmexco (noch) einen gewissen Vorsprung. Genauso richtig ist aber: Die Dichte an Managern aus Startup- oder Wachtumsunternehmen konnte sich in diesem Jahr sehen lassen.
Man erkannte sie nicht mehr an ihren Hoodies – die sind out -, sondern an locker über der Hose hängenden Hemden. So wie sie OMR-Gründer Westermeyer trägt.

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