Deutschland Digital

Zwischen Googlephobie und Dmexco-Begeisterung

Sonntag, 07. September 2014
Deutsche Gerichte verbieten Uber-Fahrdienste, doch gleichzeitig pilgern Tausende für zwei Tage nach Köln zur Dmexco. Google ist für viele Medienmanager der Erzfeind Nummer eins, doch gleichzeitig nutzen auch die größten Kritiker den Suchdienst aus Mountain View. HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz beschreibt das schizophrene Verhältnis der Deutschen zum Digitalen.

VERBOTEN oder WILLKOMMEN: Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich derzeit das Stimmungsbarometer in Deutschland, wenn es um das Thema Digital geht. Zwei aktuelle Beispiele zeigen, wie schizophren hierzulande digitales Business auch im Jahr 2014 noch wahrgenommen wird.



Beispiel 1: Vergangene Woche verbietet ein Frankfurter Gericht dem US-Anbieter Uber bei Androhung immenser Geldstrafen, seine Fahrdienste auch in Deutschland anzubieten. Das Gericht erfüllt die Wünsche der Taxi-Industrie, die in Uber - zu Recht - einen gefährlichen Konkurrenten sieht. Ausländische Beobachter verfolgen die Diskussionen über Uber mit Argusaugen. Für die meisten ist die Gerichtsentscheidung das jüngste Beispiel einer ausgeprägten Technologie- und Innovationsfeindlichkeit im ehemaligen Land der Dichter und Denker. „The Economist“ liefert in regelmäßigen Abständen schmissige Texte über "Germany's Googlephobia".

Beispiel Nummer 2 zeigt das genaue Gegenteil: Diese Woche pilgern Tausende Deutsche (und viele internationale Besucher) nach Köln, um zwei Tage lang auf der Dmexco zu beobachten und zu diskutieren, was im digitalen Business derzeit besonders hip, zukunftsrelevant und vor allen Dingen geschäftsträchtig ist.


Das Uber-Urteil belegt die Angst vor Veränderungen, die Dmexco-Begeisterung unterstreicht die durchaus vorhandene immense Lust auf Fortschritt. Doch hierzulande hat immer noch die Anti-Uber-Fraktion das Sagen. Wie seinerzeit die amerikanischen Cowboys den Siegeszug des Autos verhindern wollten, blockieren manche Wirtschaftszweige alles Neue, sobald es seine Wurzeln im Digitalen hat. Und die meisten Politiker reden über Digital so, wie sie in den 70er Jahren über Umweltschutz diskutiert haben: Keine Ahnung, aber umso mehr Geschwätz. Das ist nicht nur anachronistisch. Das Schwanken zwischen VERBOTEN und WILLKOMMEN wird zu einem gefährlichen Vabanque-Spiel für den gesamten Industriestandort. Deutschland darf nicht wieder zum kranken Mann Europas werden. Umso größer sind die Erwartungen an das Event in Köln. "Entering new dimensions“ lautet das Dmexco-Motto. Es wird sich zeigen, ob und wie die neuen Dimensionen angenommen werden. vs

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