Being amazoned oder:

Warum Jeff Bezos den Wickeltisch erobern will

Montag, 08. December 2014
Verleger und Politiker mögen über Google so viel jammern, wie sie wollen: Gegen die Allmachtsphantasien von Amazon-Chef Jeff Bezos wirken die Zukunftspläne des Google-Vordenkers Larry Page manchmal reichlich altbacken. Jüngstes Beispiel: Nach dem eigenen Telefon kommen nun die Amazon-Windeln und Feuchttücher auf den Markt. Das wirkt pittoresk und verschroben, ist aber wie immer bei Jeff Bezos ein todernstes Unterfangen.

Unter Amazon Basics verkauft der Onlinehändler bereits seit geraumer Zeit selbst produzierte Zubehörprodukte, beispielsweise für iPhones und iPads, zu einem angeblich günstigen Preis. Ende vergangener Woche hat Bezos in den USA Amazon Elements gelauncht – die Plattform für selbst hergestellte Haushaltswaren. Windeln und dazu passende Feuchttücher machen den Startschuss. Die Elements-Produkte sollen ausschließlich Prime-Kunden bestellen können.



Windeln. Feuchttücher. Hä,  was soll denn der Quatsch, war man geneigt auszurufen, als Ende vergangener Woche die Pläne des Onlinehändlers bekannt wurden, den Wickeltisch zu erobern. Das klingt eher bizarr als wagemutig.

Doch Jeff Bezos hat bislang immer gezeigt, dass er es ziemlich ernst meint. Die Welt als einzige große Produktions- und Commerce-Plattform unter Amazon-Label – das ist das Ziel. Seinen Status als reiner Händler streift Amazon jedenfalls immer stärker ab. TV-Serien, Lesegeräte und Smartphones – Jeff Bezos hat schon mehrfach gezeigt, dass sein Unternehmen nicht nur handeln, sondern auch produzieren kann.


Nun muss Procter & Gamble keine Angst haben, dass der Verkauf von Pampers – mit einem Umsatz von rund 8 Milliarden  US-Dollar immerhin das wichtigste Procter-Produkt – in die Knie geht. Trotzdem werden Hersteller mit Argusaugen beobachten, dass das E-Commerce-Unternehmen immer stärker zum Hersteller wird.

Amazon Elements verspricht hohe Qualität und Transparenz, was Materialien und Herstellungsprozess angeht. Und welches Startpodukt eignet sich besser, formulierte Ansprüche im Echtbetrieb zu testen?

Produkte rund Babys Po sind hoch lukrativ, hoch technologisch und von den ums Wohl der Kleinen besorgten Eltern teilweise hochemotional besetzt: Wer die Debatten von Müttern, ob Aldi-Windeln Procter-Produkte schlagen, weiß, wovon ich spreche. Wer sich im sukzessive im kompletten Alltag der Menschen unverzichtbar machen möchte, muss sich früher oder später sowieso mit der Windelfrage beschäftigen. Also fängt man am besten gleich damit an, und Jeff Bezos geht ja gerne Risiko. Auch dass die Amazon-Windeln mit einem Preis von rund 19 Cent deutlich günstiger sind als Konkurrenzprodukte, die laut Re:Code zwischen 24 und 34 Cent kosten, passt zur langjährigen, von Analysten nicht immer goutierten Strategie, im Zweifelsfall lieber auf schnellen Gewinn als auf Marktmacht zu verzichten. "Die zwei Dinge, die sich unsere Kunden von uns wünschen, sind hochwertige Produkte und Zugang zu Informationen, um sachkundig Entscheidungen zu treffen", erklärt Sunny Jain, Vizepräsident von Amazon.com.

Dass Google ein globaler Datensammler mit bösen Absichten ist, ist inzwischen ein gängiges Vorurteil in Daten- und Mediendebatten hierzulande. Dass unter Datenschutz- und Datensammel-Aspekten Amazon der wesentlich kritischere US-Gigant ist, wird viel seltener thematisiert. Wahrscheinlich, weil so viele Menschen (auch der Schreiber dieser Zeilen) die unbestreitbaren Vorteile des Einkaufsimperium schätzen.

Jemand, der die Google-Suche nutzt, kann als „Person“ nur dann erkannt werden, wenn er gleichzeitig Angebote wie Google+ nutzt, wo er sich anmelden muss. Die Amazon-Datenbank weiß viel mehr über seine ihre Nutzer. Die persönlichen Daten von der Adresse bis zur Bankverbindung und Kreditkarte. Vor allen Dingen aber wird das Einkaufsverhalten konkreter Menschen akribisch protokolliert.

„Being amazoned“ ist der in den USA gängige Ausdruck für die brutale Verdrängungspolitik, mit der der E-Commerce-Gigant kleinere Händler an die Wand drückt („Googeln“ ist ein Verb, das die im Vergleich dazu harmlose, gängige Informationssuche beschreibt.): Natürlich sollen und können Händler Geschäfte mit Amazon machen – aber zu Bedingungen, die Jeff Bezos diktiert. Wie brutal werden sich die Machtverhältnisse in der Wirtschaft erst ändern, wenn aus dem Händler Amazon ein Hersteller wird? Im analogen Leben vertreiben Einzelhändler schon seit Jahren Eigenmarken. Global kann dies aber nur Amazon umsetzen.

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