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Warum der wahre Erfolgstest für "You are wanted" noch aussteht

Freitag, 24. März 2017
Mit "You are Wanted" steckt Amazon mit Nachdruck sein Terrain im deutschen Streaming-Markt ab. Ob von der Premiere der deutschen Thrillerserie auch Amazon Prime und damit sein E-Commerce-Geschäft spürbar profitieren wird, ist allerdings eine ganz andere Frage. Denn inhaltlich bleibt Matthias Schweighöfers Serienprojekt deutlich unter den gesteckten Erwartungen zurück.

Auf dem Papier ist die Schlacht schon entschieden, zumindest ein bisschen. Auf Amazon gibt es bereits Fan-Artikel zu "You are Wanted" zu kaufen. Goldmedia meldet zum Start, dass Amazons deutsche Vorzeigeserie mit 35 Prozent aller kostenpflichtigen Video-on-Demand-Downloads die Konkurrenz deutlich hinter sich ließ. Selbst die hausinterne Konkurrenz "The Man in the High Castle" erreichte nur 26 Prozent.



Und die Liste der guten Nachrichten geht noch weiter: Bei ihren Nutzern konnte die Thrillerserie die höchste Anzahl von 5-Sterne-Wertungen in der Geschichte von Amazon in Deutschland einräumen. Aber vielleicht wichtiger noch ist die Tatsache, dass "You are wanted" in 70 weiteren Ländern zu den fünf meistgesehenen Serien des Wochenendes gehörte. Dass Amazon schon die nächste Staffel in Auftrag gegeben hat, scheint da nur logisch.

Markenpartner wie Mercedes und Red Bull wird das zweifellos freuen. Wie lange dieser Höhenflug andauern wird, ist allerdings eine ganz andere Frage. Denn Amazon hat die Serie im Vorfeld massiv beworben und zudem Hauptdarsteller Schweighöfer noch zum Gesicht seiner Werbekampagne für Amazon Fire gemacht. Das in Kombination mit der Tatsache, dass die Serie für Amazon-Prime-Kunden kostenlos ist und somit einen klaren Vorteil im Pay-VOD-Markt hat, lässt den großen Erfolg der deutschen Eigenproduktion schon deutlich weniger mysteriös erscheinen. Denn an der kreativen Brillanz der Geschichte oder den opulenten Produktionswerten kann es eigentlich nicht gelegen haben. Während Amazons für den US-Markt produzierter Hit "The Man in the High Castle" zu keinem Zeitpunkt vergessen lässt, dass hier eine Geschichte des Kultautors Philipp K. Dick mit üppigem Etat und Mut zu einer außergewöhnlichen Geschichte umgesetzt wurde, kommt Amazons großer deutscher Wurf inhaltlich wie auch in der Umsetzung eher beschaulich daher.


Den polierten Look internationaler Produktionen hat Matthias Schweighöfers Firma Pantaleon zwar gut verinnerlicht, allerdings fehlt das Budget, um ihn auch in letzter Konsequenz zu verwirklichen. So will die Auftaktfolge schon in den ersten Sekunden für die richtige Spannung sorgen, als ein Hacker seine Computer zerstört und sich dabei selbst entzündet und als brennende Fackel aus dem Fenster auf die Straße stürzt. Die Kamera zeigt, wie der Arm des Hackers Feuer fängt und wie er auf der Straße aufschlägt. Der eigentliche Eyecatcher – der Sturz aus dem Fenster und der freie Fall – war den Machern aber wohl schlicht zu teuer.

Das Resultat ist eine Serie, die sich, am Produktionswert gemessen, hinter vielen "Tatort"-Folgen verstecken muss und letztlich auch beim Thema nicht wirklich Mut beweist. Denn Schweighöfer sieht sich als Hotelmanager Lukas Franke von einem rätselhaften Hacker verfolgt, der ihn über digitale Manipulationen zum Verbrecher stempelt. Diesen Kampf Mensch gegen anonyme digitale Mächte hat man seit Sandra Bullocks 1995 gedrehtem Film "Das Netz" nun schon in fast allen denkbaren Konstellationen gesehen. Auch der Mann, der seine eigene Unschuld beweisen muss, ist mindestens seit "Dr. Kimble auf der Flucht" ein altbekanntes Motiv.

Auch das eigentliche Komplott hat eine überraschend niedrige Fallhöhe. Der komplette Stromausfall in Berlin geht verblüffend dramafrei über die Bühne. Hotel-Manager Franke muss seine erbosten Gäste mit Gratis-Champagner beruhigen, aber später am Abend kann er sich von diesen Strapazen auf seiner Geburtstagsparty erholen, die stimmungsvoll bei Kerzenschein gefeiert wird. In einer Fernseh-Ära, in der das Publikum den charakterlichen Überlebenskampf von Menschen in Serien wie "Breaking Bad", "The Walking Dead" und "Game of Thrones" studieren kann, dürfte so eine vergleichsweise brave Thriller-Kost bei den wenigsten Zuschauern für erhöhtes Adrenalin sorgen. Da ist es dann nicht überraschend, dass selbst in 5-Sterne-Rezensionen auf Amazon Formulierungen zu finden sind wie "Sicher gibt es in viereinhalb Stunden einige Längen, Ungereimtheiten und ein paar wahnsinnige Zufälle und der Plot ist recht einfach gestrickt und war auch öfter in ähnlicher Form schon im Kino/Fernsehen" oder "Die Figuren waren nur teilweise sehr stereotyp".

Doch Amazon werden diese Relativierungen fürs erste wenig kümmern, denn "You are Wanted" hat strategische Relevanz für das Deutschlandgeschäft des Onlinehändlers. Eine erfolgreiche Eigenproduktion würde Konkurrent Netflix in Deutschland auf Abstand halten und Amazon auch gegenüber heimischen VoD-Anbietern wie Maxdome als – zumindest gefühlter – Marktführer etablieren. In einem Markt, der noch längst nicht gesättigt ist, wäre das auf der Jagd nach weiteren Marktanteilen die bestmögliche Ausgangslage. Vor diesem Hintergrund wird dann auch verständlich, warum Amazon schon zum Start der Serie den noch nicht existenten Fans der Serie Merchandisingartikel zu "You are Wanted" im Onlineshop anbietet.

Man darf hier nicht vergessen, dass das Videogeschäft für Amazon stets auch das Ziel hat, weitere Nutzer in das eigene Ökosystem hineinzuziehen. Wer sich von der Plattform mit Serien, Filmen und Musik unterhalten lassen will, ist auch als Käufer für andere Produkte ansprechbar. Und angesichts des mittlerweile offiziell angekündigten Starts von Amazon Fresh in Deutschland, hat Prime Video als Köder für die Kunden zusätzliche Relevanz gewonnen. Über diesen Erfolgstest für Schweighöfers großen Auftritt hat Amazon aber bisher noch nichts verraten: Gelingt es "You are Wanted" neue Abonnenten für Amazon Prime zu rekrutieren? Bei der von Amazon mit großem Aufwand produzierten Auto-Show "The Grand Tour" ist das passiert. Als der inoffizielle Nachfolger der BBC-Show "Top Gear" im November 2016 Premiere feierte, verzeichnete der Aboservice den größten Mitgliederzuwachs der außerhalb des offiziellen Shopping Events Prime Day jemals registriert wurde.

Kann dieser Stunt auch in Deutschland mit "You are Wanted" gelingen? Sollte es Schweighöfer gelingen, sich eine Fangemeinde für seinen gehetzten Hotelmanager zu erspielen, ist das zumindest nicht auszuschließen. Denn genauso wie der Serienstart gezeigt hat, dass Amazon keine neuen Unterhaltungsstandards in der deutschen Medienlandschaft setzt, belegt die gute Resonanz auf "You are Wanted" auch, dass der Hunger beim deutschen Publikum auf professionell umgesetzte Genre-Kost groß ist. Eine Nachfrage, für die es bisher abgesehen von "Cobra 11" auf RTL kein ernsthaftes Angebot gibt. cam

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