Doppeldeutigkeiten in der Werbung

Natürlich gesund? Das geht auch anders!

Donnerstag, 21. August 2014
Es gibt Werbebotschaften, die muss man zweimal lesen, weil sie doppeldeutig sind. Welche Bedeutung zutrifft, kann dann jeder für sich selbst entscheiden!
Wir kennen Menschen, die leben vom Tod ihrer Mitmenschen. Bestattungsunternehmer zum Beispiel. Oder Organspende-Empfänger. Und es gibt Menschen, die würden ohne Krankheiten verhungern, weil sie ihr tägliches Brot nicht verdienen könnten: Ärzte, Apotheker, Pharmazeutiker.

Jeder Mensch möchte natürlich gesund sein. Dass es aber auch anders geht, zeigt die Easy-Apotheke an und preist in ihrer Reklame eine bittere Arznei, nämlich Thomapyrin. Dieses uralte Schmerzmittel stammt noch aus einer Zeit, als der nicht aufgeklärte Patient im Vertrauen auf weiße Kittel alles geschluckt hat, was ihm über die Laden(apo)theke gereicht wurde, ohne darüber nachzudenken, ob es denn auch sinnvoll ist. Sogar Medikamente, die krank machen, fanden viele arme Schlucker.

Kranke Werbung!
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Kranke Werbung!
Thomapyrin hat die Wirkstoffe Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein, ist also ein Kombinationspräparat. Schon im Jahre 2000 schrieb "Der Spiegel": "Fest steht: Mehrere Studien zeigen, dass die Kombination von Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Coffein, aus der Thomapyrin besteht, nicht wesentlich besser den Schmerz stillt als die jeweiligen Substanzen allein - dafür aber eher zu Abhängigkeit, Nierenschäden und bestimmten Krebsarten führen kann. Etwa 500 Menschen, schätzen Experten, werden jedes Jahr aufgrund solcher Kombinationspräparate in Deutschland unnötigerweise dialysepflichtig. Die Autoren der 'Bitteren Pillen' verpassten dem Präparat deshalb das Prädikat 'abzuraten'. Auch die meisten Ärzte verschreiben das im freien Verkauf so beliebte Medikament inzwischen kaum noch."

Wie gesagt: Das erschien im Jahre 2000. Und heute, im Jahre 2014, bekommt die Thomapyrin-Reklame der Easy-Apotheke mit dem Text: "Natürlich gesund? Das geht auch anders!" eine ziemlich makabere Bedeutung, Herr Apotheker!

Der deutscheste aller deutschen Markenartikel ist Persil. Und nun kommt Persil mit internationalem Tonfall und verkündet: "You'll never wash alone".

Schmutzige Wäsche!
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Schmutzige Wäsche!
Was will uns der Textdichter damit sagen? Dass die Waschfrau nie allein wäscht, weil sie stets ein Waschmittel zur Hand hat? Klar, aber dieses Argument könnte für Ariel genauso gelten wie für Sunil und den Weißen Riesen. Auch wer in einen Waschsalon geht, wäscht dort nicht allein. Und ist der Salon menschenleer, dann stehen dort Waschmaschinen, die uns mit der schmutzigen Wäsche nicht allein lassen.

Die Zeile am Fuße der Annonce lautet übrigens: "Unser Team für strahlende Reinheit und leuchtende Farben bei der Fußball WM 2014". Und wenn in Brasilien alle Kicker ihre Trikots mit Persil gewaschen haben, dann waren die Spieler nicht allein, sondern wuschen in internationaler Gesellschaft. 

Lara Stone glaubt an Zauberei und erklärt: "Meine Poren? Wie weggezaubert!" - siehe die Anzeige von L'Oréal!

Nun wissen wir, dass die Poren unserer Haut sehr wichtig sind, weil durch diese winzigen Öffnungen alles Schlechte wie Schweiß, Talg und andere Substanzen ausgesondert werden. Und deshalb zaubert L'Oréal die Poren auch gar nicht weg, sondern bekennt: "Perfektes Hautbild mit Poren wie unsichtbar.“ Und dieses Werbewort sollten wir uns mal unter die Haut gehen lassen: "Poren wie unsichtbar"! Was den Spießer an Töne denken lässt, die wie lautlos sind.

Porenreiner Werbezauber!
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Porenreiner Werbezauber!
Vergleichbar mit Poren, die wie unsichtbar sind, ist Eis, das "jetzt wie von Hand gemacht" ist - siehe Cremissimo!

Der Spießer weiß: Es gibt zwei Fertigungsmöglichkeiten für Speiseeis, als diese sind: Es wird von Hand gemacht, oder es ist industriell gefertigt. Und wenn Letzteres der Fall ist, dann ist es nicht wie handgemacht, selbst wenn es so schmecken sollte.

Bemerkenswert ist auch Folgendes: Der Texter schreibt zwar: "Jetzt wie von Hand gemacht" - bekennt aber in der dritten Zeile: "So Cremissimo wie immer".

Spießige Frage: Wieso ist das Eis "so Cremissimo wie immer", obwohl es früher nicht "wie von Hand gemacht" war?

Und Frage Nr. 2: Wenn hier suggeriert wird, dass handgemachtes Eis besser schmecken soll als industriell gefertigte Eiscreme, warum soll der Kunde dann ein Eis kaufen, das nur "wie von Hand gemacht" ist, statt dass er gleich zum Italiener geht und dort ein von Hand gemachtes Eis kauft?

"Wie von Hand gemacht" ist wie von Zauberhand vorgetäuscht
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"Wie von Hand gemacht" ist wie von Zauberhand vorgetäuscht
Wir sehen im Werbebild einen Mann in einem Mercure-Hotel. Oben drüber ist eine Kaffeetasse mit Untertasse und Löffel abgebildet mit der Behauptung: "Das haben Sie erwartet:". Woraus der Leser schließt, dass er einen Kaffee erwartet haben soll. Oder einen Tee.

Und dann die Ergänzung: "Das vermutlich nicht:" Und weil Alfons neugierig ist, was er in einem Mercure-Hotel vermutlich nicht erwartet hat, las er das Kleingedruckte und also lautend: "Endlich entspannen. Ich bin viel unterwegs und möchte mich nach einem arbeitsreichen Tag entspannt zurücklehnen können. Bei Mercure finde ich genau das und noch mehr! Mercure: mein Zuhause auf Reisen."

Donni, donni aber auch! Niemals hätte Alfons erwartet, dass er sich in einem Hotel entspannt zurücklehnen kann!

Statt des erwarteten Kaffees kommt was...?
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Statt des erwarteten Kaffees kommt was...?
Nachdenklich macht den Spießer allerdings die Dame im Hintergrund. Es schaut so aus, als würde sie dort etwas servieren, was der Gast möglicherweise nicht erwartet hat. Ob dieser Zimmerservice im Übernachtungspreis enthalten ist, kann der Spießer genauso wenig beantworten wie die Frage, ob es sich bei Mercure um ein Stundenhotel handelt, was der Gast, der sich entspannt zurücklegen will, nicht erwartet hat.

Wie wird eine Frau zum Objekt der Begierde? Estée Lauder zeigt uns eine Evastochter im Bilde, die es offenbar mit Hilfe eines Lippenstiftes geschafft hat, zum "Objekt der Begierde" zu werden. Ja, da tun wir Männer uns vergleichsweise sehr viel schwerer, wenn wir das Objekt weiblicher Begierde werden wollen. Dazu müssen wir schon zu Axe greifen. Oder es mit gut gefüllter Brieftasche versuchen, die bekanntlich für formvollendete Konturen bei uns Männern sorgt, während eine Frau sich ihre "formvollendeten Konturen" mit einem Lippenstift von Estée Lauder ausmalen kann.

Neu: Lippenstift macht Frauen zum Objekt
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Neu: Lippenstift macht Frauen zum Objekt
Immer wieder drollig zu beobachten ist Werbung mit Prozentzahlen. So wirbt Procter & Gamble für Head & Shoulders: "Bis zu 100% schuppenfreies Haar". Das klingt optimal, denn mehr als 100% geht gar nicht. Aber dieselbe Werbeaussage kann auch weniger Prozent bedeuten. Zum Beispiel nur 37,6%. Oder gar 2,0%.

Und genauso lustig ist die Angabe: "Bis zu 50% sparen". Denn hier hat der Spießer sogar 100% gespart, weil er kein Head & Shoulders gekauft hat. Denn Alfons hat weder Schuppen im Haar noch auf den Augen.

Und was bedeutet der P&G-Claim "Der tägliche Unterschied"? Vielleicht, dass alle angeführten Prozentzahlen täglich unterschiedlich sind ...?

Auch zu 3 % sind "bis zu 100%" und weniger
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Auch zu 3 % sind "bis zu 100%" und weniger
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