Nina Hagen, Kraftwerk & Co

Diese 35 Songs würden wir gern mal in der Werbung hören

Marius Müller-Westernhagen und sein Song "Dicke" würde gut zu Weight Watchers passen
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Marius Müller-Westernhagen und sein Song "Dicke" würde gut zu Weight Watchers passen
Wäre es nicht viel authentischer, wenn die Deutsche Bahn mit dem Schlagerhit "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" von Christian Anders wirbt? Oder alle Smart-Home-Anbeiter mit dem Lied "Somebody’s Watching Me" des US-Sängers Rockwell? Wir haben 35 Songs gesammelt, die wir gerne mal in der Werbung hören würden und stellen sie hier in loser Reihenfolge vor.

1.

Archies: Sugar Sugar (1969)

Zucker-Bashing ist zurzeit ja stark in Mode, überall wird reduziert und auf vermeintliche Gesundheitsgefahren hingewiesen. Höchste Zeit, dass die Süßwarenindustrie zum Befreiungsschlag ausholt. Der Bubblegum-Klassiker der Archies ziert die Aufklärungskampagne: "You are my candy girl, and you got me wanting you!"


2.

Christian Anders: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo (1972)

Die Deutsche Bahn will die Zahl ihrer Fahrgäste massiv steigern. Aber leider haben Verspätungen und Zugausfälle zuletzt neue Höchstwerte erreicht. Clever daher, das Chaos mit einer selbstironischen Kampagne auf die Schippe zu nehmen – mit dem ergreifenden Lied über den Zug, "den es noch gestern gar nicht gab".

3.

Bernd Begemann & Die Befreiung: Liebling, wir haben größere Probleme als uns (2015)

Vor allem junge Leute neigen dazu, sich nur mit Beziehungsfragen zu beschäftigen. Dabei wären Themen wie Vermögensbildung, Altersvorsorge, Krankenzusatzversicherung, Berufsunfähigkeit, Bausparen, Haftpflicht, Hausrat oder Rechtsschutz viel wichtiger. Tolle Werbemusik für Finanzdienstleister, die mit einem kleinen Augenzwinkern darauf hinweisen wollen – ohne den Turteltäubchen gleich den ganzen Spaß zu verderben.


4.

Genesis: Follow You Follow Me (1978)

Kongeniale Musik für eine Twitter- Kampagne, die noch mal das Prinzip erklärt: Wenn ich Dir folge, könntest Du mir eventuell auch folgen? Ist doch nur ein kleiner Klick.

5.

Nina Hagen: TV-Glotzer (1978)

Die jungen Leute gucken ja nicht mehr so viel lineares TV, wie man hört. Da empfiehlt sich eine Gattungskampagne mit Nina Hagen, deren Klassiker auch der immer weiter steigenden Sendervielfalt Rechnung trägt: "Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier!" Und der verhasste Konkurrent beim täglichen Medienkonsum, das Bücherlesen, bekommt auch sein Fett weg: "Ich krieg ne Meise, weil na, ich fass’ kein Buch mehr an, Literatur, da wird mir übel (würg)!" Das passt so gut, als sei es gezielt für die Screenforce Days komponiert.

6.

D.A.F.: Verehrt Euren Haarschnitt (1982)

Dieses Lied (?) gilt eher als Nebenwerk des "Mussolini"-Duos und dürfte daher preiswert zu bekommen sein. Inhaltlich passt es aber für alle Haarpflege-Marken, die einfach mal etwas grundsätzlicher werden wollen: "Messt Euren Mut, messt Eure Meinung an der Länge Eurer Haare!"

 
Das Geheimnis um die 35
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7.

Hot Chocolate: Heaven Is In The Back Seat Of My Cadillac (1976)

In der Werbung für die amerikanische Nobelmarke geht es leider immer nur um Luxus, Leistungsfähigkeit und hochwertige Ausstattung. Dabei werden Cadillacs letztlich auch nur gekauft, um Bräute abzuschleppen. Genau das zeigt ein witzig-frivoler Spot, für den Hot Chocolate ihren knackigen Disco-Funk liefern. Allerdings Vorsicht: Me-too- Problematik prüfen!!

8.

Babyshambles: F*** Forever (2005)

Der inoffizielle Werbesong für Viagra war immer "(I Can’t Get No) Satisfaction" von den Stones. Schlauer wäre es aber, nicht mit der Problemanalyse, sondern mit dem Produktversprechen zu arbeiten. Da bietet sich "F*** Forever" von den Babyshambles an: "I’m so clever, so f*** forever, if you don’t mind." Nein, sie wird nichts dagegen haben.

9.

Beatles: Drive My Car (1965)

Ausgerechnet ein alter Beatles-Klassiker eignet sich bestens, um den Menschen das autonome Fahren schmackhaft zu machen. Ja, KI, du kannst gern meinen Wagen steuern, "and maybe I love you".

10.

Tr ini Lopez: If I Had A Hammer (1963)

Tja, aber hat eben keinen Hammer, der Trini. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn er sich nicht endlich mal zu Hornbach, Obi oder Bauhaus aufmacht. Eine allzu simple Story-Line, finden Sie? Nein, das passt schon. "I hammer in the morning, I hammer in the evening, all over this land." Überschätzen Sie mal die Baumarktkunden nicht.

11.

Morrissey: Pregnant For The Last Time (1991)

Manchmal muss Werbung für Verhütungsmittel die Produktvorteile noch mal klar benennen. So macht man’s den Konsumentinnen leicht, holt sie quasi zu Hause ab, aber eben nicht schon wieder für die Fahrt in den fiesen Kreißsaal.

12.

Faithless: Insomnia (1996)

Take Schlafmittel-Werbung to a higher level! "I can’ t get no sleep", erklärten Faithless zu Hochzeiten der Rave-Kultur, und klar, das lag an den ganzen Aufputschmitteln. Kann man aber locker auf alte Leute drehen.

13.

Marius Müller-Westernhagen: Dicke (1978)

Man hört in Branchenkreisen, dass Weight Watchers (der Konzern hat sich kürzlich in WW umbenannt) in der Werbung andere Saiten aufziehen will, um bislang renitente Zielgruppen zu erreichen. Weg vom "Zählen, aber trotzdem genießen", weg vom Verständnis, hin zur offenen Drohung mit den Konsequenzen des Übergewichts: "Dicke haben Blähungen, Dicke haben’n dicken Po, und von den ganzen Abführmitteln rennen Dicke oft aufs Klo." Ja, das ist hart. Aber Werbung ist nicht dafür bekannt, die Dinge schönzureden. Stichwort Authentizität.

14.

Namika: Je ne parle pas français (2018)

Das ist natürlich die Steilvorlage für Langenscheidt: Im Spot sieht man einen gutausssehenden Franzosen, der auf die süße Namika einredet. Sie singt ihm ihr bekanntes Lied entgegen: "Je ne parle pas français, aber bitte red weiter, alles was du so erzählst, hört sich irgendwie nice an." In der nächsten Einstellung wird der Franzose deutsch untertitelt. Er redet von einer Party in einer Villa, mit älteren Geschäftsleuten, "viel Kohle für Dich drin". Namika schnallt’s aber nicht – was mit den Sprachführern von Langenscheidt nicht passiert wäre. Im Abspann der Claim: "Die Wirklichkeit – mit Langenscheidt".

15.

Kraftwerk: Die Roboter (1978)

Vor zwei Jahren wurde der deutsche Roboterhersteller Kuka vom chinesischen Konzern Midea übernommen – ein äußerst umstrittener Deal, weil Technologieabfluss in einer wichtigen Schlüsselindustrie droht. Umso wichtiger, dass sich Kuka über die Zusammenarbeit mit Kraftwerk rückhaltlos zum Standort Deutschland bekennt.

16.

U2: I Still Haven’t Found What I’m Lookin‘ For (1987)

Gemein: Google macht vergleichende Werbung und führt vor, wie man auf den Außenseiter-Suchmaschinen wie Bing, Yahoo oder Quant nichts findet. Reichen Euch 95 Prozent Marktanteil immer noch nicht?

17.

Bob Dylan: A Hard Rain’s A-Gonna Fall (1963)

In den frühen 60er Jahren gab es noch keinen verlässlichen Wetterbericht. Man war auf das angewiesen, was einem ungewaschene Hobos wie Robert Zimmerman zu rustikalem Gitarrengeklampfe zuraunten. Heute dagegen – hat man wetter.com!

18.

Hildegard Knef: Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin (1966)

"Wieder nicht alles ins Auto gepackt – wie ärgerlich! Und dann die ganzen Scherereien, bis einem die Sachen endlich nachgeschickt werden! Werden Sie auch immer vergesslicher, unkonzentrierter, fahriger? Das muss nicht sein. Denn es gibt ja … äh … Dingens …" (kleiner Junge schreit der Oma den Markennamen mit Megaphon ins Ohr, die ganze Familie lacht, Verweis auf Risiken und Nebenwirkungen).

 

19.

Adel Tawil: Ist da jemand? (2017)

Werbung für Sprachassistenten betont oft einseitig die funktionalen Vorteile von Alexa, Siri und Co. Dabei geht es für viele Nutzer doch einfach darum, jemanden zu haben, der zuhört. "Ist da jemand, der mein Herz versteht und der mit mir bis ans Ende geht?", fragt Adel Tawil in seiner schönen Ballade. Ja, da ist jemand.

20.

Eagles: Hotel California (1976)

Wer heute im "Hotel California" übernachtet, meint damit natürlich Airbnb, bekanntlich im Silicon Valley ansässig. Vor allem textlich würde sich der Westcoast-Klassiker ideal für eine Imagekampagne des Übernachtungsvermittlers eignen: "I was thinking to myself: ,This could be heaven or this could be hell.‘" Wem ist es noch nicht so ergangen, wenn er spät abends in dubiosen, aber irgendwie interessanten Vierteln geklingelt hat? Elegant auch der Hinweis auf die Airbnb-Strategie, die Nutzer durch clevere Registrierungs- und Personalisierungsfunktionen fest an das Portal zu binden: "You can check out any time you like, but you can never leave."

 

21.

Fehlfarben: Ein Jahr (Es geht voran) (1980)

"Keine Atempause, Geschichte wird gemacht": Genauso klingt der Soundtrack für die trotzige Imagekampagne, die der Berliner Flughafen so dringend braucht. Inkompetenz und Chaos waren gestern, jetzt geht’s voran! (Interner Ve rmerk für Agenturbriefi ng: Auf keinen Fall zur Liedzeile "Graue B-Film-Helden regieren bald die We lt" unseren Vo rsitzenden der Geschäft sführung, Hr. Prof. Dr. Daldrup, einblenden!).

22.

Gunter Gabriel: Hey Boss, ich brauch mehr Geld (1974)

Dass die Gewerkschaften heute über Nachwuchsmangel klagen, liegt auch daran, dass die klare Botschaft nicht mehr erkennbar ist. Betriebliche Mitbestimmung, Ausbildungsplätze für Geflüchtete, "Darf mein Chef mich im Urlaub anrufen?" – das ist alles gut und schön. Aber am Ende geht’s doch um mehr Kohle, also bitte gleich den Klartext vom guten alten Gunter, Gott hab’ ihn selig.

23.

Roland Kaiser: Manchmal möchte ich schon mit dir … (1982)

"… eine Nacht das Wort ,Begehren‘ buchstabieren" – so der Originaltext, mit dem der Großmeister des deutschen Schlagers zahllosen Männern aus der Seele spricht: Auch sie möchten das, aber es klappt nicht, weil sie zu den 2 Millionen Analphabeten in Deutschland gehören. Passt für eine Aufklärungskampagne der Stiftung Lesen.

24.

Willy Schneider: Schütt‘ die Sorgen in ein Gläschen Wein (1953)

Der Schlagersänger mit dem markanten Bassbariton ist im Nachhinein häufig für dieses Lied kritisiert worden: Es verharmlose den Alkoholkonsum, heißt es. Das alles mag sein. Aber mal ehrlich: Die traditionelle Wein-Werbung läuft doch langsam aus dem Ruder – wer kann die ganzen Rebsorten und Anbaugebiete noch auseinanderhalten? Gleichzeitig ist Burn-out zur Volksseuche geworden, und diese Leute wollen endlich LÖSUNGEN! So what?

25.

Status Quo: In The Army Now (1986)

Die Bundeswehr ist mit ihrer Reality-Doku "Die Rekruten" auf Youtube ziemlich gut gefahren. Aber irgendwie fehlt das Emotionale, die große Hymne. Die Quo haben sie geliefert: "You’ll be the hero of the neighbourhood, counting the days till back for good." Feinsinnigere Alternative: "I Love A Man In A Uniform" von Gang Of Four (1982).

 

26.

Rammstein: Du riechst so gut (1995)

Geruch bekommt bei Rammstein etwas Archaisches: "Ein blindes Kind, das vorwärts kriecht, weil es seine Mutter riecht." Die klassischen Parfümhersteller aus der Pariser Chi-Chi-Welt können damit natürlich nichts anfangen – aber vielleicht die Bio-Fraktion?

27.

Abba: The Winner Takes It All (1980)

Ohne es zu ahnen, haben Björn und Benny den idealen Song für eine Corporate-Kampagne von Amazon geschrieben. Im bewegenden TV-Spot fährt die Kamera durch verwaiste Einkaufszentren und schwenkt dann auf Straßen, in denen sich die Lieferwagen der Paketdienste stauen. Dazu erklingt der bekannte und beliebte Slogan der Plattformökonomie, intoniert von Jeff Bezos. Funktioniert auch gut für die Investor Relations: Die steigen noch weiter, die Amazon-Aktien! So muss Werbung.

28.

Bruce Springsteen: Blinded By The Light (1973)

Der Spot sieht in etwa so aus: Eine große Gruppe versammelt sich, um die absolute Sonnenfinsternis zu betrachten. Alle tragen eine Ray-Ban-Sonnenbrille, bis auf den Rapper Joey Bada$$, der dies tatsächlich 2017 beim besagten Event unterließ und Sehstörungen davontrug. Der Song von Bruce Springsteen erklingt, unser Testimonial Joey Bada$$ wird geblendet, sinkt in die Knie und stößt mit letzter Kraft hervor: "I may be blind, but I have ears to hear, and I prefer the Manfred Mann version."

29.

Morrissey: The More You Ignore Me, The Closer I Get (1994)

Noch mal Morrissey: Seine herzzerreißende Stalker-Hymne eignet sich prima, wenn es um Werbung für Retargeting- Dienstleister geht: Zeig ihm den Weber-Grill, bis er mürbe wird. Irgendwann hat noch jeder geklickt.

30.

Smiths: There Is A Light That Never Goes Out (1986)

Glühbirnen kauft man nicht nach rationalen Gesichtspunkten, das ist bekannt. Entscheidend ist, was bei der Marke mitschwingt. Philips, Osram oder Lumaro stehen für völlig unterschiedliche Arten, die Welt zu sehen. Deshalb ist es so wichtig, in der We rbung emotionale Id entifi kationspunkte anzubieten. Und genau das bieten die Smit hs, die in den 80er Jahren so viele junge Männer vorm Selbstmord gerettet haben. Te xt passt zur Aussage Langlebigkeit, also alles paletti.

31.

S.Y.P.H.: Zurück zum Beton (1980)

Hinter dem Kürzel VDZ verbirgt sich nicht nur der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, sondern auch der Verein Deutscher Zementwerke. Weil das kaum jemand weiß, muss der "andere" VDZ endlich mal aus der Deckung und für seinen Baustoff werben. Das Lied dazu, der ruppige Neue-Welle-Klassiker von S.Y.P.H., ist schon mal gesetzt.

32.

Ringo Starr: It Don’t Come Easy (1971)

Als dieses mutige Lied herauskam, galt Verstopfung noch als Tabuthema. Heute ist überhaupt nichts mehr dabei, und Ringo würde sich ausgezeichnet als betroffener "Elder Statesman" in der Werbung für Abführmittel machen: "Wissen Sie, wenn eine Band auftritt, dann hüpfen die Sänger, Gitarristen und Bassisten pausenlos herum und machen Faxen. Der Drummer aber, der sitzt die ganze Zeit hinter seiner Schießbude. Sitzt und sitzt."

 

33.

Kolibris: Die Hände zum Himmel (1998)

Wer kennt das nicht: Die Party oder das Konzert läuft schon seit Stunden, und irgendwann heißt es "Jetzt alle mitklatschen!", und dann müffelt’s. Durch das rhythmische Klatschen und die entsprechende Bewegung der Arme wird der Schweißgeruch wie mit einem Blasebalg immer aufs Neue in die Umgebung gepustet. Ideale Szenerie für Deodorant-Werbung. Selbstläufer, versteht jeder, braucht jeder, kauft jeder.

34.

Rockwell: Somebody’s Watching Me (1983)

Rockwell hieß eigentlich Kennedy William Gordy und war der Sohn von Berry Gordy, Gründer des Motown-Labels, das Leute wie Diana Ross, Stevie Wonder, Marvin Gaye und Michael Jackson groß gemacht hat. Tut aber nichts zur Sache. Viel wichtiger ist, dass Rockwell das kongeniale Lied für alle Anbieter von Smart-Home-Systemen gesungen hat. Clever produziert, tanzbar, macht Lust auf Überwachung.

35.

Kraftwerk: Autobahn (1974)

Spätestens 2021 sollen ausländische Autofahrer Maut bezahlen, wenn sie die deutschen Autobahnen benutzen. Das kann zu Reaktanzen führen, man weicht womöglich auf Bundesstraßen aus oder nimmt gleich die Bahn. Daher ist es sinnvoll, schon im Vorfeld mit einer großen Kampagne auf die Vorzüge unserer schönen Autobahnen aufmerksam zu machen: "Die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand." Kraftwerk kann das so schön auf den Punkt bringen.
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