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"Wir werden für viel zu selbstverständlich gehalten"

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"Mit Blick auf das kommende Winterhalbjahr fordert die gesamte Messewirtschaft nun von der Politik: Es darf keine weitere Eiszeit für Messen geben", sagt der Auma-Vorsitzende Philip Harting.
© Auma
"Mit Blick auf das kommende Winterhalbjahr fordert die gesamte Messewirtschaft nun von der Politik: Es darf keine weitere Eiszeit für Messen geben", sagt der Auma-Vorsitzende Philip Harting.
Den Restart der Branche nutzt der Verband der deutschen Messewirtschaft Auma, sich deutlicher zu positionieren. Der Vorsitzende Philip Harting über den neuen Kurs, mehr Sichtbarkeit und die Bedeutung des #MesseMonatMai.
Den Auma gibt es jetzt seit 115 Jahren. Seit 1. Mai laufen zum ersten Mal bundesweite Aktionen, die auf die Bedeutung der Messewirtschaft hinweisen. Weshalb erst jetzt? Anders gefragt: Warum gerade jetzt?

Weil wir in der Messewirtschaft nach geradezu erfolgsverwöhnten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, die wohl am stärksten betroffene Branche der zurückliegenden zwei Jahre Corona-Pandemie sind. Pauschale Messeverbote haben Messeplätze, Veranstalter von Messen oder Gewerke wie den Messebau vollkommen unverschuldet an den Rand der Existenz gebracht. Zu unseren Lebzeiten hat es nie einen vergleichbaren Stillstand gegeben. Wir waren zwei Jahre überaus solidarisch. Mit Blick auf das kommende Winterhalbjahr fordert die gesamte Messewirtschaft nun von der Politik: Es darf keine weitere Eiszeit für Messen geben. Nach dem politischen Scheitern einer Impfpflicht erwarten wir kluge, vorausschauende und ausgleichende Konzepte, wie die Messewirtschaft stabil durch das kommende Winterhalbjahr kommt. Das Möglichmachen, nicht das Verbieten muss Kern des politischen Handelns sein. Dafür braucht es auch die Sichtbarkeit und Stärke einer ganzen Branche.“

Ein weiteres Ziel der Aktion MesseMonatMai ist es, das Wir-Gefühl zu stärken. Wer ist „Wir“ in der facettenreichen Branche?

In der Tat, der MesseMonatMai ist auch ein Stück weit Selbstvergewisserung. Der Not-Stopp, die Kurzarbeit, und teilweise auch Entlassungen haben viel mit unseren hoch motivierten Leuten, mit unseren engagierten Teams gemacht. Wir waren immer da, wir werden für viel zu selbstverständlich gehalten. Aber vieles ist in dieser Qualität und diesem Können kaum für andere machbar. Messeprofis sind Problemlöser und Möglichmacherinnen. Ein gutes Beispiel für das Wir sind in diesem MesseMonatMai die gemeinsamen Aktionen der vier großen Messeplätze in Nordrhein-Westfalen. Das ist gut so, denn die Corona-Verordnungen wurden für alle vier vor allem in NRW geschrieben. Wir, das sind auch die Messebauer, die innerhalb der Branche besonders stark gelitten haben. Wir, das sind die Veranstalter, die wiederum anders leiden mussten als die Betreiber von Geländen. Und nicht zuletzt sind das auch die Aussteller und Fachbesucher, denen ihre Treffpunkte fast zwei Jahre gefehlt haben. Jede Lage war und ist eine andere, und doch war und ist sie bei allen ähnlich.

Sie sagen, Sie wollen „mehr Sichtbarkeit“ für die Branche haben? War sie bislang unsichtbar?

Jede Messe selbst strahlt sehr hell an ihrem Standort. Jeder Ausrichter ist groß in der jeweiligen Branche. Dass die Messewirtschaft als Ganzes lange eine nachgeordnete Rolle gespielt hat ist da nachvollziehbar. Und vergessen wir nicht: Hier sind auch Wettbewerber zugange. Aber die Zeiten haben sich geändert. Wir haben im Moment deutlich bessere Chancen, als Team Messedeutschland wahrgenommen zu werden.

Wen adressieren Sie mit der Kampagne?

Adressat ist die Politik. Sie muss besser verstehen: An uns hängt viel. Die Messe ist als Treffpunkt für Gestalter und als Schaufenster für Innovationen unverzichtbar. Wenn ich nur an das groß diskutierte Thema Energiesicherheit dieser Tage denke: Allein in diesem Jahr gibt es in Deutschland rund 20 Messen, die sich mit Energiethemen, Klima und Umweltschutz befassen. Fachleute treffen sich dort, Theorie und Praxis kommen zusammen, national wie international. Dort wird die beste Idee auf Marktreife getestet, man findet Geschäftspartner, Anschluss, Verbesserer. Wenn Politik Messen nicht möglich macht, verschenkt sie einen guten Teil der Lösung eines Problems. Wir heben diese wichtigen gesellschaftlichen Themen auf Messen im Messemonat hervor: Neben Energie werden Gesundheit, Digitalisierung, Ernährung und Bauen eine Hauptrolle bekommen.

Die Wirtschaft braucht Messen, lautet eines Ihrer Zitate. Was macht Sie da so sicher? In der Zeit, in der Messen wegen Corona verboten waren, ist der Export nicht eingebrochen…

…weil auf Messen Jahre und Jahrzehnte zuvor ein gutes Fundament gelegt worden ist, möchte ich fast sagen. Aber der Export hat gelitten: Mehr als jedem zweiten auslandsaktiven Unternehmen fehlen Messen, hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag in einer aktuellen Umfrage erhoben. Bald 60 Prozent sind besonders belastet. Und das Institut der deutschen Wirtschaft sekundierte zu Jahresbeginn, dass 350 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verloren gegangen sind seit Beginn der Pandemie. Ich will die Bedeutung von Messen hier nicht überbetonen, aber in dieser Pandemie wird viel von der Substanz gelebt, teilweise wird sie aufgezehrt. Bereits stabile Geschäftsbeziehungen, ein geschaffenes Grundvertrauen, ein gutes Miteinander halten auch mal eine Auszeit aus. Neue Ideen schaffen aber oft nicht den Weg in den Markt und zu Partnern, von denen ich gar nicht weiß, dass es sie in meiner Branche überhaupt gibt. Wirklich Neues entsteht kaum mit Beschränkungen aller Art, im kleinstmöglichen Zirkel, im Homeoffice. Das entsteht erst mit Weite und wenn alle fünf Sinne gefordert werden – wie es die Leipziger Messe in diesem Messemonat so schön beschreibt.

Inwieweit beziehen Sie die ausstellenden Unternehmen in Ihre Kampagne mit ein?

Es ist eine Aktion für einen Monat, ich würde nicht von Kampagne sprechen. Wir arbeiten hier kaum mit Budgets, sondern vor allem mit Bordmitteln, mit dem Herzblut und der Kreativität aller Kolleginnen und Kollegen in der Kommunikation, im Marketing, in den Social Media-Teams. Wir schauen, was geht. Wir probieren jetzt gemeinsam viel aus. Wir bauen vor für den Winter. Unser Adressat ist die Politik, die erst einmal möglich machen muss.

Eine Kernaussage der jetzigen Aktion ist „an uns hängt viel“. Wie untermauern Sie die?

An der deutschen Messewirtschaft hängen bis zu 230.000 Jobs, 165.000 davon waren von Kurzarbeit betroffen. Hier wirbeln Vollprofis, die still, aber effektiv, Notunterkünfte für geflüchtete Menschen herrichten, die Impf- und Testzentren aufbauen, die große Veranstaltungen wie kaum andere managen können. Neben Veranstaltern und dem Messebau zählen vor allem die Hotellerie und Gastronomie, Handwerk, Dienstleistungen und Logistik, Transport, Handel sowie die Werbe- und Kreativwirtschaft zu den an uns hängenden Branchen. Taxi- oder Uber-Fahrer leben von Messegästen. Beispiel Stuttgart: Ich habe gerade gelernt, dass allein dort drei Messen 600 von den insgesamt 780 Taxis am Laufen gehalten haben. Das alles gilt ebenso für Restaurants, die zahllose Geschäftsessen ausrichten, Hotels, die Deutsche Bahn und so weiter und so fort. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Messeabsagen beträgt allein für 2022 schon wieder acht Milliarden Euro – im ersten Quartal fanden erneut so gut wie keine Messen statt. 55 Milliarden Schaden verzeichnen wir seit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020. Was ist da alles verloren gegangen? Oder gar nicht erst entstanden? Vor der Pandemie trug die deutsche Messewirtschaft jährlich mit rund 28 Milliarden Euro zum gesamtwirtschaftlichen Plus bei. Bund, Ländern und Kommunen sind seit Beginn der Pandemie übrigens fast neun Milliarden Euro Steuern durch Messeverbote entgangen.

Ist bekannt, wieviel Geld internationale Aussteller für ihre Präsentationen in Deutschland im Schnitt investieren?

Wir wissen, dass ausländische Aussteller und Besucher in der Regel länger bleiben und pro Person mehr ausgeben. Der Schweizer, der einen Tag nach Friedrichshafen zur Messe fährt, hat aber andere Ausgaben als die japanische Besucherin, die für fünf Tage auf eine Messe nach Deutschland kommt. Durchschnittswerte helfen hier wenig. Wir wissen aber aus Untersuchungen, dass vor Corona ein Großteil des Wachstums der deutschen Messen auf ausländische Aussteller und Besucher zurückzuführen war.

Messen und Politik sind intensiv verwoben. Viele Messeveranstalter und -Gelände sind in öffentlich-rechtlicher Hand, gehören Städten und Bundesländern. Zudem kommt keine Messe aus ohne Grußworte aus der Politik, Eröffnungen und Rundgänge sind beliebte Fototermine. Die Hannover Messe wird traditionell von Bundeskanzler:innen eröffnet: Müssen Sie wirklich die Bedeutung der Messewirtschaft der Politik erörtern?

Müssen wir. Das müssen Städte und Gemeinden im Ringen um Steuergeld mit den Ländern und dem Bund, das muss der Breitensport im Ringen um Bedeutung mit dem Profisport, das muss die Chemische Industrie im Ringen um gesicherte Energieversorgung, wenn von Gas- und Ölversorgung dieser Tage die Rede ist – kurzum: Man ist gut beraten, immer wieder seine Bedeutung zu erklären und sich bloß nicht auszuruhen. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, man sollte nichts für selbstverständlich erachten. Und daher sind wir zuerst in der Pflicht, uns und unser Tun besser und immer wieder zu erklären.

Wo kann die Politik mehr für das hiesige Messebusiness tun: im Inland und im Ausland?

Ich teile die Auffassung des Hamburger Ökonomen Thomas Straubhaar: Die deutsche Politik sollte sich mehr denn je darauf fokussieren, Rahmenbedingungen zu stabilisieren, Sicherheit bei der Planung zu geben und nicht kurzfristig und hektisch zugleich an allen Stellschrauben gleichermaßen zu drehen. Politik muss Unsicherheit so weit möglich bekämpfen und Strukturen stabilisieren. Damit wäre unserer Branche sehr viel geholfen. Planungssicherheit ist ein rares Gut geworden. Diese Sicherheit würde uns aber enorm helfen. Und das liegt hier in den Händen der Bundes- und Landespolitik: Messen einfach möglich machen. Zuletzt war Unmöglichmachen die Devise. Drei Corona-Verordnungen binnen 48 Stunden sind keine Geschäftsgrundlage für Entscheider in der Wirtschaft. Da mag Messe theoretisch noch möglich sein, faktisch wurde uns damit der Teppich unter den Füßen weggezogen. Von der Verunsicherung bei Ausstellern oder Besuchern, ob sich die Teilnahme an einer Messe unter diesen Bedingungen wirklich noch lohnt will ich gar nicht sprechen.

Welche konkreten Erwartungen/Forderungen haben Sie das politische Berlin?

Kapazitätsbeschränkungen für Messen oder gar Messeverbote darf es nicht mehr geben. Messen sind sicher machbar, sie müssen jederzeit möglich sein. Frankreich, Spanien und Italien haben uns das eindrucksvoll vorgemacht. Gerade die kleinen und mittelständischen Unternehmen brauchen Messen als Treffpunkt für ihre Geschäfte. Politik muss für Planungssicherheit sorgen und nicht für einen immer höheren Grad an Unsicherheit. Unternehmen investieren nur dann in ihre Messebeteiligung, wenn Politik einen stabilen Rahmen liefert.

Was bedeutet das für den Verband, dem Sie vorstehen: Wird auch der politischer werden?

Verbände sind per se politisch. Ein Verband ist ja kein Selbstzweck, sondern eine aktive Organisation für seine Mitglieder und Sprachrohr für den Bedarf einer Branche, gerade gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit. Aber ja, wir adressieren in unserer Arbeit viel stärker, viel gezielter, viel intensiver die Politik in Bund und Ländern. Wir werden viel öfter von politischen Entscheidern angesprochen, eingeladen, um Expertise gebeten. Wir sind aber in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Wir müssen dabei besser sein – nicht lauter - als die anderen, wenn wir verstanden werden wollen.

Ansonsten macht der Auma doch eher locker mit Aktionen wie „frag mich alles über Messen“ …

Finden Sie? Wir probieren im Moment viel aus. Ich würde sagen, ein guter Anfang ist gemacht.

Die wichtigste Lektion, die Sie respektive der Verband in der Corona-Krise gelernt haben?

Flexibilität ist wichtiger denn je. Die Anforderungen ändern sich immer schneller. Wir leben in einer Welt mit ständig wechselnden Herausforderungen: Auf Veränderungen müssen wir alle schneller reagieren. Das müssen wir als Branche schaffen; Unternehmer können das.

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