Messe Sindelfingen

Messemacher verkaufen ihre Halle

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Die Messe Sindelfingen schließt ihre Halle, die Veranstaltungen finden künftig in anderen Locations statt.
© Messe Sindelfingen
Die Messe Sindelfingen schließt ihre Halle, die Veranstaltungen finden künftig in anderen Locations statt.
Sie war Keimzelle für viele internationale Messen: In Sindelfingen starteten etwa die Euroguss, die SPS IPC Drives oder die Motek. Ende März wird die Halle geschlossen.

Nach bald 50 Jahren geht damit eine Ära zu Ende. Im Jahr 1973 hatte der Unternehmer Gustel Hohenstein die Messe Sindelfingen gegründet und damit den Grundstein für die Erfolgsgeschichte gelegt. Was die mit 8.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche nicht unbedingt große, aber erfolgreiche Messe Sindelfingen zu etwas Besonderem in der deutschen Messelandschaft machte: Sie wird komplett privat geführt.


Die Publikumsmessen erwiesen sich als Renner. Formate wie die Internationale Briefmarken-Börse Sindelfingen oder die Fisch & Reptil avancierten zu den führenden Veranstaltungen in Deutschland, mit der Etablierung der Haus & Energie bewiesen die findigen Messemacher schon in den 1980er-Jahren einen sicheren Instinkt für die Themen der Zukunft. Neben Messen wie SPS, Motek oder Euroguss hatten auch die SMT, Control oder Ident & Vision hier ihre Kinderstube und entwickelten sich an größeren Standorten erfolgreich weiter.

Mit Auftritten von Deep Purple, Frank Zappa, Dire Straits, Udo Lindenberg und anderen Größen der Pop- und Rockgeschichte schrieb die Messe Sindelfingen von den 1970ern bis in die 1990er-Jahre auch als Konzerthalle regionale Eventgeschichte. Lukrativ war diese Entwicklung auch für die Stadt und die Region: Die Besucherzahlen gingen stets auch mit einem hohen Aufkommen an Hotel- und Gastronomiebuchungen sowie Einkaufsvolumen einher. Geschäftsführer Ralph Hohenstein: „Das bedeutete einen jährlichen Ertrag für die Stadt von 14 Millionen Euro.“
„Die Musik spielt weiter, aber auf anderen Bühnen.“
Ralph Hohenstein, Geschäftsführer Messe Sindelfingen
Doch nicht nur Corona bedeutete einen Schlag ins Geschäft. Was aktuell zu Problemen führt, sind bauliche Veränderungen der A81 und der damit einhergehenden Infrastruktur. Co-Geschäftsführer Philipp Lauinger: „Der geplante Autobahnanschluss und das zu erwartende wesentlich höhere Verkehrsaufkommen haben bereits heute zur Folge, dass wir keine Warteschleife für LKWs mehr zur Verfügung haben, sondern ein absolutes Halteverbot! Diese Warteschleife ist aber unverzichtbar, wenn man eine Verstopfung der Sackgasse Schwertstraße vermeiden und einen geordneten Auf- und Abbau der einzelnen Messen gewährleisten will.“ Dazu kommt eine geplante Erneuerung eines Umspannwerkes die ohnehin angespannte Parkplatzsituation weiter verschärfen würde. Hohenstein: „Last but not least ist geplant, unseren Sackgassen-Teil der Schwertstraße in eine Durchgangsstraße / Einbahnstraße umzuwandeln. Das hätte dann zur Folge, dass aus den derzeitigen wenigen hundert Fahrzeugen, die die Straße täglich passieren, mehrere tausend werden. Unter diesen Umständen ist eine störungsfreie Be- und Entladetätigkeit vor der Messe nicht mehr zu gewährleisten. Das Chaos wäre vorprogrammiert – und damit Schlagzeilen, die wir nicht brauchen.“

Dazu kommt, dass die Halle fast fünfzig Jahre alt wird. Seit über drei Jahren habe er versucht, „mit meiner Vision einer neuen Messe mit etwa 10.000 Quadratmetern auf dem Flugfeld bei der Stadtverwaltung Sindelfingen und anderen Behörden Gehör zu finden. Letztendlich leider mit sehr wenig Erfolg“, so Hohenstein. Die Reaktion der Geschäftsführung: Sie verkaufte ihre Messehalle an das Unternehmen Space Plus – und ist nunmehr „nur noch“ Veranstalter. „Die Musik spielt weiter, aber auf anderen Bühnen“, betont Ralph Hohenstein. Die Messe Sindelfingen, so der Plan, wird weiterhin Publikumsmessen veranstalten, aber nicht mehr in Sindelfingen.

Zunächst wird die Halle noch als Kreisimpfstützpunkt (KIS) zur Verfügung stehen – es folgen noch drei Messen im März 2022, danach werden ihre Tore geschlossen.

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