Interview zu Nachhaltigkeit

"Eine nachhaltig gestaltete Ausstellung zahlt sich wirtschaftlich aus"

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© Simon Hofmann
Wie die grüne Transformation in Messebau, Ausstellungsrealisierung und Event-Design gelingen kann, dazu hat Simone Schiebold, geschäftsführende Gesellschafterin der Kommunikationsagentur Flad & Flad, einige Ideen. Welche, erklärt sie im Interview mit m+a.
Frau Schiebold, lassen Sie uns einen Blick auf die Nachhaltigkeit der Messewirtschaft werfen. Sie haben mehr als 10 Jahre Erfahrungen in der nachhaltigen Live-Kommunikation. Wie haben sich die Erwartungen und Ansprüche in dieser Zeit verändert? Erfreulicherweise haben wir in den letzten Jahren ein wachsendes Nachhaltigkeitsbewusstsein bei vielen Kunden gesehen. Die Live-Kommunikation wandelt sich vor diesem Hintergrund sowohl qualitativ als auch quantitativ – sprich für viele Unternehmen geht es nicht mehr darum, den größten und imposantesten Messestand zu haben oder jedes Jahr alles komplett neu zu produzieren.

Wie äußert sich das genau? Bei Messen, Roadshows und anderen Live-Events werden Formate nicht mehr nur singulär für einen konkreten Anlass angedacht. Immer häufiger arbeiten wir mit modularen Lösungen, die sowohl im Hinblick auf Größe und Inhalte als auch auf die Zielgruppe einfach anpassbar sind. Hierzu passt, dass viele Kunden bereit sind, beim Initialaufwand in qualitativ hochwertige beziehungsweise nachhaltige Materialen zu investieren, die dann drei bis vier Jahre oder sogar länger eingesetzt werden können. Das trägt dazu bei, nicht nur Ressourcen zu sparen, sondern über diese Zeitspanne auch die Kosten zu reduzieren. Nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft werden schon im Design Ressourcen so ausgewählt, dass möglichst wenig Abfall anfällt und die Produkte teilweise aus recyceltem Material bestehen und zu 100 Prozent wiederverwendet werden können. Auf diese Weise wird der Messestand selbst zum Statement für nachhaltiges Bewusstsein und Handeln eines Unternehmens.

Die Gesprächspartnerin

Simone Schiebold, geschäftsführende Gesellschafterin der Kommunikationsagentur Flad & Flad
© Flad & Flad
Simone Schiebold ist geschäftsführende Gesellschafterin der Kommunikationsagentur Flad & Flad. Die „Agentur für Zukunftsthemen“ beschäftigt sich mit Trends und Entwicklungen wie die digitale oder gesellschaftliche Transformation, Nachhaltigkeit und Klimawandel. Das Portfolio reicht von der strategischen und wissenschaftlichen Beratung bis zur kommunikativen Umsetzung. Seit 2021 ist die Agentur als klimaneutral zertifiziert.

Welche Faktoren schätzen Sie als zentral ein, damit ein Auftritt weitgehend CO2-neutral gestaltet werden kann? Gerade die letzten beiden – durch die Corona-Pandemie geprägten – Jahre haben drei wesentliche Veränderungen gezeigt. Ein Schlagwort lautet „Reduce to the Max“, sprich unabhängig von der Standgröße versuchen Unternehmen für Besucher und Besucherinnen ein maximal umfangreiches Erlebnis zu schaffen – und das möglichst ressourcenschonend. Hinzu kommt die schnelle Adaption digitaler Medien und Kommunikationsformate, die mit einer individuelleren und immersiveren Interaktion analoge Installationen ersetzen und zusätzlich auch eine Alternative zu Printprodukten darstellen können, die sonst auf Messeständen und Veranstaltungen teilweise „für die Tonne“ produziert wurden. Ein wesentlicher Gewinn aus kommunikativer Sicht ist auch die Umsetzung von Events als hybride Veranstaltungen, die sich nicht nur auf ein Streaming beschränken, sondern auf Basis einer klimaneutralen, digitalen Infrastruktur eine neue Qualität der Interaktion schaffen und somit einen physischen Messebesuch substituieren können. Wo früher eine Delegation von acht bis zehn Personen auf die Messe ging, sind heute nur noch die Hälfte vor Ort. Dennoch wächst insgesamt die Reichweite, wenn das Messeerlebnis mithilfe digitaler Möglichkeiten direkt ins Büro oder Homeoffice gebracht wird.

Lassen Sie uns etwas detailliert über eines der Projekte sprechen, das Sie seit der Eröffnung im Oktober 2019 begleiten: die Klima Arena in Sinsheim – eine Erlebnisausstellung für den Klimaschutz. Wie lässt sich eine Ausstellung über Nachhaltigkeit auch selbst nachhaltig im Sinne von ressourceneffizient realisieren? Bei der Ausstellungsentwicklung der Klima Arena in Sinsheim war es uns von Anfang an wichtig, die richtige Balance zwischen Erlebnischarakter, überzeugender Wissensvermittlung und ökologischer Nachhaltigkeit zu finden. Schon bei der Planung der Exponate hat sich gezeigt, dass sich diese drei Faktoren nicht ausschließen und sich eine nachhaltig gestaltete Ausstellung sogar wirtschaftlich auszahlen kann.

Wie genau gelingt das? Wo es sinnvoll war, haben wir etwa auf digitale Anwendungen gesetzt, um komplexe Inhalte zu bündeln und darüber hinaus Ausstellungsfläche zu sparen. Bei physischen Exponaten lag unser Fokus auf der Materialauswahl und Langlebigkeit. Wenn beispielsweise ein Monitor oder ein interaktives Exponat im Dauerbetrieb länger hält, reduziert sich der Wartungs- und Instandhaltungsaufwand – was langfristig sowohl Kosten spart als auch Ressourcen schont.

Ist mein Einkaufsverhalten klimafreundlich? Der Klima-Supermarkt weiß es
© Simon Hofmann
Ist mein Einkaufsverhalten klimafreundlich? Der Klima-Supermarkt weiß es
Welches Exponat haben Sie als letztes für die Klima Arena entwickelt – und was war bei der Konzeption und Umsetzung besonders wichtig, um nachhaltig und klimafreundlich zu agieren? Zuletzt haben wir die Erweiterung des bisherigen Klima-Supermarkts umgesetzt. Dabei handelt es sich um eine Interaktionsfläche, auf der Besucherinnen und Besucher selbst testen können, ob ihr eigenes Einkaufsverhalten klimafreundlich ist. Dabei berücksichtigen wir jetzt nicht mehr nur deren CO2-Fußabdruck, sondern geben zusätzlich auch Informationen zu weiteren Fußabdrücken, etwa zum Verbrauch der Ressourcen Wasser, Fläche und Phosphat. Und um auch hier ressourcenschonend zu agieren, haben wir uns für eine digitale Lösung entschieden, die durch die inhaltliche und didaktische Aufbereitung zur Interaktion einlädt. Wichtig ist aber, die Nachhaltigkeit einer Ausstellung nicht nur anhand ökologischer Maßstäbe zu bewerten. Entscheidend ist ebenso, dass die Menschen zum Reflektieren ihres eigenen Handelns angeregt werden und somit eine bleibende Veränderung im Bewusstsein und Denken einsetzt. Gleichzeitig arbeiten wir kontinuierlich daran, innovative Lösungen zu entwickeln, um in Zukunft noch mehr Ressourcen zu sparen, das Besuchererlebnis aber so eindrucksvoll wie möglich zu gestalten.

Wie wirkt sich das gesteigerte Nachhaltigkeitsbewusstsein auf Ihre aktuellen und zukünftigen Aufgaben konkret aus – sei es für die Klima Arena oder andere Kundenprojekte? In unseren Projekten spüren wir das wachsende Bewusstsein für ökologische Nachhaltigkeit immer öfter durch eine größere Nachfrage nach nachhaltigen und umweltfreundlichen Alternativen – vom Baumaterial über die Nutzung möglichst energieeffizienter und langlebiger Technik bis hin zur Auswahl der Werbemittel.

Wie reagieren Sie darauf? Im Laufe der letzten Jahre haben wir uns gemeinsam mit Nachhaltigkeitsexperten und -expertinnen aus Wissenschaft und Industrie viele Gedanken darüber gemacht, wie wir auf diesen Bedarf reagieren können. Das Ergebnis sind sogenannte „Green Options“, ein Maßnahmenpaket, mit dem unsere Kunden ihre Kommunikationsaktivitäten klimafreundlicher umsetzen können.

Sehen Sie das Thema Nachhaltigkeit damit ausgeschöpft? Nein, was künftig noch deutlich mehr in den Fokus rücken wird, ist die große Vielschichtigkeit bei der Interpretation des Themas Nachhaltigkeit, das heute häufig nur auf Umwelt- und Klimaschutz reduziert wird. Dabei hat etwa die UN in ihrer Agenda 2030 bereits 17 verschiedene Ziele für eine nachhaltige Entwicklung definiert, die nahezu jeden Bereich unseres Lebens in den Blick nehmen. Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit ernst nehmen, werden in Zukunft auch Faktoren wie Gleichstellung, Gesundheit, Lieferketten oder soziale Aspekte mitdenken müssen. Ein weiterer Bereich, in dem wir uns selbst mit verschiedenen Initiativen für öffentliche Auftraggeber stark engagieren und der insbesondere in Bezug auf den Fachkräftemangel immer bedeutender wird, ist die Bildung.

Was ist Ihre Einschätzung: Wie sieht für Sie die Zukunft der Live-Kommunikation aus? Natürlich steht das Thema Nachhaltigkeit ganz oben auf der Agenda. Dabei ist die Erkenntnis gereift, dass digitale Veranstaltungen nicht zwangsläufig ökologisch nachhaltiger sind und eine wirkliche Live-Experience – sei es für Marken oder Produkte – nicht vollständig ersetzen können. So wird sich künftig noch stärker die Frage nach dem klimaneutralen Messestand ergeben, verbunden mit der Verschmelzung realer, digitaler und hybrider Welten. ISO-Zertifizierungen von Agenturen und Dienstleistern im Bereich Nachhaltigkeit werden zunehmend wichtig, um als Partner in der Wertschöpfungskette mit Unternehmen zusammenzuarbeiten und Aufträge zu erhalten. Für die Umsetzung von Events gilt, dass die Technik künftig mehr als Mittel zum Zweck und seltener als Wow-Effekt dient. Viel wichtiger wird der Inhalt, dessen Inszenierung und die dramaturgische Umsetzung in LiveCom-Formaten. Denn mit der strategischen Neuaufstellung wurde in den Unternehmen deutlich, dass digitale und hybride Veranstaltungskonzepte viel mehr qualifizierten Content erfordern.
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