Existenznöte

"Es scheppert jeden Tag"

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© Messe Dortmund/OW
Mögen sich die Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft und das Forum Veranstaltungswirtschaft nicht immer grün sein, in ihren Forderungen und Sorgen sind sie es.

Es geht um die Zukunft der bunten Branche, bis vor der Coronakrise nach eigenen Angaben sechsgrößter Wirtschaftszweig. „Jetzt scheppert es jeden Tag. Es ist ein Wahnsinn, was wir an Stornierungsquoten sehen“, beschreibt Christian Eichenberger, Chef der Party Rent-Gruppe, die Auswirkungen der Forderung des Robert-Koch-Institutes, größere Veranstaltungen abzusagen. Auch sie bringe die Veranstaltungsbranche erneut in Existenznot. Verschärfte Pandemiemaßnahmen und die vierte Coronawelle führen zu massiven Absagen der Kultur- und Eventindustrie. Allein in den letzten fünf Tagen seien der Branche Umsatzverluste von über 97,9 Millionen Euro entstanden. „Wir sind seit 20 Monaten in der Vollkatastrophe.“


Nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts verzeichnete die Branche 2020 einen Umsatzeinbruch von 70 Prozent. Eichenberger schätzt, im laufenden Jahr werde es „wohl noch schlimmer“ werden. Mit dem aktuellen Zusammenbruch des Veranstaltungswesens in der bevorstehenden Hochsaison sind die Millionen Jobs und 240.000 Betriebe akut existenzgefährdet, machte er auf einer Pressekonferenz der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft am 16. November deutlich. Die Branche beschäftigte vor der Krise etwa 1,9 Millionen Menschen, nunmehr schätzt er die Zahl auf 1,1 Millionen. Wegen der brachliegenden Geschäfte seit dem Frühjahr 2020 hätten viele Mitarbeiter und Hilfskräfte die Branche verlassen. Er forderte die geschäftsführende Bundesregierung auf, die Hilfsprogramme für die Veranstaltungswirtschaft bis Sommer 2022 zu verlängern. Den Appell richtete er ebenfalls an die an den Koalitionsverhandlungen Beteiligten. Denn aktuell laufen die Unterstützungsmaßnahmen zum Jahreswechsel oder im Frühling aus. „Das wird Deutschlands Weltspitzenbranche nicht überstehen“, so Eichenberger.
„Es ist ein Wahnsinn, was wir an Stornierungsquoten sehen.“
Christian Eichenberger, CEO Party Rent-Gruppe
Es gebe einen Ausfallfonds für Messen, nicht aber einen für wirtschaftsbezogene Veranstaltungen wie Hauptversammlungen, Produktpräsentationen, Tagungen oder andere. Auch das müsse sich ändern. Auch verwahrte er sich gegen das Vorurteil, Veranstaltungen seien per se Superspreader-Events. „Wir brauchen kein Stigma, sondern Vertrauen“, warb er für eine differenzierte Betrachtungsweise. „Wir tragen alle Maßnahmen mit, verlangen dafür aber auch entsprechende Hilfen.“

Die Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft stehen vor demselben Dilemma wie vor einem Jahr, sekundiert das Forum Veranstaltungswirtschaft: Wieder sollen pauschal alle Veranstaltungen untersagt oder nur mit Kapazitätsbegrenzungen stattfinden. Timo Feuerbach, Geschäftsführer des EVVC: „Durch unverhältnismäßige Einschränkungen droht nicht nur enormer wirtschaftlicher Schaden. Über eine Million Erwerbstätige verlieren wieder jegliche Perspektive. Der Branche gehen mehr und mehr gut ausgebildete Arbeitskräfte verloren. Davor darf die Politik nicht die Augen verschließen.”
„Über eine Million Erwerbstätige verlieren wieder jegliche Perspektive.“
Timo Feuerbach, Geschäftsführer EVVC
Beide Organisationen fordern unverzügliche Treffen der geschäftsführenden Bundesregierung sowie der zukünftigen Ampel-Koalition mit Vertretern des Wirtschaftszweiges. Schnelle und konkrete verhältnismäßige Maßnahmen müssten umgehend erörtert werden. Dazu gehörte nicht nur die Ausweitung von flächendeckenden kostenlosen Schnelltests oder Veranstaltungen mit 2G und Schnelltest ohne Kapazitätsbeschränkung, sondern auch die Verlängerung aller Hilfsprogramme der ÜH3-Plus inklusive Neustarthilfe plus und 100 Prozent Kurzarbeitergeld bis Juli 2022. Im Forum Veranstaltungswirtschaft zusammengeschlossen sind der BDKV (Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft), der EVVC (Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren), der Fama (Fachverband Messen und Ausstellungen), die ISDV (Interessengemeinschaft der selbständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister in der Veranstaltungswirtschaft), der Livekomm (Verband der Musikspielstätten in Deutschland) und der VPLT (Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik).

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