Branche retten

Habeck soll 10-Punkte-Plan umsetzen

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Die Veranstaltungswirtschaft erwartet einheitliche Kriterien für eine bundesweite Öffnungsperspektive.
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Die Veranstaltungswirtschaft erwartet einheitliche Kriterien für eine bundesweite Öffnungsperspektive.
Für die Veranstaltungswirtschaft ist und bleibt die aktuelle Lage verheerend. Auch wenn Messen und Veranstaltungen in einigen Bundesländern mit 2G- oder 2Gplus-Regeln möglich sind: Aussteller und Besucher bleiben aus.

Nach den Hoffnungsmonaten September und Oktober sehen sich die in der Messe- und Veranstaltungswirtschaft Tätigen, vor allem kleine und privaten Betriebe oder Solo-Selbstständige – ohne Perspektive: Ihnen fehlt Vertrauen, Planungssicherheit und damit nach wie vor die wirtschaftliche Grundlage. Erneute Verschiebungen und Absagen von Messen und Events treffen die schwer gebeutelte Branche und werden wohl vielen Betrieben (endgültig) das beruflich existenzielle Genick brechen.


Dass die Not groß ist, untermauert das Münchner Ifo Institut für Wirtschaftsforschung. Der Geschäftsklimaindex der Veranstaltungsbranche sank von minus 2,2 Punkten im Oktober 2021 auf minus 26 Punkte im November. Klaus Wohlrabe, stellvertretender Leiter des Instituts: „Bis Oktober gab es noch Hoffnung auf Besserung. Diese ist im November verschwunden.” Und, fügte er bei einer Pressekonferenz des Forums Veranstaltungswirtschaft hinzu: „Die Zahlen werden im Dezember wohl noch dramatisch schlechter ausfallen.“ Zum Vergleich: Andere Wirtschaftszeige sind deutlich optimistischer und sortieren sich bei plus 11 ein. Lediglich zwei weitere Branchen blicken sehr skeptisch nach vorne: die Reise- und Tourismusbranche. Keine Messen und Veranstaltungen, keine Reisen und Übernachtungen. An der Veranstaltungswirtschaft hängt viel. Veranstaltungen sind nicht nur ein großer Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft.

Mit einem Umsatz von etwa 81 Milliarden Euro und etwa 1,13 Millionen Erwerbstätigen bildet die Branche nach eigenen Angaben den sechsgrößten Wirtschaftszweig in Deutschland (vor Corona). Er umfasst neben dem öffentlichkeitswirksamen Kulturveranstaltungsbereich auch die Veranstaltungsunternehmen der Messe-, Kongress- und Tagungswirtschaft, die Betreiber von Veranstaltungshäusern und Musikclubs, Agenturen und Künstlervermittler bis hin zum Schaustellergewerbe sowie rund 243.000 vor allem im Dienstleistungsbereich tätige Solo-Selbständige.
Seit Ausbruch der Coronapandemie im März 2020 herrscht quasi Lockdown, wie in kaum einer anderen Branche sind Gewinne weggebrochen. Für sie gab es keinen „Out of Home“-Markt und keine Übernachtungen für Geschäftsreisende. Das Fachpersonal wandert ab und sucht sich neue Aufgaben. „Die Lage ist mehr als angespannt nach 22 Monaten Corona“, beschreibt Timo Feuerbach, Geschäftsführer Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren (EVVC), die Situation. „Die Veranstaltungswirtschaft gehöre zu den von Corona am schwersten betroffenen Wirtschaftszweigen. „Umsatzeinbrüche von 75 bis 90 Prozent sind keine Seltenheit“, so Feuerbach. Auch wenn vereinzelt immer wieder kleinere Veranstaltungen durchgeführt werden konnten, waren diese mit Kapazitätsbeschränkungen und erheblichem zusätzlichem Personalaufwand sowie auch aufgrund der vom Publikum erwarteten Infektionsschutzmaßnahmen wirtschaftlich bedeutungslos.
„Wir brauchen dringend einen ‚Marshall-Plan‘ für die Veranstaltungswirtschaft, wenn unserer mittelfristig so gebeutelten Branche wieder auf die Beine geholfen werden soll.“
Axel Ballreich, Vorsitzender Livekomm
Vor allem die Perspektivlosigkeit macht der Branche zu schaffen. Sie fordert einen praxisorientierten Sonderbeauftragten in der neuen Bundesregierung im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, der für sie ein offenes Ohr hat und vermitteln kann – und vom jetzigen Wirtschaftsminister Robert Habeck die Umsetzung seines 10-Punkte-Plans zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft, den er vor über einem Jahr vorgelegt hat. „Nun ist er in der Position, den Plan in die Tat umzusetzen“, betonte Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV).

Die Branche habe bis heute nur aufgrund der Corona-Fördermaßnahmen des Bundes überleben können. „Diese sind zwar beachtlich und in Europa sicher auch einmalig“, so Michow. Axel Ballreich, Erster Vorsitzender der Live Musik Kommission, des Verbands der Musikspielstätten in Deutschland (Livekomm) fordert „dringend einen ‚Marshall-Plan‘ für die Veranstaltungswirtschaft, wenn unserer mittelfristig so gebeutelten Branche wieder auf die Beine geholfen werden soll.“ Und Michow ergänzt: „Da das Corona-Virus sich nicht einfach in Luft auflösen wird, brauchen wir endlich nachvollziehbare einheitliche Kriterien für eine bundesweite Öffnungsperspektive.“

Zum Forum Veranstaltungswirtschaft haben sich sechs maßgeblicher Verbände zusammengeschlossen, um ihre Kompetenzen und Netzwerke zu bündeln, um bessere Lobbyarbeit betreiben zu können. Mit dabei sind der BDKV (Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft), der EVVC (Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren), der Fama (Fachverband Messen und Ausstellungen), die ISDV (Interessengemeinschaft der selbständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister in der Veranstaltungswirtschaft), der Livekomm (Verband der Musikspielstätten in Deutschland) und der VPLT (Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik)

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