Werbewirtschaft

Wie kreative Freelancer mit der Corona-Krise umgehen

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Blicken mit sehr gemischten Gefühlen in die Zukunft: Kreative Freelancer wie Jana Mohr, Sönke Busch, Cathrin Florenz und Stephan Ganser (v.l.n.r.)
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Blicken mit sehr gemischten Gefühlen in die Zukunft: Kreative Freelancer wie Jana Mohr, Sönke Busch, Cathrin Florenz und Stephan Ganser (v.l.n.r.)
Sie sind ein wichtiges Rädchen im Getriebe der Werbewirtschaft. Ohne die Erfahrensten unter ihnen könnten viele große Pitches nicht stattfinden. Sie springen als mobile Einsatzgruppe ein, wenn es eng wird. Sie geben wichtige Impulse von außen, können schnell reagieren und sind flexibel einsetzbar: die Freelancer.
In der jüngeren Vergangenheit gab es etliche Artikel, die den Freien eine rosige Zukunft prophezeiten. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kam 2016 sogar zu dem Schluss, dass die Selbstständigkeit bis zum Jahr 2030 die häufigste Beschäftigungsform sein wird. Was sämtliche New-Work-Prognosen allerdings nicht einkalkuliert haben, ist ein global wütender Virus, der drauf und dran ist, die Freelancer zu einer Armee von unbezahlten Spezialisten zu machen.


Angesichts der Corona-Krise blicken die freien Kreativen mit sehr gemischten Gefühlen auf die kommenden Monate. Die emotionale Palette reicht von Panik bis Zuversicht. "Die Lehman-Brothers-Krise 2008 war schon doof. Die Corona-Krise wird garantiert noch länger doof", sagt Kreativdirektor Sönke Busch. "Nach drei Monaten ohne Buchung wird es bei vielen von uns eng. Berufliche Freiheit hat dann leider auch etwas mit finanzieller Freiheit zu tun."

ADC-Mitglied Catrin Florenz sieht die Zukunft zumindest "nicht dunkelschwarz". Es sei klar, dass viele Kunden ihre momentane Kommunikation stoppen. „Die Welt hat sich in den letzten acht Tagen massiv geändert. Keine Kommunikation ist sicher nicht die Lösung. Im Gegenteil: interne Kommunikation ist wichtig. Gute Texter(innen) können helfen, sinnvoll zu kommunizieren und im "Home-Office für produktive Stimmung sorgen", stellt sie fest. "Auch in der Kommunikation nach außen bieten sich für Unternehmen Chancen. Freie Kreative liefern schnell gute Ideen, mit denen Unternehmen auf die neue Situation eingehen und mit kreativen Aktionen wichtige Image-Punkte sammeln können."


Bei dem früheren Publicis-Kreativchef Stephan Ganser, der heute als selbstständiger Einzelunternehmer mit seiner Firma Crazyredwool handverlesene Projektteams zusammenstellt, wurden nahezu alle Aufträge gestrichen. Deshalb kann er auch die meisten Freien aus einem Netzwerk nicht mehr mit Aufträgen versorgen. Er selbst habe zwar noch einen Freelancer-Job als Content-Stratege, der ihn aber allenfalls bis Mai über Wasser hält. "Dann ist der Puffer weg und ich muss Geld drucken", sagt Ganser. Dennoch will auch er nicht resignieren und setzt gerade in diesen Zeiten auf Weiterbildung und Solidarität. "Ich versuche, mein Wissen zu festigen und mich mit Dingen zu beschäftigen, die neu sind. Dafür gebe ich jetzt sogar Geld aus. Nach der Krise profitiere ich davon." In den sozialen Medien hat er angeboten, 30 Prozent seines Netto-Honorars an einen anderen, bedürftigen Freelancer abzugeben. Voraussetzung: Er bekommt Aufträge, die sich konkret auf dieses Hilfsangebot beziehen.

Ganser würde sogar kostenfrei für Unternehmen arbeiten, sofern sie glaubwürdig kein Budget freimachen können, aber dringend Hilfe brauchen. "Solidarität wird sich irgendwann auch wieder in Einkommen auszahlen – jetzt ist die Zeit, in der Freundschaften entstehen können." Kostenfrei zu arbeiten, egal, unter welchen Bedingungen, sei ein völlig falscher Weg, finden andere Freelancer. "Gerade jetzt dürfen wir keinesfalls Mega-Rabatte anbieten", warnt Daniel Ernsting. "Das wäre allen anderen unfair gegenüber. In unseren normalen Tagessätzen ist bereits ein Risikogeld einkalkuliert. Und dieser Risikofall tritt jetzt ein."

Ernsting ist mit einigen freien Werber-Kollegen in einer nicht-öffentlichen Facebook-Gruppe vernetzt. Hier tummeln sich neben ihm, Florenz und Busch renommierte Kreative und ADC-Mitglieder wie Jana Mohr, Kathrin Berger Gley, Holger Bultmann, André Hennen und Thomas Homoki. "Da herrscht eine sehr große Solidarität, die einen sehr beruhigt", sagt Texterin Jana Mohr. Jede interessante Frage vom Steuerberater über die Künstlersozialkasse bis hin zu freien Jobs werde diskutiert. "Eben habe ich mit meiner Art-Partnerin Kathrin Berger geskypt – wir spinnen an Ideen, überlegen Start-ups, neue Produkte. Alles wird aufgeschrieben und später rausgeholt."
Was Freelancer jetzt tun können
Laut dem Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) gibt es hierzulande rund 2,1 Millionen Solo-Selbstständige und 750.000 Kleinstunternehmen. Diese sind von der aktuellen Krisensituation besonders stark betroffen, da praktisch von heute auf morgen Aufträge und somit auch Einkommen wegfallen können. Die wenigsten sind in der Lage, über Monate hinweg von ihren Rücklagen zu leben. Folgende Möglichkeiten bieten sich an, um durch die Krise zu kommen:
Soforthilfeprogramm: Bund und Länder haben bereits eine Reihe von Soforthilfen für Freiberufler und Kleinstunternehmer in die Wege geleitet – dazu gehört die „Corona-Soforthilfe für Kleinstunternehmen und Solo-Selbständige“ der Bundesregierung. Dabei handelt es sich um ein Rettungspaket in Höhe von bis zu 50 Milliarden Euro, von denen 10 Milliarden als direkte Zuschüsse, der Rest in Form von Darlehen verteilt werden sollen 
Vorübergehende Steuersenkung: Nach Rücksprache mit dem Finanzamt bzw. Steuerberater ist es möglich, die Einkommensteuervorauszahlung für das Quartal herab- oder sogar auf null zu setzen.
Künstlersozialkasse: Lässt sich die Schätzung des gemeldeten voraussichtlichen Jahresarbeitseinkommens im laufenden Jahr nicht verwirklichen, weil zum Beispiel Aufträge storniert werden, besteht jederzeit die Möglichkeit, der KSK die geänderte Einkommenserwartung zu melden. Die monatlichen Beiträge werden auf Antrag den geänderten Verhältnissen angepasst.
Entschädigung bei Berufsausfall: Der VGSD hat mitgeteilt, dass auch Selbstständige und Freiberufler im Falle einer Covid-19-Quarantäne entschädigt werden sollen. Voraussetzung dafür ist, dass der Lebensunterhalt nicht durch Home-Office bestritten werden kann und die für den Ausfall verantwortliche Quarantäne behördlich angeordnet wurde. Das jeweilige Bundesland zahlt dann pro Monat ein Zwölftel des im Vorjahr veranschlagten Einkommens.
Die Freien stünden zwar am Ende der Nahrungskette, doch sie seien eben auch ein wichtiger Teil des Apparats. Das sieht die Bundesregierung ähnlich und hat Soforthilfen in Milliardenhöhe versprochen (siehe Kasten). Rückenwind bekommen die Freelancer von namhaften Branchenvertretern. Christoph Keese, CEO der Digitalberatung Axel Springer Hy, hat auf seinem Facebook-Profil ein ausführliches Statement dazu veröffentlicht: "Wir brauchen Kreative. Wir brauchen freie Mitarbeiter", heißt es dort. Er fordert unter anderem, dass man den Freien so viele Aufträge wie zuvor geben sollte. "Da alle Unternehmen jetzt (zumindest theoretisch) Zugang zu unbegrenztem Kredit haben, sollten sie diese neue Kapazität auch dafür nutzen, um Freien über die Runden zu helfen. Beispielsweise Google hat bereits einen Fonds für Freie und sonstige Lieferanten eingerichtet."

Apropos Google: In Bezug auf die Technologieunternehmen hat Texter André Hennen eine interessante Beobachtung gemacht. "Die Tech-Kunden zeigen sich sehr unbeeindruckt. Gefühlt bekommen die grade eher einen richtigen Schub, da jetzt auch der Letzte Cloud, Video-Konferenzen, VR-Meetings, Streaming et cetera nutzt. Da werden gerade richtig Budgets frei." Was auch funktioniert, sind "distant creating" und "distant producing", sagt Constantin Kaloff, der mit Open ein Freelancer-Netzwerk betreibt. Was er damit meint: Aktuelle Kampagnen werden mit Stock-Material und aus dem Home-Office heraus realisiert. Hier haben die Freien den Vorteil, dass zumindest Letzteres für sie keine Umstellung zu ihrem bisherigen Arbeitsalltag erfordert. "Wir sind flexibel und schnell. Wie sehr man das auch von den Unternehmen sagen kann, wird die nächste Zeit zeigen." bu
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