Uwe Kohrs zu Storymachine und Heinsberg-Protokoll

"Wir müssen aufpassen, wenn Leute meinen, für sie würden keine Spielregeln gelten"

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Uwe Kohrs ist Mitglied im Deutschen Rat für Public Relations
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Uwe Kohrs ist Mitglied im Deutschen Rat für Public Relations
Die Agentur von Kai Diekmann und seiner Frau Katja Kessler, Philipp Jessen und Michael Mronz beschäftigt den Deutschen Rat für Public Relations (DRPR). Das Organ der freiwilligen Selbstkontrolle untersucht, ob Storymachine beim "Heinsberg-Protokoll" gegen die Verhaltens- und Ethik-Kodizes der PR-Branche verstoßen hat. Ratsmitglied Uwe Kohrs, Chef der Frankfurter Agentur Impact und Chairman der Gesellschaft Public Relations Agenturen, erklärt, warum der DRPR zuständg ist.
Der DRPR untersucht das Vorgehen der Agentur Storymachine bei der Heinsberg-Studie. Laut Medienanwalt Christian Schertz, der die Firma vertritt, ist der Rat aber gar nicht zuständig, weil es sich bei Storymachine nicht um eine PR-Agentur handelt. Will sich der DRPR also nur wichtigmachen? Na ja, ich weiß nicht, wer sich hier wichtigmachen will. In der Sache gilt: Selbst wenn man meint, dass Storymachine keine PR-, sondern eine Social-Media-, Content- oder was auch immer für eine Agentur ist, heißt das noch lange nicht, dass für diese Agenturtypen keine Regeln gelten. Niemand in der Branche kann einfach über Tische und Bänke gehen, wie es ihm gefällt. Der DRPR hat nicht umsonst hierzu eine spezielle Online-Richtlinie verabschiedet.


Im Handelsregister hat Storymachine für sich als Unternehmensgegenstand definiert: "Die strategische Beratung von Unternehmen, Privatpersonen und öffentlichen Trägern in allen Fragen der Kommunikation … die Generierung von Content und (dessen) Distribution über sämtliche technische Plattformen z.B. Facebook, Instagram, Twitter, Apps". Klingt nach Social-Media-Agentur. Hat Herr Schertz also womöglich doch recht? Social Media ist integraler Bestandteil moderner Public Relations, was denn sonst? Fast jede PR-Agentur hat Social Media-Betreuung in ihrem Leistungsportfolio. Wir orientieren uns bei der Fall-Beurteilung aber ohnehin nicht nach Distributionswegen und Disziplingrenzen, sondern an der Vorgehensweise und den Inhalten. Ich habe noch Zeiten erlebt, in denen PR nicht das beste Image hatte. Der DRPR ist als Instanz gegründet worden, um den Ruf der Branche zu verbessern. Deswegen müssen wir besonders aufpassen, wenn heute wieder Leute meinen, für sie würden andere oder gar keine Spielregeln gelten.

Kai Diekmann und Philipp Jessen scheint das nicht sonderlich zu beeindrucken. Via Social Media zeigen die sich eher amüsiert. Das haben wir schon häufiger erlebt, und das interessiert den Rat nicht. Dazu fällt mir höchstens der Satz ein: Hochmut kommt vor dem Fall. Aber noch mal: Storymaschine gehört zur PR-Welt – auch die Herren Diekmann und Jessen, egal ob ihnen das nun passt oder nicht. Ich würde ihnen also dringend empfehlen, die Verhaltensgrundsätze der Branche, in der sie sich bewegen, ernst zu nehmen. Den Vorgang ins Lächerliche zu ziehen, kann man machen, ist aber kein Ausweis von Seriosität für die Agentur. Ganz so distanziert hat man sich in der Vergangenheit übrigens nicht gezeigt. Als der "PR Report" Storymachine als "Agentur des Jahres" nominierte, wurde das von Kai Diekmann noch via Twitter bejubelt.
„Auch die Herren Diekmann und Jessen gehören zur PR-Welt, egal ob ihnen das passt oder nicht“
Uwe Kohrs, Deutscher Rat für Public Relations
Was genau werfen Sie Storymachine überhaupt vor? Wir werfen denen gar nichts vor, wir untersuchen. Es geht um die Frage, ob ein Verstoß gegen die Verhaltenskodizes der PR-Branche vorliegt. Konkret: gegen das Transparenzgebot. Wir wollen klären, ob deutlich war, wer als Absender hinter der Kommunikation der Heinsberg-Protokolle stand und ob ausreichend Transparenz über die Finanzierung und die Interessen der Sponsoren gegeben war.


Die Agentur und ihr Medienanwalt Schertz sagen, man habe das klar und deutlich im Impressum dokumentiert. Nachdem Kritik aufkam, dass diese Angaben fehlen. In den Richtlinien ist festgelegt, dass auch für ungeübte Mediennutzer gekennzeichnet sein muss, wer und welche Interessen hinter einer PR-Maßnahme stehen. Auch wenn Kai Diekmann so tut, als seien Transparenzverstöße Lappalien.

Trauen Sie sich denn schon eine konkrete Einschätzung im aktuellen Fall zu? Es wäre absolut unprofessionell, sich dazu zu äußern, bevor die Überprüfung abgeschlossen ist. Der Rat versucht ja erst, sich ein genaues Bild von dem Fall zu machen. Dazu bitten wir die unmittelbar Beteiligten um Stellungnahme und wollen auch mit dem erweiterten Umfeld sprechen, zum Beispiel mit Journalisten, die zu diesem Thema recherchiert haben. Ausdrücklich nicht als Ratsmitglied, sondern als Privatmann, sage ich aber: Wenn ich mir die bisherige Presseberichterstattung anschaue, bedauere ich vor allem Professor Streeck von der Universität Bonn. Der ist bereits jetzt beschädigt. Und ich fürchte, auch die anderen Beteiligten haben sich keinen Gefallen getan, genauso wenig wie die Herren Diekmann, Jessen und Schertz.

Wie geht es jetzt weiter? Wie gesagt, wir sprechen mit den Beteiligten und Dritten. Das wird etwa zwei Wochen dauern. Dann formulieren die drei Ratsmitglieder, die sich unmittelbar mit dem Fall befassen, eine Empfehlung an den gesamten Rat, der dann mit einfacher Mehrheit entscheidet. Möglich sind ein Freispruch, eine Mahnung oder eine öffentliche Rüge. Öffentlichkeit und Transparenz sind die einzigen Instrumente, die uns als DRPR gegen Mauscheleien jedweder Art zur Verfügung stehen.
Interview: Mehrdad Amirkhizi
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