The Uncensored Library

Wie DDB und Reporter ohne Grenzen Minecraft für den Kampf gegen Zensur nutzen

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Nach dem weltweiten Kreativerfolg von "The Uncensored Playlist" folgt nun "The Uncensored Library"
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Nach dem weltweiten Kreativerfolg von "The Uncensored Playlist" folgt nun "The Uncensored Library"
Am heutigen Welttag gegen Internetzensur setzen Reporter Ohne Grenzen und die Berliner Agentur DDB einmal mehr ein starkes Zeichen für die Pressefreiheit. Mit "The Uncensored Library" knüpfen sie an den grandiosen Erfolg von "The Uncensored Playlist" an – der meistprämierten deutschen Werbeaktion des vergangenen Jahres.
Damals hatte DDB zusammen mit verschiedenen Partnern eine Spotify-Playlist erstellt, deren "Songtitel" in Wirklichkeit zensierte Presseartikel von Journalisten aus Ländern waren, bei denen die Pressefreiheit nicht viel wert ist. Während freie Informationen in Blogs, Zeitungen und Websites in vielen Ländern zensiert werden, ist der Zugang zu der Musikplattform Spotify ohne Einschränkungen möglich. Gleiches gilt für das Open-World-Spiel Minecraft, das selbst in Staaten wie Ägypten, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien und Vietnam, die auf den unteren Ränge des Pressefreiheits-Index von Reporter Ohne Grenzen stehen, ohne Einschränkungen zugänglich ist.


Die NGO kooperiert bei ihrer neuesten Kampagne mit Journalisten, die aus den zuvor genannten Ländern stammen. Zu den Unterstützerinnen des Projekts zählt Hatice Cengiz, die Verlobte des ermordeten Journalisten Jamal Kashoggi, der als scharfer Kritiker des saudi-arabischen Kronprinzen und des Königs von Saudi-Arabien galt. Seine Texte sind ebenso in der unzensierten Bibliothek zu finden wie die der im Exil lebenden russischen Journalistin Yulia Berezovskaia, des ermordeten mexikanischen Journalisten Javier Valdez, des ebenfalls im Exil lebenden vietnamesischen Bloggers und Menschenrechtsanwalt Nguyen Van Dai sowie Mitgliedern des unabhängigen ägyptischen Nachrichtenportals Mada Masr, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben.

Via Minecraft könnte Reporter Ohne Grenzen theoretisch mehr als 145 Millionen aktive Spielerinnen und Spieler erreichen. Das Team hofft darüber hinaus auf Presseberichte und Influencer-Empfehlungen. Gebaut wurde die digitale Bibliothek in Kooperation mit Block Works, einem internationalen Designstudio und Beratungsunternehmen für Minecraft-Projekte. 24 Minecrafter aus 16 Ländern haben mehr als drei Monate an dem Projekte gearbeitet und mit über 12,5 Millionen Blöcken einen neo-klassizistischen Bau in dieser digitalen Welt errichtet. Weitere Beteiligte sind die digitale Produktionsfirma Media Monks, die PR-Agentur The Humble Brag und die Musikproduktion DaHouse Audio.
Ein Teil des Spiels Minecraft besteht darin, Gegenstände zu sammeln und herzustellen – wie etwa Bücher. Minecraft-Bücher haben 100 Seiten und können frei beschrieben werden. Andere Gamer können diese Bücher anschließend lesen, den Inhalt allerdings nicht verändern und somit auch nichts zensieren. Ein eigener Server und digitale Sicherheitsmechanismen sollen dafür sorgen, dass dies auch so bleibt, berichtet Creative Director Patrik Lenhart, der bei DDB die Idee für "The Uncensored Playlist" hatte und die Fortsetzung gemeinsam mit den Tobias Natterer und Sandro Heierli entwickelt hat. Zudem hoffe die Agentur darauf, dass sich die Bibliothek durch die vielen aktiven Minecraft-Spieler sehr schnell multipliziert und somit selbst im unwahrscheinlichen Fall eines Hacker-Angriffs noch zahlreiche weitere Versionen davon kursieren.


Der Zugang zu der Bibliothek erfolgt über die Adresse visit.uncensoredlibrary.com. Sie kann auch als Minecraft Map heruntergeladen, geteilt und offline "gespielt" werden. Aktuell gibt es rund 200 Bücher, wobei die Sammlung kontinuierlich erweitert werden soll. Kristin Bässe, Pressereferentin von Reporter Ohne Grenzen hofft, dass die Organisation über das Spiel neue Zielgruppen erreichen und ihnen das wichtige Thema Pressefreiheit näherbringen kann. Bei "The Uncensored Playlist" sei man sowohl von Nachrichtentiteln wie Der Spiegel, The Guardian und Süddeutsche Zeitung thematisiert worden als auch von Musik- und Lifestylemagazinen wie Glamour und Pitchfork. Nun hoffe man darauf, auch in Publikationen der Gaming-Szene Gehör zu finden. Für DDB ist "The Uncensored Library" mehr als ein weiteres prestigeträchtiges Award-Projekt. Lenhart, der bereits die Idee für "The Uncensored Playlist" hatte, stellt fest, dass es von Anfang an die Intention gewesen sei, eine langfristige Kampagne im Kampf um die Pressefreiheit zu etablieren und unter dem Motto "Truth finds its way" immer neue, kreative Wege zu finden, die Zensur zu umgehen. bu
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