Studio Funk, Nhb, Blut & Co

Warum Musik- und Audioproduktionen derzeit in Berlin expandieren

Studio Funk hat sechs neue State-of-the-Art Tonstudios in Berlin gebaut
© Studio Funk
Studio Funk hat sechs neue State-of-the-Art Tonstudios in Berlin gebaut
Nach rund einem Jahr Bauzeit findet diese Woche die große Einweihung der neuen Räumlichkeiten von Studio Funk in Berlin statt. Pünktlich zum 25. Geburtstag des Berliner Standorts wird das Audio-Unternehmen mitten in der Hauptstadt in neuem Glanz erstrahlen. Dafür verschmelzen die bisherigen Berliner Standorte in Kreuzberg und Mitte zu einer rund 1000 Quadratmeter großen Einheit.

Das Traditionsunternehmen ist nicht das einzige, dass aktuell seine Präsenz in Berlin verstärkt. Auch andere Werbefilm-Dienstleister stellen sich in der Haupstadt neu auf beziehungsweise gründen Ableger. Im Fall von Studio Funk seien die neuen Räumlichkeiten eine ganz bewusste Entscheidung gewesen, erklärt Markus Weber, der die deutschlandweit tätige Unternehmensgruppe zusammen mit Klaus Funk leitet.  "Wirtschaftlich gesehen, hätten wir da bleiben können, wo wir waren – und weiter eine gute Effizienz erzielt. Mit sechs neu gebauten Studios haben wir die kostenintensivere Variante gewählt und damit ein großes Stück in die Zukunft und die Berliner Entwicklung investiert." Neben der technischen Ausstattung sei viel Wert auf das Ambiente gelegt worden. "Wir glauben daran, dass Kreativität durch die räumliche Atmosphäre beflügelt wird", stellt Weber fest.



Bei dem 1965 von dem Filmkomponisten Heinz Funk gegründeten Unternehmen ist der Name nur teilweise Programm: Funkspots machen gerade mal 20 Prozent des Geschäfts aus. Hauptsächlich ist Studio Funk für die Vertonung von Werbe- und Kinofilmen, Synchronisation von Filmen, Serien und Dokumentationen sowie die Komposition von maßgeschneiderten Musiken und Sounddesigns für unterschiedliche Genres zuständig. Die Berliner Niederlassung wird mit rund 20 fest angestellten Mitarbeitern alle diese Felder abdecken.
Bei dem Neubau hat Studio Funk viel Wert auf ein kreatives Ambiente gelegt
© Studio Funk
Bei dem Neubau hat Studio Funk viel Wert auf ein kreatives Ambiente gelegt
Nima Gholiagha steht als Studio-Manager an der Spitze der Hauptstadt-Dependance. Eine grundsätzliche Neupositionierung geht mit dem Umzug nicht einher. Vielmehr wolle man dem steigenden Bedarf nach Synchronisationen von Serien von Netflix, Amazon & Co besser gerecht werden. Dafür wurden zwei der neuen Studios mit der Surround-Sound-Technik Dolby Atmos ausgestattet. Weber merkt außerdem an, dass die Ansprüche der Industrie hinsichtlich maximaler Geheimhaltung mit zertifizierten DIN-Normen steigen würden. Auch darauf kann das Unternehmen künftig besser reagieren: Das neue Studio 6 ist eigens für ultrageheime Projekte konzipiert werden – zugangsgesichert und von anderen Studiowegen und Techniken abgekoppelt.

Der Schwerpunkt wird weiterhin im Bereich Werbung liegen – deshalb auch die hohe Anzahl von Studios. "Wir bauen grundsätzlich mehr Studios, als wir vielleicht ganztägig füllen können, um höchste Flexibilität bieten zu können – für megaschnelle Reaktionszeit bei kurzfristigen Anfragen oder Notfällen", sagt Funk. Berlin habe sich in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Hub für internationale Anfragen entwickelt – unabhängig, ob es sich hier um Werbe-, Film-, Musik- oder Serienprojekte handelt. Das hat zur Folge, dass aktuell sehr viel Bewegung auf dem Markt ist. "Die Unternehmen spüren, dass es in Berlin pumpt", stellt Weber fest. Wer hier erfolgreich sein will, müsse allerdings einen langen Atem mitbringen oder sich genau überlegen, wie er sich dort aufstelle.

Berlin boomt bei den Werbefilm-Dienstleistern 

In den frühen Nullerjahren gab es schon einmal einen Berlin-Hype. Damals wollten auch viele Werbefilm-Dienstleister mit einer Dependance in der Hauptstadt mitmischen. Viele von ihnen sind wieder gegangen und haben sich auf lukrativere Standorte wie Hamburg konzentriert. Mittlerweile gibt es immer mehr Start-ups und Industrieunternehmen, die in der Hauptstadt gegründet oder ihren Sitz dorthin verlegt haben. Außerdem sind neue Agenturen wie Antoni, Anomaly, Innocean oder der zweite Ableger von Jung von Matt hinzugekommen. In der Folge wagen sich auch immer mehr Werbefilm-Dienstleister hier an den Start. Erst kürzlich hat die Hamburger Post- und Soundproduktion Deli Creative Collective einen Ableger in der Hauptstadt eröffnet. Vor wenigen Tagen meldete sich außerdem Ex-Bigfish-Chefin Andrea Roman-Perse mit ihrer Neugründung Zauberberg Productions zurück.


Besonders umtriebig sind derzeit allerdings die Musikproduzenten. Hier gibt es gleich mehrere prominente Neugründungen: So ist Ende November der offizielle Launch der NHB-Tochter Supersonic. Die bisherige Unit NHB Music wird vollständig in der neuen Marke aufgehen, die sich als beratende Schnittstelle zwischen Kunden und Künstlern versteht. NHB-Chef Matthias Rewig hat das Konzept gemeinsam mit Eva Beck entwickelt. Die Musikexpertin kommt ursprünglich aus der Filmbranche und hat dort unter anderem als Music Supervisor bei den "Fack Ju Göhte"-Filmen mitgewirkt. Supersonic hat sich die drei Kernkompetenzen Musikproduktion, Musik-Supervision und Künstlerkooperationen auf die Fahnen geschrieben. In Kooperation mit der von Viktoria Renner geführten Agentur für Popkultur Ozmoze und Universal Publishing will Supersonic als kreatives Musikkollektiv für die Werbe- und Filmindustrie antreten.
Eva Beck leitet die neue Nhb-Tochter Supersonic
© Eva Beck
Eva Beck leitet die neue Nhb-Tochter Supersonic
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Blutjung. Hierbei handelt es sich um einen Ableger der Hamburger Audio-Produktion Blut, der Anfang 2019 seine Geschäfte in der Hauptstadt aufnehmen will. Robert Hosp leitet die Firma, die sich bewusst anders positionieren will als ihre hanseatische Mutter unter der Führung von Timo Blunck. Das neue Angebot ist eine Mischung aus Musikberatung, Musikproduktion und Künstleragentur. Auch hier geht es darum, Verbindungen zwischen Künstlern und Marken herzustellen. "Jeder Künstler bekommt bei uns eine eigene ‚Sedcard‘, durch die sich unsere Kunden selbstständig klicken und auch eine eigene Vorauswahl treffen können", erklärt Hosp. "Neben dem Hauptkriterium Musik achten wir bei unserer Künstlerauswahl auch auf andere Details, welche für unsere Kunden von Bedeutung sind: Image, Zielgruppe und das äußere Erscheinungsbild können je nach Briefing und Marke eine sehr wichtige Rolle spielen."
Robert Hosp geht Anfang Januar mit Blutjung, einem Ableger der Audio-Produktion Blut, in Berlin an den Start
© Robert Hosp
Robert Hosp geht Anfang Januar mit Blutjung, einem Ableger der Audio-Produktion Blut, in Berlin an den Start
Schon seit September ist die Musikproduktion Ginger am Start, gegründet von Shai Caleb Hirschson und Gordian Gleiß. Beide haben in der Vergangenheit für NHB gearbeitet und teilen noch eine weitere Gemeinsamkeit: ihre roten Haare – deshalb auch der Firmenname Ginger. "Berlin wird überrannt von kleinen Musikproduktionen", sagt Hirschson. "Wir wollen nicht einfach nur eine weitere sein und mit dem Strom schwimmen, sondern dagegen." Deshalb haben sie anstelle eines anonymen Büros einen Laden eröffnet, wo jeder vorbeikommen kann und wo sie ihre Leidenschaft für Musik mit allen teilen wollen.

Während Branchenprimus Studio Funk auf seiner Größe, dem Netzwerk und langjähriger Erfahrung aufbauen kann, müssen sich die Newcomer erst noch beweisen. Dass es selbst mit einem großen Namen nicht so einfach ist, in Berlin Fuß zu fassen, hat kürzlich die Amsterdamer Produktionsfirma Sizzer erlebt: Standortleiter Nikolai van der Burg ist ein halbes Jahr nach dem offiziellen Start der Niederlassung schon wieder weg. Firmengründer Sander van Maarschalkerweerd sucht aktuell nach einem Nachfolger. bu

 
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