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Das Coronavirus beherrscht die Schlagzeilen
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Studie von Eyesquare

Corona-Krise - "Ein Angriff auf die Psyche"

Das Coronavirus beherrscht die Schlagzeilen
Was macht die Coronakrise mit den Deutschen, wie tief gehen die Ängste wirklich? Das Forschungsinstitut Eyesquare hat in einer Online-Panel-Studie 300 Menschen befragt, kommt zum Teil zu überraschenden Erkenntnissen und befasst sich auch mit der Frage, was die Krise für Medienkonsum und Marken bedeutet.
von Jürgen Scharrer Freitag, 13. März 2020
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Wem macht die Coronakrise am meisten zu schaffen? Antwort: Frauen mehr als Männern und - das ist erstaunlich - Jüngeren stärker als Älteren. Auch wenn die meisten Deutschen durchaus rational auf die Bedrohung reagieren, werden doch eine Reihe von Ängste getriggert. Und die gehen  zum Teil sehr tief. So schreiben die Verfasser der Studie: „Durch die Ansteckungsgefahr wird die unmittelbare menschliche Bindung selbst gestört. Dies zeigt sich am deutlichsten in den Hinweisen, dass dies nicht die Zeit für Opa und Enkelkind zum Kuscheln ist.“


Bemerkenswert ist auch die These der Verfasser, die Coronakrise habe auch eine „entlastende Dimension“. Konkret: „Nach all den Aufgaben, die an den Einzelnen herangetragen werden, vom Klima bis zum digitalen Wandel, werden all diese Probleme durch das eine Mega-Problem Corona relativiert. Für den Einzelnen bleiben Aufgaben und Anweisungen wie man sie sonst nur den Kindern gibt, etwa sich gründlich die Hände zu waschen, sich nicht ins Gesicht zu fassen und ähnliches.“

Die Ergebnisse im Einzelnen:

1. Corona erzeugt Angst und Bedrohung

Die Dynamik, die durch Corona hervorgerufen wird, unterscheidet sich deutlich von der Grippe: Corona wird mit Angst, Bedrohung, Schicksal, und Problem assoziiert. Aufgrund der fehlenden Erfahrung ruft Corona nicht nur konkrete Furcht hervor, sondern löst auch das Gefühl der allgemeinen Angst und Bedrohung aus.

2. Corona ist abstrakt und unsichtbar

Das Coronavirus ist bislang ein reines Medienereignis. Die Bilder sind dystopisch, scharf und ausschließlich. Corona ruft daher nicht nur konkrete Furcht hervor, sondern löst auch das Gefühl der allgemeinen Angst und Bedrohung aus.

3. Corona ist ein Angriff auf die Reproduktion

Menschen mit Kindern im Haushalt fühlen sich stärker bedroht (44% vs. 33%) und machen sich mehr Sorgen um sich (50% vs. 35%) und ihre Familie (61% vs. 49%) als Menschen ohne Kinder. In den jungen Altersgruppen tritt die Angst besonders stark auf.

4. Jüngere Erwachsene zeigen mehr unbewusste Dynamik als ältere Erwachsene

Bei den 16- bis 29-Jährigen tritt mehr ungutes Bauchgefühl auf: Ängste vor dem Tod werden intensiver gefühlt, als rational angegeben. Die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen stimmt häufiger Statements zu wie „Ich fühle mich von Corona bedroht“ (53% vs. 30% als Durchschnitt der übrigen Altersgruppen).  Dieses augenscheinlich irrationale Verhalten erklärt sich ebenfalls über den Angriff auf die Reproduktion. 


Viele Deutsche reagieren mit Verleugnung und Verdrängung auf die Corona-Gefahr. Bemerkenswert: Bei Männern sind diese Abwehrmechanismen deutlich stärker ausgeprägt als bei Frauen. Die Verfasser der Studie schreiben: „Während Frauen offener mit ihrer bewussten Angst umgehen, wollen offenbar Männer ihre Sorge weniger nach außen zeigen beziehungsweise sind sich dieser Gefühle weniger bewusst.“

Weitere Statements aus der Studie

„Eines der schmerzlichsten psychischen Momente von Corona ist, dass es dem ursprünglichen Begehren des Menschen nach dem realen Anderen entgegensteht. Durch die Ansteckungsgefahr wird die unmittelbare menschliche Bindung selbst gestört. Dies zeigt sich am deutlichsten in den Hinweisen, dass dies nicht die Zeit für Opa und Enkelkind zum Kuscheln ist.“

„Trotz all der negativen Auswirkungen der Corona hat uns erstaunt, dass der Abstand zur Grippe nicht größer ist. Es bleibt also zu vermuten, dass Corona auch entlastende psychische Dimensionen hat. Nach all den Aufgaben, die an den Einzelnen herangetragen werden, vom Klima bis zum digitalen Wandel, werden all diese Probleme durch das eine Mega-Problem Corona relativiert. Das Problem wird an den Staat delegiert. Für den Einzelnen bleiben Aufgaben und Anweisungen wie man sie sonst nur den Kindern gibt, etwa sich gründlich die Hände zu waschen, sich nicht ins Gesicht zu fassen und ähnliches.“

„Die hohe innere Psychodynamik, der angstbesetzte Außenraum, das Home-Office verstärken die Nutzung des Virtuellen. Dies wird sich in einem stark ansteigenden Medien- und Digitalkonsum manifestieren. Aktuell belegen das bereits die TV-Quoten. Dabei werden vor allem Angebote profitieren, die bekannt sind. Im Konsum werden aus Gründen der Sicherheit und Entlastung vor allem bekannte Marken gewählt. Die Aufmerksamkeitsfenster der Kunden gegenüber medialer und digitaler Berührung sind entsprechend weit geöffnet.“

„Das Bedürfnis der Menschen nach äußerer Wahrnehmung spiegelt sich in einem erhöhten Medienkonsum wider. In der öffentlichen Kommunikation sollte deshalb begonnen werden, der gestaltlosen Bedrohung, die von den Corona-Nachrichten ausgeht, andere Bilder und weitere emotionale Töne entgegenzustellen. Dies kann durch ausführliche Erklärungen, sinnhafte Deutungen des Geschehens und vor allem durch menschliches Beispiel und Vorbild geschehen. Das ist notwendig, um statt der reinen Vermeidung umfangreichere Bewältigungsstrategien anzubieten.“
 
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