Reaktion auf Sexismus-Debatte

Scholz & Friends strebt Frauenquote von 50 Prozent im Management an

   Artikel anhören
Scholz & Friends-Chef Frank-Michael Schmidt will mit seiner Agentur eine Vorreiterrolle in Sachen Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion einnehmen
© Gesche
Scholz & Friends-Chef Frank-Michael Schmidt will mit seiner Agentur eine Vorreiterrolle in Sachen Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion einnehmen
Wenn schon, dann richtig, hat sich die Führungsriege von Scholz & Friends offensichtlich nach der Debatte um Sexismus und Diskriminierung in den eigenen Agenturen gedacht. Die Gruppe gibt sich nicht mit einer vagen Absichtserklärung zufrieden, sondern verordnet sich selbst eine ambitionierte Frauenquote, die Teil eines Aktionsplans für mehr Diversität, Gleichstellung und Inklusion ist. Demnach soll bis Ende 2022 soll einen Frauenanteil von 50 Prozent bei den Führungskräften der Scholz & Friends Group erreicht werden.
Im ersten Schritt ist bis Ende kommenden Jahres ein Frauenanteil von 30 Prozent auf den beiden obersten Führungsebenen der Agenturen (Partnerboard und Geschäftsführung summiert) vorgesehen. Erste Maßnahmen zur Realisierung dieses Ziels hat die Agentur schon vor einigen Wochen unternommen: Das Partnerboard der Agentur wurde mit Catherine Gaudry und Christiane Stöhr um zwei Frauen erweitert. Gaudry verantwortet im obersten Managementgremium seit 1. September die Bereiche Diversität, Gleichstellung und Inklusion.

Als Head of Talent and Transformation war sie bereits zuvor mit diesem Themenfeld befasst. Stöhr steht seit 2007 als Co-Chefin an der Spitze der Agentur Scholz & Friends Reputation. Im Board soll sie künftig die Themen Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung vertreten.

Meist gelesen auf Horizont+
Mit der Beförderung der beiden Managerinnen hatte Scholz & Friends die Frauenquote im Partnerboard auf einen Schlag von 10 auf 25 Prozent gesteigert. Das hatte, weil kurz nach dem Erscheinen eines Zeit-Artikels zu Sexismus- Vorwürfen aus den Reihen der weiblichen Beschäftigten von Scholz & Friends, auch zu negativen Kommentaren geführt. Es sei ein Reflex auf die Vorwürfe und solle von den Problemen ablenken, konnte man in Social-Media-Posts lesen.

Mit ihrer selbst verordneten Frauenquote geht die WPP-Tochter jetzt noch einen Schritt weiter. Bis Ende 2022 sollen die Führungspositionen in der Agentur zur Hälfte mit Frauen besetzt sein. Das betrifft die Director-Ebene, Geschäftsleitung, Geschäftsführung und das Partnerboard. Schon Ende nächsten Jahres sollen mindestens 30 Prozent der Positionen in den beiden obersten Führungsetagen - Geschäftsführung und Partnerboard - mit Frauen besetzt sein.

Derart ambitionierte Ziele sind nur mit festgeschriebenen Regeln und Prozessen zu realisieren, die einen umfassenden Change-Prozess erfordern, in dem Auswahlprozesse, Kommunikation, Wertegerüst und vieles mehr überprüft und wahrscheinlich überarbeitet werden müssen. Dazu legt Scholz & Friends einen fünfstufigen Aktionsplan vor. Darin sind unter anderem Details zur Umsetzung der Frauenquote erörtert. Die weiteren vier Hauptpunkte betreffen die Förderung von Fach- und Führungskräften, die kontinuierliche Sensibilisierung für Themen rund um Diskriminierung und unbewusste Vorurteile inklusive der Stärkung des Dialogs, mehr Sichtbarkeit für diese Themen nach innen und außen sowie eine konsequente Sanktionierung bei individuellem Fehlverhalten und nachhaltige Messung der unterschiedlichen Ziele.

„Werte dürfen nicht Worte bleiben. Deshalb haben wir konkrete und verbindliche Entscheidungen getroffen, an denen wir uns messen lassen.“
Frank-Michael Schmidt
Frank-Michael Schmidt, CEO Scholz & Friends, erklärt: "Der heute verkündete Aktionsplan drückt den Anspruch von Scholz & Friends aus, bei den Themen Diversität und Gleichstellung Maßstäbe zu setzen. Mit unserem weitreichenden Maßnahmenpaket wollen wir eine systemische, nachhaltige und zukunftsweisende Antwort auf die Diskussionen der vergangenen Wochen geben. Werte dürfen nicht Worte bleiben. Deshalb haben wir konkrete und verbindliche Entscheidungen getroffen, an denen wir uns messen lassen."

Wie ambitioniert das Vorhaben der Agentur ist, zeigt der Blick auf die Führungsriegen anderer Agenturen: Von einer 50-Prozent-Quote sind sie weit entfernt – die weiblichen CEO deutscher Agenturen lassen sich mit den Fingern abzählen. Statistiken dazu gibt es wenig. Laut der mehrfach aufgelegten Human-Resources-Management-Studie des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen GWA ist die Zahl der Frauen in Top-Führungspositionen bei Agenturen sogar gesunken, von 4 Prozent im Jahr 2014 auf gerade mal 2,9 Prozent im Jahr 2017. Und auch 2019 haben die Impressen der wichtigsten deutschen Agenturen an der Spitze kaum Neues  gezeigt: Bei den Top-10-Inhaberagenturen gibt es drei Frauen in Vorständen beziehungsweise Partnerkreisen – aber mehr als zehnmal so viele Männer auf diesen und ähnlichen Positionen; bei den Top 10 aus dem HORIZONT-Kreativranking sind fünf Frauen im General Management zu finden, bei den zehn umsatzstärksten Corporate-Design- und Digitalagenturen jeweils drei und bei den größten PR-Dienstleistern zwei. Geändert hat sich daran bis heute wenig. Die Zahlen stehen zwar nur für einen kleinen Ausschnitt der Kommunikationsdienstleister in Deutschland. Sie sprechen dennoch für sich. Agenturen haben übrigens – wie viele andere Branchen auch – nicht nur Nachholbedarf bei der Frage nach Gleichstellung von Frauen und Männern sondern auch bei weiteren Diversity-Dimensionen wie Alter und Herkunft. Die zitierte GWA-Studie zeigt auch, dass die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter deutscher Herkunft ist und Fachkräften ab Mitte 40 keine berufliche Heimat mehr bietet. Fakten, die zunehmend auch den Auftraggebern der Dienstleister missfallen. Immer häufiger ist zu hören, dass sie diverse Teams anfordern, da sie ihre Produkte eben auch an eine diverse Kundschaft verkaufen wollen. Das sei mit einem homogenen Team schlechter umzusetzen, weil das Verständnis für große Teile der Zielgruppen fehle, so die Haltung bei immer mehr Werbungtreibenden.

Scholz & Friends könnte sich also mit einem ernst gemeinten und umfassend umgesetzten Programm für mehr Vielfalt einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Wesentlich wichtiger dürfte aber sein, dass so ein Beispiel entstehen könnte, das andere Agenturen nachziehen lässt. Nach dem Skandal um die in dem Zeit-Artikel beschriebenen Vorfälle, die teils ins Jahr 2016 zurückreichen, dürfte es der Agentur zudem helfen, ihr angekratztes Image zu korrigieren. ems/bu
Kommentare

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

    stats