Leica-Designer Christoph Gredler

"Natürlich haben wir auch über ein eigenes Smartphone nachgedacht"

Der Principal Designer von Leica Camera Christoph Gredler ist am 13. September bei ADC Design Experience in Stuttgart zu Gast
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Der Principal Designer von Leica Camera Christoph Gredler ist am 13. September bei ADC Design Experience in Stuttgart zu Gast
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Bei der ADC Design Experience wird Christoph Gredler, Principal Designer von Leica Camera, über die Rückkehr zum Wesentlichen in der Fotografie sprechen. Im Vorab-Interview mit HORIZONT verrät er, warum eine Kamera ohne Display gerade im digitalen Zeitalter die Kreativität fördert. 

Sie vertreten die These, dass eine Kamera ohne Display der Kreation Gutes tut. Warum sind Sie davon überzeugt?
Durch das fehlende Display kann sich der Nutzer wieder mehr auf das Wesentliche konzentrieren. Der Druck fällt weg, sich selbst immer wieder mit einem Blick auf das Display zu kontrollieren. Stattdessen muss sich der Fotograf im Vorfeld die Zeit nehmen, um zu überlegen, wie das Foto aussehen soll. Der Fokus wandert weg vom Display, hin zu den Grundpfeilern der Fotografie: Blende, Verschlusszeit und Iso-Einstellung. Ich glaube, das beeinflusst das Ergebnis schon sehr stark.



Das mag sein. Dennoch ist es mehr als ungewöhnlich und in Zeiten der Digitalisierung auch mutig, eine Kamera ohne Display herauszubringen, wie Sie es vor vier Jahren mit der Leica M Edition 60 getan haben. Haben Sie diesen mutigen Schritt je bereut?
Nein. Natürlich gab es Zweifel, ob das richtig ist. Aber es hat funktioniert. Und wenn es ein Unternehmen weltweit gibt, das sich herausnehmen kann, so eine Kamera auf den Markt zu bringen, dann Leica. Einer anderen Marke würde ich das nicht zugestehen.

Bei der ADC Design Experience werden Sie darüber sprechen, wie wichtig es ist, den Moment des Festhaltens zu zelebrieren und ihn zu etwas Besonderem zu machen. Wie passt das zu der schnelllebigen Generation Instagram?
Heute kommt es mehr und mehr darauf an, Geschichten zu erzählen, um die Leute mitzureißen. Wer den Moment des Festhaltens bewusst erlebt, der schafft etwas von besonderem Wert. Überlegen Sie mal: 2017 wurden weltweit insgesamt 1,2 Billionen Digitalfotos geschossen. Das ist eine unglaubliche Zahl! Ich bin überzeugt davon, dass diese schiere Masse an Bildern einen Gegentrend auslöst und die Sehnsucht weckt, etwas Besonderes zu kreieren, um sich auf diese Weise vom Point-and-Shoot Smartphone-User abzugrenzen.
ADC Design Experience
Am 13. und 14. September findet in Stuttgart die 4. ADC Design Experience statt. Dieses Jahr dreht sich alles um "Humanity Design". Unter diesem Leitmotto werden Fragen rund um die Neubestimmung der Beziehung zwischen Mensch und Maschine diskutiert. Zu den Highlights der zweitägigen Veranstaltung gehört der Vortrag von Matthias Amm, Product Category Director von Adidas. Er wird das Kooperationsprojekt des Sportartikelherstellers mit Pharrell Williams’ Umweltschutzplattform Parley for the Oceans vorstellen. Adidas und Parley setzen mit ihrem Projekt ein Zeichen gegen Plastikmüll im Meer und zeigen, wie Design zu einer Bewegung werden kann. Was mit einem Schuh aus recycelten Materialien begann, gipfelt im Ziel des Sportartikelherstellers, keinen unrecycelten Kunststoff mehr in der gesamten Lieferkette zu verwenden, und in einem "Run for the Oceans." Mehr Infos zur ADC Design Experience gibt es hier.
Ein Point-and-Shoot Smartphone-User gehört aber nicht unbedingt zur Zielgruppe von Leica.
Generell schließt Leica natürlich diese Zielgruppe nicht aus, wir denken nur, dass Kameras trotzdem nach wie vor einen hohen Stellenwert und eine Existenzberechtigung neben dem Smartphone haben. Eine Leica M Edition 60 ist natürlich per se keine Kamera, mit der ein Otto Normalverbraucher ohne fotografische Kenntnisse so einfach zusammenkommt. Hier geht es wirklich um die essenziellen Funktionen der Fotografie. Man muss schon ein Foto-Enthusiast sein, um sich damit auseinanderzusetzen. Grundsätzlich haben wir aber durchaus das Bestreben, auch jüngere Generationen anzusprechen – beispielsweise mit der Leica Sofort.


Wie passt eine Sofortbildkamera zur Philosophie von Leica?
Sehr gut! Gerade der schnelle Fotokonsum via digitale Medien weckt eine gewisse Sehnsucht nach dem Analogen. Wir sind einer der wenigen Produzenten, die immer noch analoge Kameras wie die Leica M-A herstellen. Der Prozess der Entwicklung hat etwas Magisches. Und bei einer Sofortbildkamera entsteht die Magie vor den Augen des Fotografierenden. Das Ergebnis ist ein Unikat, das eben nicht direkt ins Internet hochgeladen und beliebig reproduziert werden kann. Das allein macht es schon zu etwas Besonderem. Generell haben wir natürlich auch erkannt, dass der Sofortbildmarkt stark wächst und uns deshalb dafür entschieden, in dieses Geschäftsfeld einzusteigen.

Noch stärker wächst der Smartphone-Markt, durch den Kompaktkameras quasi vom Markt verdrängt wurden. Hier liegt für einen Kamerahersteller doch eigentlich riesiges Business-Potenzial brach, das er mit einem eigenen Leica-Smartphone bedienen könnte. Haben Sie je darüber nachgedacht?
Natürlich. Deshalb gibt es auch eine Technologiepartnerschaft zwischen Leica und Huawei. Das Smartphone-Modell P9 wurde bereits 2016 in Kooperation entwickelt, seitdem sind mehrere Modelle am Markt, um auch dieses Thema voranzutreiben. Ob es künftig ein eigenes Leica-Device geben wird, kann ich aktuell allerdings nur schwer beurteilen.

Was halten Sie generell davon, wie die sozialen Medien und insbesondere Instagram die Fotografie verändert haben?
Ich sehe das positiv. Es gibt so viele Menschen wie nie zuvor, die dazu beitragen, Fotografie auf ein neues Level zu heben. Instagram sehe ich weniger als Fotografie-Plattform, sondern mehr als Kommunikationsmedium, das den Markt erweitert. Es ist ein Feld hinzugekommen, aber das ändert nichts daran, dass es auch weiterhin Fotografie in der uns bekannten Form, zum Beispiel Galerie- oder Kriegsfotografie, geben wird – Felder, mit denen Fotografen ganz anders umgehen, auch wenn sie unter Umständen Fotos auf Instagram posten.

Sind Sie selbst bei Instagram aktiv?
Ich besitze einen Account, habe selbst aber noch nie ein Foto hochgeladen. Ganz ehrlich: Als Designer von Leica neigt man schon sehr zum Detailperfektionismus. Ich würde mir selbst sehr viel Druck machen, den ich eigentlich gar nicht haben möchte. Außerdem würde ich wohl sehr viel Zeit damit verbringen, die Fotos nachzubearbeiten, versuchen, den Bildausschnitt zu optimieren, oder auch nur eine Minimalkorrektur von stürzenden Linien. Vielleicht nehme ich mir aber in Zukunft Zeit dafür.

Dafür gibt es inzwischen doch jede Menge Apps, mit denen die Bildbearbeitung ganz schnell geht. Das führt dann wiederum zu der Frage: Weshalb sollten sich Menschen heute überhaupt noch so intensiv mit der Magie des Fotografierens auseinandersetzen, wo es doch digital die besten Möglichkeiten gibt, jedes noch so mediokre Bild aufzuhübschen?
Aus technischer Sicht spricht vielleicht nicht so viel dafür. Aber es geht heute auch mehr denn je darum, mit seinen Bildern eine Geschichte zu erzählen. Und da gehört auch die Geschichte dazu, wie das Foto entstanden ist. Es ist der emotionale Kontext, der einen ein Bild anders erleben lässt, und das Bestreben, eine möglichst naturgetreue Abbildung einer Situation abzuliefern. Gerade in Zeiten der visuellen Reizüberflutung wird das zu einem wesentlichen Aspekt.

Welche weiteren Produktinnovationen beziehungsweise Themen stehen bei Ihnen auf der Agenda? 
Ich kann natürlich nicht konkret auf Projekte eingehen, jedoch wird Leica natürlich in der heutigen Zeit, wo sich Technologie so rasch weiterentwickelt, vor neue Herausforderungen gestellt. Speziell im Bereich des Computational Imaging, wo Software mehr und mehr das generiert, was zuvor eine hochwertige Optik kreiert hat, muss Leica weiterhin seine Position behaupten beziehungsweise seinen eigenen Weg finden. bu

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